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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Das Geräusch schien von dort zu kommen. Vielleicht bewegte einfach Luftzug das Papier, und das war schon die ganze Erklärung.

Look war gerade soweit, diese simple Erklärung nicht nur glauben zu wollen, sondern es auch tatsächlich zu tun, als sich die Zeitung zu bewegen begann.

Sie faltete sich auseinander, ordnete sich neu, und zugleich begannen auch die acht Zentimeter großen Lettern der Schlagzeile wild durcheinanderzuwirbeln und sich dann zu einem neuen Sinn zu gruppieren. Trotz der Entfernung und des praktisch nicht vorhandenen Lichts konnte Look die Worte deutlich lesen. Er hätte es wahrscheinlich auch gekonnt, wenn sie nicht dagestanden hätten.

Als er die Zeitung fallen gelassen hatte, hatte die Schlagzeile gelautet: BIZARRER SELBSTMORD.

Jetzt lautete sie: DREI WEITERE OPFER. Look war jetzt schlagartig und vollkommen nüchtern. Er stöhnte. Seine Kiefer preßten sich so fest zusammen, daß sein Zahnfleisch zu bluten begann, ohne daß er es auch nur bemerkte. Natürlich wußte er, daß diese drei Worte dort nicht standen. Sie konnten nicht dort stehen, denn es gab nur zwei Menschen auf der Welt, die wußten, was sie bedeutet hätten, und einer davon war seit heute morgen tot. Aber sie hätten dort stehen sollen, denn es war die Wahrheit, sein ganz persönliches, finsteres Geheimnis, das ihn zum Trinken gebracht und sein Leben zerstört hatte: Kifi Rosen war seinem Spitznamen noch dreimal auf fürchterliche Weise gerecht geworden, nachdem er mit Hilfe seines Rechtsanwaltes und Looks gekaufter Falschaussage der Klapse und anschließender lebenslanger Sicherheitsverwahrung entgangen war. Er war sehr viel geschickter vorgegangen als vor seiner Verhaftung, hatte Jahre verstreichen lassen, in denen er ein mustergültiges Leben geführt hatte, und war selbst dann vorsichtig geblieben, als seine kranken Triebe wieder die Oberhand über sein Handeln gewonnen hatten. Diesmal hatte er kein falsches Alibi gebraucht, denn er hatte einfach keine Spuren hinterlassen. Nicht einmal Leichen.

Aber er hatte es Look gesagt. Und was willst du tun, Arschloch? Mich bei den Bullen anzeigen? Nur zu. Vielleicht kriegen wir ja eine gemeinsame Zelle. Dann wird es nicht so langweilig, weißt du?

Das Insektenatmen wurde lauter. Die Zeitung hörte auf, sich zu bewegen und zu rascheln, und dann gerann die Schwärze auf der Treppe zu einem riesigen, mehr als zwei Meter großem Umriß, kein Körper, sondern einfach ein scharf umrissener Fleck des tiefsten Schwarz, das Look jemals gesehen hatte. Die Gestalt hätte ein Mensch sein können, ein Vampir aus einem alten Horrorfilm mit Boris Karloff, der sich in seinen Mantel gehüllt hatte, aber auch ein aufrecht stehender, übermannsgroßer Käfer. Unsichtbare Augen starrten Look voller absoluter Gnadenlosigkeit an. Look konnte sie sowenig sehen wie das Gesicht, zu dem sie gehörten, aber ihr Blick war wie Säure.

Eine sonderbare Art von Ruhe überkam Look. Er hatte Angst, unendlich große Angst, aber es war keine Angst vor dem ... Ding da unter ihm, von dem er nur wußte, daß es nichts anderes als eine Ausgeburt seiner Fantasie war. Er wußte sogar ziemlich genau, was mit ihm passierte. Delirium tremens, so nannte man es wohl. Er hatte geahnt, daß es eines Tages geschehen würde. Schließlich hatte er lange genug darauf hingearbeitet. Er hatte nur nicht gedacht, daß es so sein würde.

Die groteske Kreatur regte sich, faltete raschelnd das auseinander, was er für einen Mantel gehalten hatte, und darunter kam tatsächlich etwas zum Vorschein, was wie eine Kreuzung aus einem Insekt und ... irgend etwas aussah: schlank, riesig, schimmernd wie braunrotes Chitin und mit einem gewaltigen, dreieckigen Schädel, der ganz von einem Paar grausamer Augen beherrscht wurde. Zitternde Fühler tasteten in seine Richtung, als das Ding Witterung aufnahm.

