Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Achtzehn Tage voller Hoffen. Wenn er allein war und Dr. Cartogeno die Schlangenfarm besuchte, versuchte Peter manchmal heimlich, aus dem Rollstuhl aufzustehen und einige Schritte zu gehen. Immer wieder knickten seine Beine ein — die Muskeln und Sehnen gehorchten ihm noch immer nicht. Das Serum schien sich doch als unwirksam zu erweisen. Unter dem Mikroskop vernichtete es zwar in kleinen Mengen die Gifte, aber im Körper, im großen Blutraum, wurde es anscheinend negativ aufgenommen, ohne seine heilende Kraft wirksam entfalten zu können.
Mutlos saß Peter dann am Tisch und starrte hinaus in den abendlichen Urwald. Das Leben am Ufer fesselte ihn immer von neuem. Jetzt kannte er schon jeden Indio, der sammelnd durch die Wälder kroch und jede Woche seine Beute nach Zapuare brachte. Er kannte genau die Gewohnheiten der weißen Händler, ihre Kniffe und Betrügereien, mit denen sie die Indios übervorteilten. Er kannte genau den Mister McKinney, der wertlosen Glasschmuck gegen wertvolle Orchideensamen eintauschte, er kannte den alten Fuchs Abraham Futcher, der einmal einen Karton Waschpulver an die Indios verkaufte. Die saßen dann am Ufer vor dem Lagerfeuer, kochten aus dem Waschpulver eine Suppe, freuten sich kindlich über den kesselüberquellenden Schaum und aßen die Waschlauge mit Todesverachtung als neue Delikatesse.
«Alle Indios sind Idioten!«Das war die Ansicht der weißen Händler. Nur manchmal wurden sie still, wenn einer von ihnen bei einer Fahrt in dem Sumpf verschwand und nie mehr auftauchte. Ein Opfer Sapolanas — hieß es dann meistens. Und man sah den weißen Arzt noch scheeler an, der das Leben dieses Ungeheuers der Urwälder gerettet hatte.
Auch Dr. Cartogeno meinte, sein Zigarillo rauchend:»Ein weißer Schrumpfkopf mehr! Vielleicht sähen wir die Mumien von Farley und Parker wieder, wenn wir Sapolana noch einmal besuchen könnten. «Dann biß Peter die Lippen zusammen und starrte hinaus auf den Fluß.
Ein Gefangener seines mächtigen Freundes. Der lahme weiße Zau-berer von Amorua.
Nach zehn Tagen injizierte Dr. Cartogeno streng nach Vorschrift die siebente Spritze mit zehn Kubikzentimeter des Serums. Gleichgültig ließ es Peter mit sich geschehen. Seine Hoffnung war geschwunden. Er war mehr ein Befolgen der Zeilen auf dem Zettel als ein ernsthafter Wille, das Serum siegen zu sehen.
«Dein Blut ist heller geworden«, meinte Cartogeno nach der Injektion.»Ich glaube, daß das Gegengift nur seine Zeit braucht, um wirksam zu werden. «Es war ein billiger Trost, den Peter auch mit lächelndem Nicken erwiderte, als wolle er sagen: Nett, mein Junge! Du willst mir Mut machen. aber ich habe leider den Glauben völlig verloren.
Nach zwei Tagen folgte die letzte Spritze.
Dr. Cartogeno und Peter warteten. Einen Tag. Zwei… fünf. eine Woche. zwei Wochen.
Es geschah nichts. Die Beine blieben gelähmt. Nur das Blut war heller geworden. Unter dem Mikroskop sah es reiner aus, die Giftkristalle waren weniger geworden, und die Erythrozyten hatten sich vermehrt. Das war ein Fortschritt, den auch die Versuche unter dem Mikroskop zeigten. aber der Organismus des Körpers, das angegriffene Nervensystem reagierte nicht darauf.
In der dritten Woche nach der letzten Injektion schlossen sie das Tagebuch mit dem resignierenden Satz ab:
«80 ccm neues Serum aus Erlangen, Deutschland, nach vorgegebener Anweisung injiziert, reinigte Blut, hob aber Lähmung nicht auf. Der Versuch kann als mißlungen betrachtet werden.«
Mißlungen! In diesem Wort lag die ganze Tragik Dr. Peter Perthes'. Er sprach nicht mehr über die kleinen, wachsverschlossenen Ampullen. In einem Schrank versteckt lag der schmale Karton — mit Watte ausgeschlagen.
Auf seinen Krücken humpelte Dr. Perthes weiter umher, fuhr wieder mit seinem Rollstuhl, in einem breiten Baumkanu sitzend, die Flüsse hinauf und hinab, sprach gelegentlich mit Umari, der in letzter Zeit öfters an einsamen Stellen auftauchte und die kleinen Ex-kursionen ins Innere der Wälder begleitete. Von Deutschland erwähnte er nichts mehr. Seine geplante Reise in die Heimat war gegenstandslos geworden. Er war einer Täuschung, vielleicht einer Scharlatanerie zum Opfer gefallen — der gute Glaube an die Möglichkeit einer Rettung war enttäuscht worden.
