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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen

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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
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»Das ist dein Bruder«, hatte er seinem fünfjährigen Sohn mit ernster Miene erklärt. »Du musst auf ihn aufpassen.«

Lucas hatte seinen kleinen Bruder behutsam auf den Arm genommen und den winzigen Körper fest an sich gedrückt. Im Nachhinein dachte Lucas, dass die Worte seines Vaters keine Bedeutung hatten und dass er damit nur Lucas das Gefühl geben wollte, zu Raffys Leben dazuzugehören. Aber Lucas hatte die Worte ernst genommen. Während er auf das winzige Bündel hinabblickte, gelobte er, seinen Bruder immer zu beschützen und auf ihn aufzupassen, so gut er konnte.

In Raffys ersten Lebensjahren hieß das nichts weiter, als dass Lucas nach ihm sehen, ihm die Regeln der Stadt beibringen und ihm aufhelfen musste, wenn er hinfiel. Aber als Raffy fünf und Lucas gerade elf geworden war, wurde alles anders.

Die Nacht, als sein Vater zu ihm gekommen war, ihn aus dem Tiefschlaf gerissen und ihn aufgefordert hatte, ihm leise in sein Arbeitszimmer zu folgen, würde Lucas nie vergessen. Der Blick seines Vaters – voller Angst und voller Entschlossenheit – erfüllte ihn auch heute noch mit Trauer und Sehnsucht nach dem Mann, den er so geliebt hatte, und er war wild entschlossen, dessen Tod zu rächen. Denn das, was sein Vater ihm erzählt hatte, hatte das Ende von Lucas’ Kindheit bedeutet. Sein Vater hatte schreckliche Dinge über die Stadt herausgefunden, Dinge, die streng geheim gehalten wurden, und es war gefährlich, darüber Bescheid zu wissen. Er erklärte Lucas, dass die Ränge nicht durch das Streben nach dem Guten bestimmt würden, sondern durch das Streben nach Macht; dass er mit einem alten Kameraden außerhalb der Stadt in Verbindung stehe, der ihnen helfen könnte.

Von da an war Lucas in eine andere Welt eingetaucht, in eine Welt voller Geheimnisse, voller Schatten, in der er nie wieder seine wahren Gefühle zeigen konnte, außer gegenüber seinem Vater; in eine Welt, in der er rund um die Uhr arbeitete und von seinem Vater alles lernte, was dieser ihm beibringen konnte.

Und eines Tages kam sein Vater zu ihm und erzählte ihm, dass etwas passiert sei, etwas, das bald herauskommen würde, dass er zu einem K herabgestuft werde und dass er verschwinden müsse. Die ganze Familie werde dieses Schicksal teilen, es sei denn, Lucas würde genau tun, was er ihm sagte: Er sollte ihn verraten und dem Bruder erzählen, dass sein Vater ein Verräter sei, bevor der Bruder herausfand, was passiert war. Auf diese Weise könnte Lucas die Familie beschützen, das Werk seines Vaters fortführen und weiter mit dessen Freund kommunizieren. Auf diese Weise hätte die Stadt noch eine Chance.

Lucas wollte protestieren und seinem Vater sagen, dass er ihn nie verraten und dass er nie zulassen würde, dass ihm etwas passierte, aber er tat es nicht, weil er schon damals wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er hatte bereits über die Folgen, die Möglichkeiten und die unterschiedlichen Ergebnisse nachgedacht und war zu dem Schluss gelangt, dass er keine andere Wahl hatte.

»Du musst die Wahrheit für dich behalten, bis die Zeit gekommen ist«, hatte sein Vater gesagt. »Du darfst es Raffy nie erzählen. Er wird dich hassen, weil du mich verraten hast, und du wirst damit leben müssen. Kannst du damit leben, mein Sohn?«

Lucas hatte genickt.

»Gut«, hatte sein Vater erwidert, und die Erleichterung war ihm anzusehen gewesen, Erleichterung gepaart mit Stolz und mit Liebe, und das gab Lucas die Kraft, nicht zu weinen. »Dann wollen wir ein letztes Mal Kaffee kochen.«

Eine Stunde später, nachdem Lucas die Stadtpolizei wegen verdächtiger Geräusche im Haus alarmiert hatte, war sein Vater weggebracht worden, und Lucas war nicht nur zum Beschützer seines Bruders, sondern auch zum Bewahrer des Vermächtnisses seines Vaters geworden, von allem, wofür dieser gekämpft hatte.

