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Nachts unter der steinernen Bruecke

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Nachts unter der steinernen Bruecke
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Eine Stunde später kam er mit einem Dorfbader zurück, der auch ein wenig Feldscher war und sich rühmte, zweiundsechzig Arten von Knochenbrüchen und auch Brandwunden richtig behandeln zu können. Er hatte ihn im Wirtshaus des Dörfchens Liben aufgelesen, das zu weit entfernt war, als daß von dort Gerede und Gerüchte in die Prager Burg gelangen konnten.

Der Feldscher, der leicht angetrunken war, betastete den Fuß, den Knöchel und das Bein. Dann sagte er, es sei nicht schlimm, er werden dem Herrn aber Schmerzen zufügen müssen.

»Man muß«, sagte der Alchimist, »durch das Meer der Schmerzen hindurchgehen wie der Salamander durch das Feuer.«

Unmittelbar darauf aber stieß er einen gellenden Schrei aus, so daß ihm der Brouza die Hand auf den Mund legte. Der Feldscher hatte ihm, ehe er sich dessen versah, durch heftiges Ziehen am Fuß den Knöchel eingerenkt. Es war nun nicht mehr viel zu tun. Der Feldscher verlangte zwei Brettchen oder Stäbe, um das Bein zu schienen. Mit dem geschienten Bein, sagte er, müsse der Herr nun zwölf oder vierzehn Tage lang liegen und erst nach Ablauf dieser Zeit könnte er es mit dem Gehen versuchen. Er verordnete kalte Kompressen, und dann fragte er den van Delle, wie ihm dieses Mißgeschick zugestoßen sei.

Der Alchimist setzte ihm auseinander, daß sein Mißgeschick nicht von ihm selbst verschuldet, sondern daß es auf eine besondere Quadratur der obersten Planeten zurückzuführen sei.

»Herr!« rief der Feldscher, »ihr wollt mir doch nicht weismachen, daß sich diese Planeten oben zusammengetan haben, um Euch das Fußgelenk auszukegeln?«

»Sie fügen uns Gutes und Schlimmes zu«, belehrte ihn der Alchimist, »und wir sind ihren Zusammenstellungen mehr, als Ihr erfassen könnt, unterworfen. Aber wenn es Euch recht ist«, fügte er hinzu, »will ich diesen Gegenstand nicht mehr mit Euch erörtern.«

Dem Feischer war das recht. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß es besser sei, Leute, die im Fieber lagen oder von Schmerzen geplagt wurden, nicht durch Widerspruch zu reizen, auch wenn er ihre Meinung für verkehrt hielt. Indessen hatte der Brouza aus einer seiner Truhen oder heiligen Reliquien ein Zinngefäß mit Wacholderbranntwein hervorgeholt, das gab er dem Feldscher für seine Mühe und für den weiten Weg. Der Feldscher kostete von dem Branntwein. Sein Gesicht verklärte sich, um gleich darauf den Ausdruck tiefer Besorgnis anzunehmen.

»Schönen Dank«, sagte er. »Ich steh' Euch zu Diensten, wann immer Ihr mich braucht. Auch wenn es sich um Brandwunden handelt, vergeßt das nicht! Aber wie mach' ich's nur, daß mir der listige Teufel nicht diesen Branntwein stiehlt?«

»Stiehlt Euch der Teufel Branntwein?« fragte der van Delle.

»Ja, und auch Wein, Most, Bier, kurzum, jegliches Getränk«, erklärte der Feldscher.

»Stellt er Euch auch sonst nach?« erkundigte sich der van Delle.

»Das will ich meinen«, gab der Feldscher zur Anwort. »Tag und Nacht.«

»Er hat es also auf Eure Seele abgesehen?« wollte der van Delle wissen.

»Nein«, sagte der Feldscher. »Er ist nicht von der Art. Es hat jedermann seinen eigenen Teufel, und der meine liegt bei mir im Ehebett.«

Er nahm noch einen Schluck Branntwein aus der Kanne, und dann ließ er sich vom Brouza durch das Mauerpförtlein auf die Landstraße führen.

