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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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Gegen Mittag schlief er ein. Es war ein kurzer und unruhiger Schlaf, und doch fühlte er sich besser, als er erwachte, er meinte viele Stunden geschlafen zu haben. Er brachte es nun zuwege, ein wenig in seinem Seneca zu lesen. Bald aber legte er das Buch aus der Hand. Er sagte sich, der Tag sei nun zu Ende, gleich käme die Dämmerung, und bei schwindendem Licht sei nicht gut lesen. Es war aber noch früh am Nachmittag.

Dennoch verging ihm der Rest des Tages ein wenig rascher, denn jetzt begannen die Kapuziner in ihrem nahegelegenen Kloster mit ihrem Läuten, Klingeln und Chorsingen. Der Brouza, der gegen neun Uhr abends kam, fand ihn ruhiger, als er erwartet hatte. Der van Delle versuchte sich aufzurichten und wollt' gleich alles wissen, aber der Brouza legte den Finger an die Lippen.

»Leise, Herr, leise!« sagte er. »Es sind zwei von den Gärtnerburschen ganz in der Näh', die könnten Euch hören.«

Flüsternd fragte der van Delle, wie es oben stünde, ob der Lärm groß gewesen sei, und ob man ihn schon in den Herbergen und auf den Landstraßen suche.

Der Brouza stellte seinen Rückenkorb auf die Erde und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dann schlug er Feuer und machte Licht.

»Es hat keinen Lärm gegeben«, berichtete er. »Sie wissen es noch gar nicht, daß Ihr fort seid.«

»So hat mich der Kaiser nicht zu sich befohlen?« rief der van Delle.

Der Brouza öffnete die Tür ein wenig und blickte hinaus. Die beiden Gärtnerburschen waren nicht mehr zu sehen. Man hörte ihre Stimmen aus einiger Entfernung.

»Sie sind fort«, sagte er. »Nein, der Kaiser hat nicht nach Euch gefragt.«

»Und er hat auch nicht den Palffy oder den Malaspina zu mir geschickt?« wollte der van Delle wissen.

»Nein, keiner von des Kaisers Kammerherren kam, um nach Euch zu sehen«, sagte der Brouza.

»Ich kann das nicht verstehen«, rief mit Kopfschütteln der van Delle. »Ist heute der St. Wenzelstag oder wessen Tag ist heute?«

Der Brouza traf die Vorbereitungen zum Abendessen. Er rückte den Tisch in die Nähe des van Delle und legte ein weißes Tuch auf.

»Vielleicht hat der Kaiser, weil eben heute St. Wenzelstag ist, nicht Zeit gefunden, sich um Euch zu bekümmern«, meinte er. »Denn der St. Wenzelstag ist für ihn immer ein verdrießlicher Tag. Er soll mit der brennenden Kerze in der Hand in der Prozession gehen, sich der Menge zeigen, und das tut er nicht gerne. Der Herr Erzbischof und der Bischof von Olmütz waren beide in Audienz bei ihm, haben ihm beweglich vorgetragen, wie mein in einer Zeit, da der Utraquismus überall im Königreich sein ketzerisches Haupt erhebe, dem frommen katholischen Volk das gewohnte Schauspiel und Gepränge nicht vorenthalten dürft' und wie auch sein Vater, der verewigte und in Gott ruhende Kaiser Maximilian II., es niemals unterlassen hätt', an des heiligen Wenzels Tag in der Prozession zu gehen.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann holte er aus seinem Korb ein Fischgericht hervor, eine kalte Platte, gesottene Eier, Früchte, Käse und eine Kanne Wein.

»Morgen«, sagte er, als müsse er den van Delle beruhigen und trösten, »wird Seine Majestät sich gewiß daran erinnern, daß Ihr Euren Kopf verwettet und verloren habt.«

Siebzehn Tage blieb der van Delle in seinem Asyl, in der Hütte des Brouza, siebzehn Tage lang ereignete sich nichts, es schien, als ob der Kaiser ihn vergessen hätte. Anfangs fiel es ihm schwer, den Tag in Müßiggang und mit Träumereien zu verbringen, dann aber fand er Mittel, sich die Zeit ein wenig zu vertreiben. Er beobachtete die Ameisen in der Hütte, von denen es zwei Arten oder Völker gab, die roten und die braunen, und sie glichen darin den Menschen, daß die einen mit den andern nicht Frieden halten konnten, sondern sie stellten einander mit meuchlerischen Anschlägen nach. Er sah das Netz der Spinne und wie die kleinen Mücken in der Spinnwebe hängen blieben, indes die großen Wespen hindurchfuhren, auch wiederum ein Sinn- und Spiegelbild der Zeit und der menschlichen Dinge. Er lernte, daß, wenn er dreimal den Rosenkranz betete und zweimal das Credo, just acht Minuten vergangen waren. Er übte sich im Gehen, erst mit Hilfe eines Stocks, dann ohne einen solchen, und des Nachts trat er bisweilen vor die Hütte und betrachtete den Sternenhimmel.

