Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
»Einen Job?« Devils Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Klar, Mann. Sagen Sie mir, wie und wann. Ich sorge dafür, dass alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt wird.«
»Nein«, sagte Thomas ruhig. »Ich will nicht, dass einer deiner Jungs den Job erledigt. Ich will, dass du es tust, verstanden? So kannst du dich bewähren. Zeig mir, dass du das Zeug dazu hast. Wenn du deine Sache gut machst, dann wird das Messer verschwinden. Kein Messer, keine Zeugenaussage, nichts. Mach deine Sache gut und du musst nie wieder in diese Siedlung zurück, okay?«
Thomas sah ihn aufmerksam an und Devil nickte rasch. »Alles klar«, erklärte er, und seine Stimme klang etwas weniger großspurig.
»Gut«, meinte Thomas und zog die Mundwinkel leicht nach oben. »Das ist sehr gut, Devil.«
23
Raffy trank einen Schluck Wasser und genoss, ausgestreckt im saftigen Gras, die warmen Sonnenstrahlen, einen Moment der Ruhe, bevor er wieder an die Arbeit musste. So eine Arbeit kannte er bis jetzt nicht, ein Knochenjob, eine schweißtreibende Arbeit, bei der ihm die Puste wegblieb und ihm die Knochen wehtaten. Und nach getaner Arbeit war er so erschöpft, dass er zu Hause oft kein Wort mehr herausbrachte und gleich ins Bett fiel vor Müdigkeit.
Doch er liebte die Ordnung, die Regeln, die Disziplin und die Kameradschaft. In den zehn Stunden am Tag, die er bei der Arbeit war, hatte Raffy das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hatte, dass er es unter Kontrolle hatte, dass alles in Ordnung war. Die Arbeit war zwar einfach, aber sie erfüllte einen Zweck; er sorgte dafür, dass die Menschen genug zu essen und zu trinken hatten. Er war Bauer; er konnte erhobenen Hauptes durch die Siedlung gehen. Zum ersten Mal in seinem Leben begegnete ihm weder Hass noch Misstrauen.
Zumindest bis jetzt.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus und stützte sich auf die Ellenbogen. Gleich nachdem er von Benjamin weggegangen war, war er zu Neil geeilt und hatte sich bei ihm entschuldigt. Er hatte ihn um Verzeihung gebeten und sogar erklärt, er werde ein paar Unterrichtsstunden nehmen. Anschließend war er beschämt nach Hause gegangen, um sich bei Evie zu entschuldigen und ihr zu versprechen, dass so etwas nicht wieder vorkommen würde.
Neil hatte ihm zugehört, ihm ein paar Fragen gestellt und ihn genau beobachtet. Dann hatte er Raffy umarmt und ihm gesagt, dass er jetzt zur Siedlung gehöre, dass er sein Bruder sei und dass er sich nicht entschuldigen müsse. Raffy war sich ganz klein vorgekommen, als Neil ihm zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand gab, ihm ohne Weiteres verzieh und ihm zum wiederholten Mal anbot, Raffy könne an seinem Unterricht teilnehmen und er werde ihm ein Buch seiner Wahl besorgen.
Evie jedoch war seinem Blick ausgewichen und hatte nichts erwidert auf seine verzweifelten Bitten, sie möge ihm verzeihen. Evie hatte ihn nur mit versteinerter Miene angesehen und war dann zur Arbeit gegangen – allerdings nicht in der gewohnt aufrechten Haltung. Sogar später beim Mittagessen hatte sie ihm vorwurfsvolle Blicke zugeworfen. Er hatte sie enttäuscht. Er hatte alle enttäuscht.
Deshalb hatte er beschlossen, Benjamins Rat zu befolgen und sich in die Arbeit zu stürzen, sich darauf zu konzentrieren, die Werte der Siedlung hochzuhalten und ein wertvolles und wichtiges Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Er hatte schwerer gearbeitet, als er sich je zugetraut hätte, war früh zur Arbeit erschienen, hatte keine Pause gemacht und für zwei geschuftet. Und jetzt ging es ihm tatsächlich viel besser. Er war zwar völlig erschöpft, und alle Muskeln – auch die, von denen er bislang gar nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab – schmerzten, aber er fühlte sich besser.
Und auch sein Verhältnis zu Evie war besser geworden. Sie taute allmählich auf, wich seinem Blick nicht mehr aus und lachte manchmal sogar über seine Witze.