Lucas blieb stehen und holte tief Atem. Vor ihm tauchte jetzt eine Mauer auf, und er duckte sich, weil er wusste, dass sie bewacht wurde. Zu seiner Rechten befand sich ein Tor. Ob er da durchkäme? Vielleicht, wenn er wartete, bis jemand hereinkam, ein Fahrzeug vielleicht … Aber da müsste er unter Umständen die ganze Nacht oder eine ganze Woche warten.

Lucas hob einen Stein auf und warf ihn gegen das Tor, um zu sehen, was passierte. Zuerst war ein lautes Scheppern zu hören, und dann leuchtete eine Taschenlampe auf. Lucas wich zurück.

»Vorsicht. Es könnte sein, dass du jemanden getroffen hast.«

Beim Klang der vertrauten Stimme fuhr Lucas’ Kopf herum. »Linus?« Ungläubig starrte Lucas auf die Gestalt, die auf ihn zukam. »Du bist hier? Warum? Warum bist du nicht gekommen und hast mich da rausgeholt?«

»Das war nicht nötig«, meinte Linus achselzuckend. »Aber ich würde nicht versuchen, durch das Tor zu gehen. Wenn du da durchgehst, wirst du geröstet. Ungelogen.«

Misstrauisch betrachtete Lucas das Tor.

»Danke«, sagte er. »Ich glaube dir.«

»Kein Problem«, meinte Linus. »Da entlang.«

29

Lucas überlegte, ob er Linus Vorwürfe machen sollte wegen dem, was er getan hatte, aber dann musste er sich eingestehen, dass es ihm eigentlich egal war. Sie verließen das Lager durch eine schmale Fußgängerpforte, deren Code Linus zu kennen schien, und fuhren die ganze Nacht durch. Lucas fühlte sich ausnahmsweise einmal nicht elend. Stattdessen bestaunte er die Landschaft, die an ihnen vorbeiraste, und hörte Linus zu, der ihm von der Siedlung erzählte, in der Raffy und Evie jetzt lebten. Seltsamerweise spielte sein Magen diesmal nicht verrückt, als er ihren Namen hörte; er musste sogar lächeln bei dem Gedanken, Evie wiederzusehen.

»Ich fühle mich großartig«, sagte er zu Linus gewandt, und seine Augen strahlten.

Linus grinste. »Dieser Computer hatte ganz großartige Drogen«, bemerkte er trocken, und als er Lucas’ Gesichtsausdruck sah, musste er lachen. »Sie haben dich unter Drogen gesetzt, deshalb habe ich den Computer dazu gebracht, die Medikation einzustellen und dir ein Mittel zu geben, das dich wieder munter macht. Offenbar hat sie genau das Richtige getan. Genieß es, solange die Wirkung noch anhält.«

»Sie?« Lucas sah Linus neugierig an.

»O ja«, meinte Linus trocken. »Der Computer hatte eine tolle Stimme. Ich glaube, unter anderen Umständen hätten wir uns prima verstanden.«

Der Wagen wurde langsamer und fuhr in eine von mehreren Höhlen. Lucas sah sich um. »Wo sind wir?«

»Im Norden«, erklärte Linus. »In den North Pennines. Zumindest hat man sie früher so genannt. Eine hübsche Gegend zum Wandern. Mit vielen Höhlen.«

»Verstehe«, sagte Lucas. Linus stellte den Motor ab und sie waren in Dunkelheit gehüllt. »Du hast das alles geplant, oder?«

Linus holte eine Taschenlampe hervor, machte sie an und grinste. »So ungefähr«, meinte er augenzwinkernd. »Bis zur Siedlung braucht man von hier aus zu Fuß etwa eine Stunde«, sagte er und öffnete die Wagentür. »Bist du okay?«

»Mir geht es ausgezeichnet«, betonte Lucas, sprang aus dem Wagen und folgte Linus hinaus in die Dunkelheit.

Mr Weizman starrte auf den Computerbildschirm, in das wütende Gesicht seines Chefs.

»Nur damit ich Sie richtig verstehe. Sie hatten ihn? Er war im Lager und konnte fliehen?«

Mr Weizman nickte. Er hatte schon ein paarmal erklärt, dass es keinerlei Hinweise gegeben habe, dass der Gefangene aus der Stadt kam und dass noch jemand bei ihm war. Er sei außerhalb der Begrenzungsmauer mit einer Kopfwunde aufgefunden und vorsichtshalber ins Lager gebracht worden. Nachdem er als »untauglich« eingestuft worden war, hatte Weizman angeordnet, die Behandlung abzubrechen. Die Flucht, der Partner, der sich Zugang zum Zentralrechner verschafft hatte … nichts hatte darauf hingedeutet.

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