Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
Das wollte Raffy auf keinen Fall zulassen. Er wollte Lucas vergessen, ihn ein für alle Mal aus dem Gedächtnis streichen und so tun, als ob er gar nicht existierte. Hier könnte ihm das gelingen, weil in der Siedlung niemand wusste, dass Lucas, der neue Anführer der Stadt, sein Bruder war. Hier war er einfach Raffy, er wurde nach seinen Leistungen beurteilt und konnte er selbst sein. Aber als Evie ihm Lucas’ Uhr gegeben hatte, die Uhr, die sein Vater Lucas gegeben hatte, war seine Freiheit bedroht gewesen. Er hatte gespürt, wie Panik ihn erfasste, wie sie ihm die Kehle zuschnürte, sodass er nach Luft schnappen musste. Aber er war damit fertig geworden, hatte die Uhr angenommen und sie gleich am nächsten Tag wieder weggegeben.
Er hätte sie zerstören sollen.
Er hätte seinen Hunger ignorieren und sie zerstören sollen.
Raffy setzte sich aufs Bett und holte ein paarmal tief Luft. Die Uhr war nicht hier. Der Mann hatte unrecht. Alles war okay. Er musste sich beruhigen.
Raffy hörte, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde, und sah sich rasch im Zimmer um, ob er auch alles wieder an seinen Platz gelegt hatte. Dann stand er auf und begrüßte Evie. Sie sah ihn misstrauisch an, zog den Mantel aus und legte sich aufs Bett.
»Ich bin so müde«, seufzte sie. »Und ich habe solchen Hunger.« Sie schaute zu Raffy hinüber und runzelte die Stirn. »Raffy? Was ist los?«
Raffy verstand kaum, was sie sagte. Ihm dröhnte der Kopf, sein Magen zog sich zusammen, und er hatte das Gefühl, als würde sich der Boden unter seinen Füßen auftun. Sein Blick war auf die Tasche ihres Kleides gerichtet. Dort, wo ihr Taschentuch steckte, schimmerte durch den weißen Stoff unverkennbar etwas Goldenes.
Raffy stützte sich an der Wand ab und zwang sich zu einem Lächeln, einem Lächeln, das aussah, als hätte es ihm jemand ins Gesicht gemalt. Seine Augen suchten in Evies Gesicht nach einem Hinweis, nach einer Erklärung für ihren Verrat, aber er konnte nichts entdecken.
»Raffy?«, sagte Evie noch einmal, stand vom Bett auf und ging zur Tür. »Ist alles okay?« Sie schlich davon, als hätte sie Angst vor ihm.
Raffy nickte. »Klar«, sagte er, schluckte seine Verzweiflung hinunter und unterdrückte seine Gefühle, damit sie ihn nicht übermannten. »Was hast du denn heute so getrieben?«
26
Devil lehnte sich in dem weichen Ledersessel zurück und tat so, als wäre er gar nicht da. Aber er war da, und zwar schon seit Stunden, seit Thomas mit ihm hierher gefahren war, in eine Gegend mitten in London mit lauter hohen Gebäuden, wo es von Menschen in Anzügen nur so wimmelte. Thomas war auf einen Parkplatz gefahren und hatte Devil durch eine Hintertür in einen fensterlosen Versammlungsraum gebracht, und seitdem saß er dort, ließ seinen Blick umherschweifen und starrte Löcher in die Luft.
Er wusste, wie das ging, weil er in der Siedlung die meiste Zeit auch nichts anderes tat.
Allerdings war er nicht zum ersten Mal hier. Als Thomas ihn das erste Mal hierher gebracht hatte, hatte er ihm einen Stuhl angeboten und war dann für ungefähr eine Stunde verschwunden. Diesmal war Devil fast ausgeflippt, war auf und ab gelaufen und hatte versucht, die Tür zu öffnen. Sie war abgeschlossen, und er hatte sich gefragt, ob Thomas irgend so ein durchgeknallter Psychopath war, dem es Spaß machte, Leute einzusperren. Doch kurz bevor Devil tatsächlich in Panik geriet, war Thomas zurückgekommen, hatte ihm ein Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt, ihm Fragen über Gott und über die Bibel gestellt und ihm erklärt, dass die Menschen Anleitung bräuchten, dass man sie begeistern und ihnen das Gefühl geben müsse, dass es sich zu leben lohnte. Sie hatten ewig lange geredet, mindestens zwei Stunden, und dann waren sie gegangen. Das war alles gewesen. Devil war irgendwie überrascht gewesen, aber er beklagte sich nicht und wollte auch nicht zu viele Fragen stellen.
