Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
»Ja, Sir.«
»Okay.«
Lucas hörte, wie der erste Mann von seinem Bett wegging und diensteifrigen Schrittes den Raum verließ. Als er fort war, räusperte sich der andere Mann. »Mr Weizman möchte, dass wir die lebenserhaltenden Maßnahmen abbrechen. Ich lasse die nötigen Formulare ausfüllen und hole mir die Zustimmung des Direktors. Geben Sie ihm vorerst weiter ein Betäubungsmittel«, wies er die Schwester an.
»Aber er bekommt gar keine lebenserhaltenden Maßnahmen«, flüsterte sie. »Ihm fehlt nichts. Er hat nur eine Kopfverletzung.«
»Das macht es noch schlimmer«, sagte der Mann nach kurzem Zögern. Ein paar Sekunden herrschte Stille. Dann hörte Lucas, wie der Mann tief ausatmete. »Und er ist wirklich in Ordnung?«
»Vollkommen gesund«, erklärte die Schwester.
Der Mann seufzte. »Okay. Geben Sie ihm trotzdem ein Betäubungsmittel.«
»Ja, Doktor.« Lucas spürte etwas Kaltes auf seinem Handrücken. Er versuchte, wach zu bleiben, zu denken, zu überlegen, was er tun sollte. Aber es hatte keinen Zweck. Der Nebelschleier hüllte ihn ein, und seine Glieder wurden so schwer wie Blei.
Linus saß still da, das Fernglas auf das flache weiße Gebäude mit den hellen Lichtern gerichtet. Er war jetzt schon ein ganzes Stück näher beim Lager. Allein war es leichter für ihn, sich zu tarnen. Und Stück für Stück fügte er die Puzzleteile zusammen: Die Begrenzungsmauer, die der Landschaft angepasst war, war durch elektrischen Strom gesichert, um neugierige Tiere abzuhalten. Das Tor war zusätzlich mit Starkstrom gesichert, der ausgereicht hätte, um einen Elefanten zu rösten. Diese Leute hatten bestimmt nicht vor, Gäste zu empfangen. Aber Linus konnte das Sicherheitssystem umgehen. Es war zwar ausgeklügelt, aber es gab nichts, womit Linus nicht fertig wurde. Lucas lag hinter dem dritten Fenster von links in dem weißen Gebäude, in dem Zimmer, wo die ganze Zeit die Jalousien heruntergelassen waren. Linus warf einen Blick nach rechts und sah durch die Fenster der leeren Zimmer, deren Türen weit offen standen und die offenbar nicht gebraucht wurden, wie die Schwester den Korridor entlangging. Warum so viele Zimmer? Für wen waren die bestimmt? Linus hatte so eine Ahnung, aber es war nur eine Theorie.
Linus dachte einen Moment lang nach, dann richtete er das Fernglas wieder auf die Türen in dem Gebäude. In den letzten zwei Tagen hatte er das Lager ständig beobachtet und alles überwacht. Und jetzt war er bereit: Er hatte alles gecheckt: sämtliche Zugangscodes, die täglichen Abläufe, und wer wann was machte. Das Gebäude, in dem sich Lucas befand, hatte einen sechsstelligen Zahlencode. Ausgefallene Technik, aber nichts, womit Linus nicht klarkam. Er könnte Lucas problemlos dort herausholen.
Wenn es so weit war. Im Augenblick gab es für Linus interessantere Orte. Lucas befand sich zwar in dem weißen Gebäude, aber an dem grauen Gebäude dahinter war Linus am meisten interessiert. Dort gab es drei Sicherheitsstufen und offenbar hatten nur fünf Leute Zutritt. In diesem Gebäude waren sicher Informationen zu finden und dort wollte Linus als Erstes hin. Wenn er es schaffte, in das Gebäude zu gelangen, würde er bestimmt die Antworten auf seine Fragen finden. Außerdem war er sich ziemlich sicher, dass er in das Netzwerk eindringen und ein paar tickende Zeitbomben einbauen konnte, die später zum Einsatz kommen sollten.
Linus beobachtete und wartete. Als einer von den fünf Leuten mit Zugang zu dem grauen Gebäude um die Ecke bog, wie er es in den vergangenen zwei Tagen nach dem Mittagessen immer getan hatte, kam Linus vorsichtig aus seinem Versteck. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier, dachte Linus, während er den Mann überwältigte, zu dem Platz schleifte, den er am ersten Abend entdeckt hatte, ihm die Kleider auszog und ihn fesselte. »Die kann ich gut gebrauchen«, sagte er im Plauderton, als er in die Uniform des Mannes schlüpfte. »Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«
Der Mann konnte nicht antworten, weil Linus ihn geknebelt hatte. Linus betrachtete ihn eine Weile und zuckte dann die Achseln. Der Mann würde bald wieder okay sein; Linus würde ihn später freilassen. Und wenn nicht, würde jemand anders ihn finden.
