Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
Linus hob eine Augenbraue. »Ich bin nicht sicher, ob du mir antworten wirst«, flüsterte er.
»Probieren Sie es aus«, schlug der Computer vor.
Linus zuckte mit den Schultern. »Okay. Was bist du?«
»Ich bin ein G-4-Benning-8-Modell mit Software-Version 8.9 und einer Million Megabyte Datenspeicher«, antwortete der Computer.
Linus runzelte die Stirn. »Das ist unmöglich«, sagte er. Ihm schwirrte der Kopf, während er überlegte, woran der Name Benning ihn erinnerte. »Ich habe noch nie von dir gehört. Und ich kenne mich aus mit Computern. Ich kenne jeden Computer, der jemals konzipiert oder erfunden wurde.«
»Ich würde das Gegenteil behaupten, denn was Sie sagen, ist unmöglich, da ich existiere und mit Ihnen spreche.«
»Dann kann man mit dir auch über Philosophie reden?«, fragte Linus.
»Über philosophische Denkweisen, ja, aber nur als Teil eines normalen Diskurses«, erklärte die Computerstimme. »Für eine umfassendere philosophische Erörterung empfehle ich Ihnen, die Philosophie-App der Alpha-Website herunterzuladen. Falls Sie es wünschen, kann ich sie gleich herunterladen.«
»Nein«, sagte Linus schnell. »Das ist nicht nötig.«
»Sie wirken nervös«, stellte der Computer fest. »Soll ich Musik spielen? Oder würden Sie eine optische Darstellung vorziehen? Vielleicht mit grünen Wiesen? Oder ist Ihnen das Meer lieber?« Auf dem Bildschirm erschienen mehrere Optionen. Linus starrte darauf und schüttelte den Kopf.
»Nein, keine Bilder«, sagte er entschlossen. »Aber verrate mir, wo du herkommst.«
»Von Alpha Ltd., 11189 East Street, Sacramento, USA.«
»Und wann bist du gebaut worden?«
»Im Januar 2053. Im Februar wurde ich verschifft. Streng geheimer Auftrag.« Es klang, als sei der Computer stolz auf sich.
Linus schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich«, sagte er wieder.
»Nicht unmöglich«, erwiderte die Computerstimme. »Im Gegenteil, ich kann gar nicht vor diesem Datum gebaut worden sein, da die neueste Chip-Technologie erst 2052 eingeführt wurde.«
»Aber es gibt die USA nicht mehr«, flüsterte Linus. »Jedenfalls nicht so, wie es sie mal gegeben hat.«
»Nein«, sagte der Computer, »Sie sind …« Er zögerte. »Wussten Sie, dass sich auf dem Korridor jemand auf Zehenspitzen diesem Raum nähert, um Sie zu überraschen?«
Linus hob eine Augenbraue. »Du bist wirklich klasse. Nur eine Person?«
»Nur der Nachtwächter. Und danke.«
»Nichts zu danken.« Linus duckte sich und schlich zur Tür.
»Nein, gern geschehen«, sagte die Computerstimme.
»Okay, sei jetzt still«, zischte Linus, und der Bildschirm wurde schwarz. Linus zog eine Pistole aus der Tasche, prüfte, ob sie geladen war, und machte sich bereit.
Die Tür ging auf. Linus packte den Wachmann, hielt ihm die Waffe an den Kopf und gebot ihm, still zu sein. Dann öffnete er seine Tasche und holte eine Rolle Klebeband heraus. Innerhalb von ein paar Minuten hatte er den Wachmann an einen Stuhl gefesselt und ihm den Mund mit Klebeband zugeklebt. Zuletzt schob er den Stuhl mit dem Wachmann vor den Computer.
»Jetzt hätten wir gern etwas mit Meerblick«, meinte Linus.
»Natürlich«, sagte die Computerstimme, und sofort erschien auf dem Schirm das Bild von einem sonnigen Strand, an den sanft die Wellen rollten.
»Noch eine letzte Bitte«, sagte Linus, nachdem er sich vergewissert hatte, dass es dem Wachmann trotz seiner Fesseln gut ging. »Der Patient in dem Krankenflügel. Stell die Medikation ein und gib ihm etwas, damit er wach wird.«
»Dafür ist eine Genehmigung erforderlich«, erklärte der Computer. Linus ging zu dem Bildschirm, rief die Sicherheitsbestimmungen auf, gab den Code ein und suchte nach den nötigen Informationen. Schließlich tippte er zufrieden lächelnd das Passwort ein.