Dieses Gebäude war irgendwie seltsam. Vielleicht lag es daran, dass man so hoch oben war – sie waren mit dem Aufzug in den fünfzigsten Stock gefahren. Hier oben hatte man das Gefühl, als würde der Rest der Welt hier keine Rolle spielen, als wäre alles ganz normal. Als könnte das Chaos nicht durch das solide Mauerwerk dringen.
Denn da draußen herrschte Chaos. Da draußen … und das machte Devil, ehrlich gesagt, ein bisschen wahnsinnig.
Beim nächsten Mal hatte Thomas eine Kamera mitgebracht. Er hatte Devil gebeten, in die Kamera zu schauen und sich dabei vorzustellen, sein Vater stünde dahinter und er selbst würde eine von den Predigten seines Vaters halten. Zuerst war er sich ziemlich blöd vorgekommen, war von einem Fuß auf den anderen getreten, hatte woandershin geschaut und so etwas gemurmelt wie, er sei nicht Pastor Jones. Aber als Thomas ein finsteres Gesicht gemacht und erklärt hatte, dass Devil wohl doch nicht der Richtige sei für den Job, hatte Devil mir nichts, dir nichts angefangen zu reden. Das Seltsame war, dass er sich Wort für Wort an die Predigten seines Vaters erinnerte, aber nach ein paar Versuchen begann er sie mit seinen eigenen Geschichten und Gedanken auszuschmücken. Und, Mann, das gefiel ihm. Er hatte das Gefühl, er war jemand und er hatte etwas zu sagen.
Allmählich erkannte er, dass Thomas recht hatte, dass die Menschen ihn brauchten. Denn die Welt wurde immer beschissener. Überall explodierten Bomben, Menschen gingen auf die Straße, und die Bereitschaftspolizei schoss auf sie. In Europa brachten sich die Leute mit Maschinengewehren gegenseitig um. Sie drangen in Häuser ein und schlachteten ganze Familien ab. Devil hatte das in den Nachrichten gesehen, auf dem großen Fernsehbildschirm in Thomas’ Büro. Die Menschen schrien vor der Kamera und flehten um Hilfe. Zwei Leute wurden vor laufender Kamera getötet. Echt beschissen. Und jede Woche hielt er eine andere, neu formulierte Predigt für die Anhänger seines Vaters. »Denn du wirst der neue Pastor Jones«, erklärte Thomas ihm. »Du siehst genauso aus wie er. Du wirst die Menschen aus diesem Chaos führen.«
Natürlich wusste man in diesem Gebäude nichts von den Menschen und von der Gewalt. Die Leute liefen auf den dicken Teppichen herum wie immer, in schicken Anzügen, hübsch frisiert, mit leisen, ruhigen Stimmen, und nicht schreiend wie die Menschen da draußen, die gegen die Türen der Banken hämmerten und ihr Geld verlangten.
Devil sah sich in dem Raum um. Diesmal war er nicht allein. Thomas war da und hatte noch jemanden bei sich, einen jüngeren Typen, nur ein paar Jahre älter als Devil. Ein Streber, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, mit heller Haut und mit Brille, mit dünnen Armen und Beinen, der keinen Schlag landen könnte, wenn er es versuchen würde. Sie tranken Kaffee. In dem Raum stand jetzt ein Fernseher und sie zappten durch die Kanäle und sprachen leise miteinander. Devil saß in der Ecke und beobachtete die beiden.
Plötzlich wandte sich Thomas an Devil. »Also, ich habe da einen Job für dich.«
Der Streber stellte den Fernseher aus und verließ den Raum.
Devil starrte Thomas unverwandt an. »Ich tue, was Sie wollen, Mann.«
»Gut. Und hier ist etwas Geld. Damit solltest du über die Runden kommen.« Thomas zog einen Umschlag aus der Tasche und gab ihn Devil. Devil blätterte schnell die Scheine durch; er wusste, wie man ein Bündel Banknoten nach Augenschein und Gewicht zählte.
Seine Augen blickten gierig. »’ne Million?«
Thomas nickte. »Hör genau zu, Devil. Du machst Folgendes …«
27
Linus sah sich erstaunt um. So etwas hatte er nicht erwartet. Das war … nun, er hätte gesagt, unmöglich, wenn er nicht hier wäre und es mit eigenen Augen sehen würde.
Er ging auf den Bildschirm zu.
»Haben Sie eine Frage?«, meldete sich eine sanfte Frauenstimme, die sexy und entwaffnend zugleich war.