Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
Im Grunde spielte es keine Rolle, weil Devil auf jeden Fall etwas Besseres zu tun hatte. Er hatte ein größeres Spiel im Auge. Er wollte sich in eine andere Welt begeben. In eine Welt, die ihm gefiel. Mit schicken Autos und mit Leuten, die wahre Macht hatten und denen man Respekt zollte, ohne blöde Gangs, die sich ständig stritten wie kleine Kinder. Das war ihm jetzt klar geworden. Sie unterschieden sich nicht von den Kids, die sich auf dem Spielplatz prügelten, nur dass sie ihre Kämpfe mit Messern und Gewehren austrugen.
Eben das hatte Thomas ihm in den vergangenen Wochen klargemacht. Thomas wusste alles. Er war sozusagen ein wandelndes Lexikon. Er wusste alles über Devil, über Dalston, über Devils Leben davor, über die Siedlung, über Musik, über Politik, einfach alles. Sobald Devil ein Thema anschnitt, zog Thomas die Augenbrauen hoch und spuckte eine ganze Ladung Informationen aus. Anschließend lächelte er triumphierend.
Thomas hatte Devil beigebracht, über den Tellerrand zu schauen und seine früheren Ambitionen als das zu sehen, was sie waren: erbärmlich.
»Wer interessiert sich schon für Dalston?«, hatte er einmal mit einem Lächeln gesagt. »Meinst du, irgendjemand außerhalb von Dalston schert sich einen Dreck darum? Meinst du, du verdienst Respekt, weil deine Gang die größte in Dalston ist? Den kannst du höchstens von den Leuten in Dalston erwarten. Und die sind scheißegal.«
Devil hätte ihm am liebsten einen Fausthieb verpasst, wie er es immer machte bei Leuten, die nicht seiner Meinung waren und ihn nicht respektierten. Aber bei den vielen Beschützern um Thomas herum war das unmöglich. Deshalb schwieg er beleidigt. Doch je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass Thomas recht hatte. Dalston war ein unbedeutendes Kaff. Und dann nahm Thomas ihn im Auto mit ins Londoner Zentrum, zu Plätzen, von denen er nicht einmal zu träumen gewagt hatte. In Klubs, vor denen lange Schlangen standen und in die sie einfach so hineinmarschierten. In Bars, die die ganze Nacht geöffnet hatten, mit schönen Frauen, die sie umschwirrten wie Motten das Licht. Thomas genoss es sichtlich, das Geld, die Macht, die Aufmerksamkeit. Und Devil amüsierte sich ebenfalls. Er trank Champagner, aß Speisen, die so gut schmeckten, dass ihm jedes Mal das Wasser im Mund zusammenlief, wenn er nur daran dachte, und ließ sich von Frauen umgarnen, die über seine Witze lachten und die ihm das Gefühl gaben, als wäre er ein König.
Devil hatte keine Ahnung, ob er jetzt zu Thomas’ Team gehörte oder nicht. Von Zeit zu Zeit schickte Thomas ihm eine SMS und kreuzte ein paar Stunden später mit seinem Wagen bei ihm auf. Dann ließ Devil alles stehen und liegen und stieg zu ihm ins Auto. Die Jungs seiner Gang löcherten ihn ständig mit Fragen, wer der Mann in dem Wagen sei, aber Devil gab keine Antwort. Das ging nur ihn etwas an. Er war ein Gewinner, ein Anführer; die anderen waren nur sein Fußvolk. Sie erfuhren nur so viel, wie er ihnen erzählen wollte, das genügte.
Und bald würde er ihnen überhaupt nichts mehr erzählen. Bald wäre er fort. Er wusste zwar nicht genau, wann, aber Thomas gab ihm Hinweise. Von einem großen Auftrag war die Rede, von etwas, was Devils Bestimmung war. Er sollte ein Anführer werden. Er würde Anhänger haben, genau wie sein Dad; er würde ihnen sagen, was sie tun sollten und wie sie leben sollten. Und er würde Dalston verlassen. Danach hätte er vielleicht ein eigenes Auto.