»Tust du es jetzt?«, fragte er. »Und wirst du auch sämtliche Türen des Krankenhauses aufschließen?«
»Fertig«, schnurrte der Computer.
»Danke«, sagte Linus mit einem Grinsen und ging zur Tür. »Schön, dich kennengelernt zu haben.« Linus warf einen letzten Blick auf den Computer, und dann schlich er sich auf den Korridor, bevor der Kollege des Wachmanns auftauchte.
28
Lucas wachte plötzlich auf und sah sich in dem Zimmer um. Es war steril, weiß, mit einem kleinen geschlossenen Fenster zum Korridor. Es gab einen Schrank und ein Waschbecken, und über ihm befand sich eine Art Apparat mit Schläuchen, die mit seinem Handrücken verbunden waren.
Und er war nicht tot.
Er fühlte sich sogar sehr lebendig, er hatte so viel Energie wie seit Wochen oder Monaten nicht mehr.
Lucas sprang aus dem Bett, zog die verschiedenen Schläuche aus seinem Handrücken und fragte sich, warum er eigentlich so lange hier gelegen hatte. Es war so still, dass er annahm, es müsse Nacht sein, obwohl das ohne Fenster unmöglich festzustellen war. Er schlich zur Tür, drückte die Klinke herunter, und zu seiner Überraschung ging sie gleich auf. Das Zimmer führte auf einen schwach beleuchteten Korridor hinaus. Alles war ruhig, nichts regte sich; keine Krankenschwestern zu sehen, keine Wachleute, kein Mr Weizman.
Lucas ging zurück in sein Zimmer, um nach etwas zu suchen, was er gebrauchen könnte. Er fand seine Kleider, sorgfältig zusammengelegt, in einem Schrank, eine Flasche Wasser und einen Beutel. Er stopfte die Sachen in den Beutel, zog seine Schuhe an und verließ das Zimmer. Er schlich den Korridor entlang und beschleunigte den Schritt, als er die Tür vor sich sah, die, wie er annahm, nach draußen führte. Dann blieb er stehen, streckte zögernd die Hand aus und zog die Tür einen Spaltbreit auf. Hier war es noch heller. Ein Treppenabsatz, eine Treppe, die hinauf-und hinunterführte. Ein Fenster, das ihm sagte, dass er sich ein Stockwerk über dem Erdgeschoss befand. Lucas stieg die Treppe hinunter und ging auf eine andere Tür zu, die offensichtlich ins Freie führte, weil er durch die Glasscheibe im Mondlicht einen Pfad erkennen konnte.
Lucas stellte sich innerlich darauf ein, dass die Tür verschlossen war. Er sagte sich, dass er ruhig bleiben und sich etwas überlegen müsste. Aber als er an dem Türgriff zog, ging sie ganz leicht auf, wie die Tür zu seinem Zimmer. Es war fast so, als hätten sie gewollt, dass er hier herauskam.
Lucas zögerte. War das eine Falle? Einen Moment lang überlegte er, ob er in sein Zimmer zurückgehen sollte. Aber eine Falle konnte auch nicht schlimmer sein als die Aussicht, in diesem Bett zu sterben. Warum sollten sie ihm eine Falle stellen, wenn sie ihn schon erwischt hatten? Wenn sie ihn umbringen wollten?
Leise schlüpfte er durch die Tür, warf einen Blick auf den Weg und auf die Zelte vor ihm und näherte sich dann ganz vorsichtig der Begrenzungsmauer des Lagers. Die Mauer war gesichert, so viel stand fest, aber irgendwo musste es einen Durchgang geben, und er musste ihn unbedingt finden.
Eins war klar: Er musste zu Raffy. Linus glaubte vielleicht, dass Raffy in Sicherheit war, aber Linus hatte ihn von einem Felsvorsprung gestoßen. Linus hatte seine eigenen Pläne und daran würde sich auch nichts ändern. Lucas’ Aufgabe war es, seinen Bruder zu beschützen, so wie er es immer getan hatte.
Lucas erinnerte sich an den Tag, an dem Raffy geboren wurde, als wäre es gestern gewesen. Er dachte daran, wie verwundert er gewesen war über dieses kleine zerbrechliche Wesen mit dem dunklen Haarschopf, den dunklen Augen und dem zerknautschten, scheinbar knochenlosen Gesicht, das da zusammengerollt lag, vollkommen hilflos, und dessen einziger Schutz ein durchdringendes Geschrei war, das alles übertönte und das in nächster Zeit das Hintergrundgeräusch im Haus sein würde. Es war ihr Vater gewesen, der ihm, Lucas, Raffy gezeigt hatte, während ihre Mutter schlief.