Linus warf einen Blick auf den Weg, um sicherzugehen, dass niemand ihn sah. Dann kam er wieder aus seinem Versteck hervor und schlenderte zu dem grauen Gebäude.
25
Raffy klopfte das Herz bis zum Hals. Er hatte nur fünf Minuten, dann wäre Evie wieder zurück. Er hatte überall nachgesehen: zwischen ihren Kleidern, unter dem Bett, ganz hinten in den Schränken. Aber die Uhr war nicht da, natürlich nicht. Trotzdem musste Raffy weitersuchen. Denn der Mann hatte von der Uhr gewusst, und wie hätte er so etwas erfinden sollen? Er wäre ja zum Bäcker gegangen, aber wenn es nicht stimmte und Evie herausfand … Nein, es war besser, einfach zu suchen, um sich zu vergewissern.
Denn Evie hätte sich die Uhr nicht zurückgeholt.
Niemals.
Ausgeschlossen.
Oder doch?
Lucas’ Uhr. Raffy schloss einen Moment die Augen und versuchte, die Welle von Hass und Wut zu unterdrücken, die allein schon der Name »Lucas« in ihm auslöste, die Verbitterung und die Enttäuschung, die sein bisheriges Leben bestimmt hatten. Obwohl Lucas inzwischen weit weg war, wurde Raffy immer noch von seinem Schatten verfolgt, und er empfand Lucas’ bloße Existenz als einen Angriff auf ihn, um ihn zu unterdrücken und zu schwächen, so wie Lucas es immer getan hatte.
Wenigstens war es früher noch erträglich gewesen, wenigstens war Raffys schäumende Wut früher berechtigt gewesen. Auch wenn Lucas nach Meinung der übrigen Bewohner der Stadt perfekt war, Raffy kannte das Böse, das in ihm lauerte, die Kaltherzigkeit, mit der er den eigenen Vater verraten hatte. Damals war alles noch kontrollierbar gewesen. Raffy hatte gewusst, wer Lucas war und was er war, und dieses Wissen hatte ihn stark gemacht, sodass er den Hass und das Misstrauen der Leute ertragen konnte. Er wollte gar nicht, dass sie ihn mochten, nicht, wenn sie Lucas mochten.
Es hatte nur einen einzigen Menschen gegeben, der ihn mochte und nicht seinen Bruder. Und das hatte Raffy genügt. Denn dieser Mensch war Evie gewesen. Evie, die mit Lucas verlobt war, zog die Gesellschaft von Raffy vor und riskierte Kopf und Kragen, wenn sie sich nachts aus dem Haus schlich, um sich mit ihm zu treffen.
Das allein hatte das Leben lebenswert gemacht. Das allein hatte Raffy klargemacht, dass die Stadtbewohner denken konnten, was sie wollten; dass er und Evie im Recht waren, und nur das zählte.
Und dann … dann war alles um ihn herum in die Brüche gegangen. Es stellte sich heraus, dass Lucas die Wahrheit all die Jahre für sich behalten hatte, dass Lucas ein Held war. Lucas hatte ihren Vater nicht verraten; ihr Vater hatte Lucas vertraut, hatte ihm das Versprechen abgenommen, die Familie, ihn, Raffy, zu beschützen. Wegen dieses Versprechens hatte Lucas all die Jahre gelitten.
Und wegen dieses Versprechens konnte Raffy seinem Bruder nicht verzeihen. Denn jetzt hatte er nichts mehr. Jetzt war er nicht mehr stark, jetzt war er schwach. Jetzt war er nicht mehr gut, jetzt war er böse: der zornige junge Mann, der keinen Grund mehr hatte, zornig zu sein. Außer darauf, dass Lucas Evie ausgerechnet an dem Abend geküsst hatte, als er, Raffy, sie losgeschickt hatte, damit sie ihm bei der Flucht aus der Stadt half. Er hatte Evie die Wahrheit gesagt, hatte ihr alles erzählt, was passiert war. Evie, nicht ihm, seinem eigenen Bruder. Und nun erwartete jeder, dass er froh und dankbar war und sich darüber freute, dass Lucas, der ihn bereits in der Stadt in den Schatten gestellt hatte, ihn jetzt auch hier in den Schatten stellen wollte. Sogar bei Evie. Vor allem bei Evie.