Als es Morgen wurde, erhob sich der Brouza von der Erde und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Der van Delle lag wach. Der Schmerz im Bein, die ungewohnte Umgebung, vor allem aber die Furcht vor dem Tag, der jetzt anbrach, hatten ihn keine Ruhe finden lassen. Der Brouza schleppte das kupferne Waschbecken, auch eine Reliquie, herbei, holte Wasser und wusch seinem Herrn Gesicht, Hals und Hände. Dann brachte er ihm Brot und Käse und dazu sagte er, wie alle Tage, sein Sprüchlein:

»Eßt, Herr! Ihr werdet Brot und Käse nach Eurem Wunsch finden. Das Brot leicht, den Käse schwer.«

Er erneuerte die Kompresse, und dann bat er den van Delle um Urlaub. Er wollte in die Burg zurück und sehen, wie sich die Dinge dort anließen.

»Es wird einen höllischen Lärm geben, wenn sie merken, daß Ihr das Weite gesucht habt«, prophezeite er. »Die, die es dem Kaiser hinterbringen, werden Beulen und blutige Schrammen davontragen und vielleicht noch Schlimmeres. Er wird in Raserei geraten und ihnen an den Kopf werfen, was er zur Hand hat, Leuchter, Schüsseln, Teller, allerlei Gerät, Messer, Dosen, Figuren aus Holz, Stein oder schwerem Metall, deren stehen immer etliche in des Kaisers Kammer, daß er sie den Leuten an den Kopf werfen kann, und vielleicht wird er sogar mit dem Degen auf sie losgehen. Mir hat er einmal ein Buch mit Bildern von den Leiden Christi nachgeworfen. Später hat er es bereut und bittere Tränen darum vergossen, aber nicht um meinetwillen, sondern des beleidigten Erlösers wegen.«

»Und wie wird es weitergehen?« erkundigte sich voll Sorge der van Delle. »Mit den Leuchtern und Schüsseln wird es wohl nicht abgetan sein.«

»Gewiß nicht«, sagte der Brouza. »Der Kaiser wird den Herrn Obersthofmarschall und den Herrn Oberstburggrafen zu sich befehlen und über sie herfallen, wird toben und schreien, sie hätten Euch zur Flucht verholfen, seien von Matthias dafür bezahlt. Der Herr Obersthofmarschall wird einen roten Kopf bekommen, aber der Herr Oberstburggraf wird den Kaiser beschwichtigen. Er wird Ihm versprechen, Euch zu greifen und zurückzubringen, und er wird Euch auf allen Landstraßen und in allen Herbergen suchen lassen, aber nur eine oder zwei Wochen lang, denn dann wird die Sache dem Kaiser aus dem Sinn gekommen sein, weil sich in seinem Kopf die menschlichen Dinge: Zorn, Verdruß, Reue, wie auch Hoffnung oder Vertrauen oft sehr rasch in ihr Gegenspiel verkehren.«

»Und hier wi^d man mich nicht suchen?« fragte der van Delle.

»Hier nicht, nein. Hier seid Ihr sicher«, beruhigte ihn der Brouza. »Vielleicht hat sich just darin, daß Ihr so übel von der Leiter gesprungen seid und nicht weiter konntet Gottes liebende Vorsorge für Euch offenbart. Ich gehe jetzt, werd' die Türe hinter mir verschließen. Am Abend bin ich zurück. Laßt Euch inzwischen die Zeit nicht lang werden.«

»Ich werde sie verwenden, um über die vielen Wechselfälle meines Lebens nachzusinnen«, sagte der Alchimist. »Auch werde ich in diesem Buch lesen, daß mir ein Trost in meiner Kümmernis sein wird.«

Und er zog den Seneca aus seiner Tasche.

Aber er fand, als der Brouza gegangen war, die Ruhe nicht, um irgendeinem Gedanken nachzuhängen. Die Abenteuer und Wechselfälle seines Lebens, aus deren Ablauf und Ausgang er in seiner gegenwärtigen Bedrängnis Zuversicht gewinnen wollte, stoben durcheinander und zerflossen in nichts. Er versuchte, im Seneca zu lesen, aber die Worte ergaben ihm keinen Sinn, er las und wußte nicht, was er gelesen hatte. Er war müde und konnte nicht schlafen. Die Zeit wollt' ihm nicht vergehen, und er suchte nach einem Mittel, sie zu überlisten. Er bewegte den Fuß, der Schmerz fiel über ihn her und wurde unerträglich, dann ließ er nach, wurde milder, blieb noch eine Weile und verschwand. Dawar ein wenig Zeit vergangen. Er wiederholte das Spiel, aber da fand er, daß er den Gewinn an Zeit mit allzuviel Schmerz bezahlt hatte. Sein Auge haftete an den Schnecken an der Bretterwand der Hütte und es schien ihm, als wären das die Stunden dieses Tages, die so träge dahinschlichen.

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