Look sah mit fast wissenschaftlichem Interesse zu, wie die Kreatur eines ihrer grotesk dürren Beine ausklappte und einen einzelnen, staksenden Schritt in seine Richtung tat. Er war ziemlich überrascht, wozu seine eigene Fantasie imstande war. Mit Willenskraft hätte er sich eine so bizarre Kreatur niemals vorstellen können. Sie wirkte so unglaublich echt.

Was dann geschah, das hätte ihn unter allen anderen denkbaren Umständen vor Lachen einfach losbrüllen lassen. Und selbst jetzt beinahe. Aber eben nur beinahe. Und auch das nur im ersten Moment.

Die Wohnungstür flog auf, und Frau Blockwart Hier-regiere-ich-und-sonst-keiner stürmte heraus, gefolgt von einem kläffenden, nassen Fellbündels von der Größe eines Hausschuhs. Der Anblick war trotz allem einfach absurd, denn die Hüterin des Hauses hatte sich tatsächlich mit einem Teppichklopfer bewaffnet, um wieder Ruhe und Ordnung in ihr Reich zu bringen! Ihr Gesicht war dunkelrot vor heiligem Zorn, und ihre vollgepinkelten Hausschuhe erzeugten quatschende Geräusche, während sie schnaubend auf ihn losstürmte. Obwohl das Licht, das aus ihrer Wohnung drang, direkt auf das Ungeheuer fiel, nahm sie es nicht einmal zur Kenntnis, sondern stürmte schnaubend an ihm vorbei, gefolgt von ihrem kläffenden Köter. Look beobachtete die absurde Szene mit einer Mischung aus Unglauben, hysterischer Heiterkeit und der allmählich aufdämmernden Erkenntnis, das er gleich mit einem Teppichklopfer verprügelt werden würde.

Und es kam noch schlimmer. Die Dicke wälzte sich schnaubend die Treppe hinauf, wobei sie ihr Körpergewicht immer mit einer Hand auf dem Knie abstützte, während sie das andere Bein in die Höhe stemmte. Ihr Köter versuchte ihr zu folgen, aber das Vieh war so dämlich, daß es nicht auf, sondern mit voller Wucht vor die erste Treppenstufe sprang, und mit einem Quieken zurückfiel.

Als er sich wieder aufrichten wollte, streckte das Ungeheuer einen seiner dürren Arme aus und riß ihm den Kopf ab.

Looks Herz setzte für einen Schlag aus. Dann noch einen. Und noch einen. Als es weiterhämmerte, geschah es mit zehnfacher Schnelligkeit und so hart, daß er schlagartig am ganzen Leib zu zittern begann. Er wartete darauf, daß die Angst zuschlug, aber das geschah nicht. Sein Körper reagierte schneller auf den Schock als sein Geist. Er empfand ... nichts.

Die Dicke war mitten im Schritt stehengeblieben und hatte sich herumgedreht, als sie das erschrockenen Fiepen ihres kleinen Lieblings hörte. Für eine oder zwei Sekunden stand sie wie zur Salzsäure erstarrt da und starrte auf das blutende, kopflose Fellbündel herab, das am Fuße der Treppe lag. Dann hob sie unendlich langsam den Kopf.

Das Ungeheuer war näher gekommen und stand jetzt unmittelbar vor der Treppe, drei Stufen unter ihr. Trotzdem befanden sich ihre Gesichter nahezu auf gleicher Höhe. Look konnte nicht erkennen, was sich auf dem der Dicken abspielte, und die braunrote Chitinmaske des Ungeheuers war zu keiner Regung fähig.

Die Dicke sagte kein Wort. Sie gab nicht einmal mehr dieses komische Quietschen von sich, das Look vorhin gehört hatte. Aber nach ein paar Sekunden streckte das Ungeheuer die Klaue aus, die den abgerissenen Hundeschädel hielt, und drückte ihn der Dicken in die Hand. Sie ergriff ihn, blickte darauf hinab und fiel in Ohnmacht.

Der dumpfe Laut, mit dem sie rücklings auf der Treppe aufschlug, riß Look endlich aus seiner Erstarrung. Er schrie gellend auf, wirbelte auf der Stelle herum und raste los. Hinter ihm stieß das Ungeheuer ein rasselndes Tracheenatmen aus und setzte mit staksigen, aber ungeheuer schnellen Bewegungen zur Verfolgung an.

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