Durch den Urwald hämmerten wieder Baumtrommeln: Der weiße Zauberer ist weiter gelähmt. Die Götter haben entschieden: Das weiße Wasser aus der Ferne war nicht gut.
Am Lago Jiro, den sie über den Cuno Supari erreichten, gründete Peter eine Impfstation. Die Tarapas bauten nach seinen Angaben eine feste Blockhütte mit drei Räumen. Sie wurde mit hohen, angespitzten Palisaden umgeben und lag direkt am See.
Soweit das Auge reichte, war das stille Wasser umgeben von einer turmhohen grünen Mauer. Hier blieben Peter und Cartogeno zwei Monate und ließen durch Umari die Krieger der Tarapas in Gruppen von zweihundert Mann pro Tag kommen. Untersuchungen ergaben, daß sehr viele an einem verschleppten Sumpffieber, einer Art von Malaria, litten, eine große Anzahl an Lungenkrankheiten, die Folge einer notdürftig geheilten Masern-Erkrankung.
Dr. Perthes saß, nur mit kurzen Hosen bekleidet, in seinem Rollstuhl und impfte seine Freunde, die Tarapas. Dr. Cartogeno bereitete die Impfungen vor, reichte das Impfmesser und übernahm die Untersuchungen von Männern, die Peter ihm bezeichnete, und die möglicherweise andere Krankheiten in sich trugen.
Über 3.000 Krieger gingen durch die Hände der beiden Ärzte; selbst der alte Medizinmann Sapolara kam, gestützt auf zwei junge Krieger, und verlangte eine Impfung. Sie kamen alle ohne Schmuck, ohne Bemalung, ohne die Tukanfedern in den Ohren und ohne Menschenhaargürtel um die Lenden. Nackt traten sie aus den Wäldern, braun, kräftig, mit Muskeln wie Stahl. Ohne Zuckungen ertrugen sie die Einritzungen und die Injektionen in die Brustmuskulatur. Es gab keine Ränge mehr — der Häuptling war dem kleinen Krieger gleich. Sie standen vor Peter, stumm, gaben den Arm und gingen grußlos wieder aus der Hütte.
Nach zwei Monaten kamen die letzten Krieger. Erstaunt sah Peter zu Umari, der die ganze Zeit über mit ihnen in der Blockhütte wohnte.»Und wo bleibt Sapolana?«fragte Peter.
Über Umaris Gesicht zog ein Leuchten.»Der Große Häuptling war hier«, sagte Umari feierlich.»Du hast ihn in den Arm geritzt und in die Brust gestochen wie alle anderen. Du hast ihn nicht erkannt. Er befahl es so.«
«Ich wollte ihn doch sprechen.«
«Aber der Große Häuptling wollte dich nicht sprechen. «Umari beugte den Kopf.»Wir müssen ihm gehorchen, Herr. «Und wieder ruderten die Boote über den Rio Guaviare, den Schicksalsstrom im Leben von Dr. Peter Perthes. Es saß in seinem Rollstuhl und blickte das Ufer entlang, das langsam an ihm vorbeiglitt. Hinter ihm saß Dr. Cartogeno und rechnete aus, was die Impfung an Medikamenten gekostet hatte. Es war eine hohe Summe.
«Ich werde dem kolumbianischen Staat eine Rechnung einreichen«, meinte er und klappte sein Taschenbuch zusammen.»Wir impfen seine Einwohner, und was tut er? Wozu haben sie in Bogota ein Gesundheitsministerium?«
Als sie in Zapuare anlegten stand an dem Kanuhafen ein großer, in blendendes Weiß gekleideter Herr und schwenkte grüßend beide Arme. Er hatte den Tropenhelm tief in die Stirn gedrückt, wie es alle Reisenden tun, die zum erstenmal in den Tropen sind, weil sie denken, damit einem Sonnenstich zu entgehen; sie schwitzen nur noch mehr.
Dr. Cartogeno schüttelte den Kopf und kam dann zu Peter an den Rollstuhl.»Kennst du den komischen Vogel dort vorn?«
Peter hatte die Hand über die Augen gelegt und spähte hinüber zum Ufer.»Von Zapuare ist er nicht. Vielleicht ein Zeitungsonkel aus den Staaten? Ein neues Interview: >Was halten sie von einer Kultivierung des Urwaldes?< — Antwort: >Nichts! Man soll den Wilden ihre Kultur lassen. Werden sie erst zivilisiert, hören sie auf, ein altes Kulturvolk zu sein<!«
«Bravo!«Dr. Cartogeno klatschte in die Hände.»Gib es ihm, Pe-ter! Der Urwalddoktor hält zu den Wilden! Eine Schlagzeile, die dich ehrt!«