Mit dem Brouza, der hin und wieder auch tagsüber in die Hütte kam, denn Vorsicht war nun minder nötig, führte er lange Gespräche. Uber die Natur der Menschen, und wie auch das Glück der Mächtigen und Reichen nur armselig sei, gemessen an der Unersättlichkeit ihrer Wünsche. Über die großen Kräfte, die in Edelsteinen und Metallen, im Blut gewisser Tiere und in den Pflanzen, die man bei Vollmond pflückte, verborgen lagen. Von einem Meerfisch berichtete er ihm, den die Gelehrten »Uranoscopus« nannten, der habe nur ein Auge und mit diesem blicke er immerdar den Himmel an, und die Menschen, begnadet mit zwei Augen, täten dies nicht. Er wies dem Brouza zwei Gestirne, die sich unablässig nach Osten bewegten, einem unbekannten Ziel zustrebend, der eine in höchster Eile fliehend, der andere in Verfolgung. Und dieses Zeichen, sagte er, bedeute den Tod hoher Prinzen, Verräterei der Bedienten, Veränderung in der Religion und in der Regierung vieler Länder, kurz, großen Jammer. Der Astrologe könne diese Ereignisse wohl voraussehen, aber nicht abwenden. Denn die höchste Weisheit, die zu erlangen sei, liege beschlossen in den Worten: Herr, Dein Wille geschehe, so im Himmel, wie auch auf Erden.

Der Brouza wiederum berichtete dem van Delle, daß der Kaiser höchst ungehalten sei über den Erzbischof von Prag, den Olmützer Bischof und den heiligen Wenzel, denn er habe sich bei der Prozession mit dem Kerzenlicht den Bart versengt. Er habe ferner der Hofküche zwei Dukaten bewilligt, um die Klauen der Wildschweine, die auf die kaiserliche Tafel kamen, zu vergolden. Und daß die Metzger der Judenstadt, die das Fleish für die Fütterung der im Hirschgraben gehaltenen wilden Tiere beizustellen gehalten waren, an das Obersthofmeisteramt einen Brief gerichtet hatten, der mit Segenswünschen und einer Anrufung Gottes in hebräischer Sprache begann, und die hebräischen Schriftzeichen sähen Schüreisen, Krückstöcken, Ofenröhren und Mehlschaufeln gleich.

Am achtzehnten Tag kam der Brouza zu einer ungewohnt frühen Stunde schon am Vormittag in die Hütte.

»Herr«, sagte er, als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, »ich habe kaum Atem, so eilig bin ich zu Euch gelaufen.«

»Und was bringst du für Nachricht?« fragte der Alchimist.

»Die allerbeste, die Ihr Euch wünschen könnt«, gab der Brouza zur Antwort, und dann berichtete er, daß die beiden Hakenschützen, die vor der Tür der Werkstatt postiert waren, ihrem Leutnant gemeldet hätten, daß er, der van Delle, sich schon seit zwei Wochen nicht gezeigt habe, auch sonntags nicht wie gewohnt zur Messe gegangen sei. Der Leutnant habe das dem Kommandanten der Leibwache rapportiert und hinzugefügt, daß die Türe versperrt sei, und daß auf Pochen keine Antwort käme. Der Kommandant der Leibwache habe dem Obersthofmarschall Meldung erstattet und dieser habe die Tür der Werkstatt gewaltsamm öffnen lassen.

»Das heißt also«, unterbrach ihn der van Delle, »daß sie vielleicht jetzt schon auf der Suche nach mir sind.« »Nein«, sagte der Brouza. »Hört nur weiter. Als man dem Kaiser hinterbrachte, daß Ihr fort seiet, blickte er kaum auf. Er legte seine Hand zuerst an die Stirn und dann auf sein Ohr, wollte damit sagen, der Kopf schmerze ihn und er wolle nichts weiter hören. Dann fuhr er fort, das Werk einer Uhr zu zerlegen, damit hat er sich den ganzen Morgen beschäftigt. Aber der Phillip Lang, der dabei stand, sagte, man solle Seine Majestät mit der Sache nicht turbieren, Seine Majestät bedürfe Eurer nicht mehr, er habe einen anderen Goldmacher in Dienst genommen, der verstünde diese Kunst besser als alle Philosophen, Alchimisten, Schwarzkünstler und Zigeuner.«

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