Alles kommt wieder in Ordnung, dachte er bei sich. Er wollte sich bewähren und ihr beweisen, dass er ihrer würdig war. Und wenn er und Evie erst verheiratet wären, dann wäre sein Glück vollkommen. Davon hatte er immer geträumt, und es war mehr, als er jemals erwartet hatte. Und wenn sie für immer miteinander verbunden waren, würde er sich bestimmt entspannen und hätte keine Angst mehr, dass jemand sie ihm wegnehmen könnte. Er wusste, dass Benjamin recht hatte, als er von Vertrauen sprach und davon, Evie ihre Freiheit zu lassen. Und Raffy bemühte sich wirklich sehr. Aber es lag nicht in seiner Natur, sich vollkommen zu entspannen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass die Habichte ständig über ihm kreisten und er immer auf der Hut sein musste.
Raffy ließ sich wieder ins Gras zurücksinken und blickte zum Himmel hinauf. Hier war der Himmel so unendlich weit, viel weiter als in der Stadt, und es gab so unendlich viel Luft, Licht, Sauerstoff.
Hier in der Siedlung konnte er endlich wieder atmen.
Hier konnte er einfach nur sein.
Raffy hörte die Glocke, setzte sich auf und stützte sich mit der Hand auf dem Boden ab, um wieder aufzustehen. Plötzlich hielt er inne, weil jemand dicht neben ihm stand, jemand, den er noch nie gesehen hatte. Er starrte den Fremden an, sein Puls raste. Es war niemand sonst in der Nähe; die Männer verbrachten ihre Mittagspause in der Regel auf der Baustelle, wo neue Häuser und neue Klassenzimmer entstehen sollten. Die Baustelle befand sich ganz in der Nähe der Felder. Nun, nachdem die Glocke das Ende der Mittagspause angezeigt hatte, würden die Bauarbeiter wieder auf die Dächer klettern und sich an die Betonmischer begeben, während die Bauern wieder aufs Feld gingen. Nur Raffy war zum Essen hierhergekommen, fünf Gehminuten von der Baustelle entfernt, wo er im Gras liegen und den Geruch von Freiheit genießen konnte.
»Nette Häuser entstehen da. Du musst begeistert sein«, meinte der Mann.
Raffy schwieg und starrte den Mann argwöhnisch an. Er kannte ihn nicht, und der Mann hatte etwas an sich, was ihn misstrauisch machte.
Der Mann lächelte. »Tut mir leid, du kennst mich nicht. Ich bin ein Freund von Benjamin. Dieser Ort ist sehr beeindruckend.«
Raffy verengte die Augen. Niemand hatte etwas von einem Besuch erwähnt. »Sie kennen Benjamin?«
»Schon lange«, erwiderte der Mann. »Und du bist also Raffy, hm?«
Raffy blickte ihn streng an.
Der Mann lachte. »Du bist vorsichtig, was? Keine Sorge. Ich auch. Das ist auch richtig so. Vor allem in deiner Lage.«
»In meiner Lage?«
»Na, du weißt schon. Wenn man aus der Stadt kommt und Lucas zum Bruder hat«, meinte der Mann achselzuckend. Er hatte ein verkniffenes Gesicht, kleine Augen und ein schwach ausgeprägtes Kinn. Raffy mochte ihn nicht. Er könnte ihn in Sekundenschnelle überwältigen.
Aber dann musste Raffy an Benjamin denken. Gewalt gehörte nicht zu den Grundwerten der Siedlung. Deshalb riss er sich zusammen und war auf der Hut. »Wer sind Sie?«, sagte er und ging drohend auf den Mann zu. »Was wollen Sie?«
»Ich? Gar nichts. Nur …« Der Mann neigte den Kopf zur Seite. »Ich habe Freunde hier. Ich bin nicht offiziell hier … Du musst also nicht jedem von mir erzählen. Aber, wie gesagt, ich habe Freunde. Freunde, die … sich Sorgen um dich machen. Sie wollten es dir nicht direkt ins Gesicht sagen für den Fall, dass du es ihnen übel nimmst. Deshalb habe ich mich dazu bereit erklärt. Mir macht das nichts aus.«
»Freunde? Was sind das für Freunde?«, fragte Raffy und suchte den Horizont ab, um herauszufinden, ob die Arbeiter auf der Baustelle seine Rufe hören würden. Aber ihm wurde sofort klar, dass sie zu weit weg waren.
Der Mann warf ihm einen unbehaglichen Blick zu. »Das kann ich dir wirklich nicht sagen«, meinte er. »Aber wie ich sehe, bist du beschäftigt. Das ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Nur … die Nachricht hat etwas mit einer Uhr zu tun. Mit einer goldenen Uhr. Anscheinend hat sie sie wieder. Ich weiß nicht, was das bedeutet und ob dir das etwas sagt. Ich sollte es dir nur ausrichten und das habe ich hiermit getan. Wenn es dir recht ist, mache ich mich jetzt wieder auf den Weg. Und, äh, mach so weiter. Das war die andere Nachricht.«