Devil vernahm ein Motorengeräusch und schaute mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf. Er verabschiedete sich nicht einmal von seiner Gang; ein Nicken genügte. Die Jungs wussten, dass er wichtige Geschäfte zu erledigen hatte und dass sie die Stellung halten mussten, bis er zurückkam.
Aber kurz darauf verschwand das Lächeln aus Devils Gesicht. Es war nicht der Mercedes. Es war ein blau-weißer Wagen. Die Türen gingen auf, und zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, stiegen aus und kamen auf ihn zu. Es waren dieselben beiden Bullen, die ihn schon einmal verhört hatten. Seine Jungs machten sich aus dem Staub und mit ihnen verschwand auch belastendes Beweismaterial.
»Na?« Devil sah die Beamten frech an. Er hatte es gewusst. Es wäre ja auch zu schön gewesen. Bestimmt waren sie nur hier, weil er sich schon dazu beglückwünscht hatte, dass sie ihn in Ruhe ließen. Dumm gelaufen.
»Wir haben mit verschiedenen Leuten gesprochen«, sagte der Rothaarige in seinem üblichen drohenden Tonfall. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dich wegen Mordes anklagen. Das ist dir doch klar. Vermutlich kommt auch noch Totschlag dazu. Wegen dem Jungen, den du gezwungen hast, für dich die Drecksarbeit zu erledigen. Wie fühlt es sich an, wenn man ein Killer ist, Devil? Gut? Bist du stolz auf dich?«
Devil verdrehte die Augen und setzte eine gelangweilte Miene auf. »Was soll’s.«
»Wir haben das Messer, Devil. Und wir haben die Aussage der Mutter. Sie hat uns bestätigt, dass du ihren Sohn zu der Tat angestiftet hast.«
»Ich weiß nichts von einem Messer«, sagte Devil mit zu Schlitzen verengten Augen. »Und ich habe auch niemanden zu etwas angestiftet.«
Die Polizistin lächelte. »Natürlich nicht. Aber wir werden dich mit diesem Messer in Verbindung bringen und dann wanderst du für sehr lange Zeit in den Knast.«
Devil schwieg. Das Messer war sauber; dafür hatte er gesorgt. Sie hatten nichts gegen ihn in der Hand. Sonst hätten sie ihn schon längst unter Anklage gestellt, anstatt hier herumzulungern.
»Und in der Zwischenzeit«, fuhr sie fort, »werden wir dich auf Schritt und Tritt beobachten. Ein Husten genügt, und schon sind wir da. Denk dran«, sagte sie, drehte sich um und ging zum Auto zurück. Als der Wagen davonfuhr, tauchten nach und nach Devils Jungs wieder auf.
Devil blickte gereizt in die Runde. »Was ist?«, fragte er.
Dann stand er auf und steckte die Hände in die Hosentaschen. Er hatte das alles hier so satt.
Wütend ging Devil davon, den Fußweg hinunter, vorbei an diesen Versagern, auf die Straße. Er wollte nur noch weg. Er kickte ein paar Steine auf die Straße und traf etwas. Ein Auto. Diesmal war es kein Streifenwagen, sondern ein Mercedes.
Die Tür ging auf, Devil stieg ein, lehnte sich auf dem Sitz zurück und schnallte sich an.
»Du musst vorsichtig sein, wenn du mit Steinen herumkickst.« Thomas streckte ihm die Hand hin; er saß auf dem Rücksitz.
Devil zuckte die Schultern. »Ich habe diesen Ort hier so satt«, meinte er mürrisch. »Gehöre ich nun zu Ihrem Team, oder was? Was wollen Sie überhaupt von mir? Sie tauchen einfach auf, verschwinden wieder und sagen mir nichts.«
Thomas sah ihn eine ganze Weile an. Der Wagen fuhr los, und ein paar Minuten herrschte tiefes Schweigen, bis Thomas schließlich das Wort ergriff. »Mach dir keine Sorgen wegen der Polizei, Devil. Dir kann nichts passieren. Die können dir nichts anhängen. Und in der Zwischenzeit habe ich einen Job für dich.«