Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Nachdem die Franzosen auf die große Heerstraße gelangt waren, eilten sie mit überraschender Energie und erstaunlicher Schnelligkeit dem Ziel zu, das sie sich in Gedanken gesetzt hatten. Außer dieser Ursache, der Gemeinsamkeit des Strebens, welche die Haufen der Franzosen zu einem Ganzen verband und ihnen eine gewisse Energie verlieh, war noch eine andere Ursache vorhanden, die sie zusammenhielt. Diese Ursache bestand in ihrer Menge. Ihre gewaltige Masse zog durch ihre eigene Kraft, wie nach dem physikalischen Gesetz der Anziehung, die einzelnen Atome, d.h. die Menschen, an sich. Sie bewegten sich vermöge ihrer hunderttausendköpfigen Masse vorwärts, die ihnen den Charakter eines eigenen ganzen Staates verlieh.
Jeder einzelne unter ihnen hatte nur einen Wunsch: sich gefangenzugeben und dadurch von allen Schrecken und Leiden loszukommen. Aber erstens zog die Kraft des gemeinsamen Hinstrebens nach dem Ziel Smolensk einen jeden in derselben Richtung fort; und zweitens konnte sich doch ein Armeekorps nicht einer Kompanie gefangengeben, und obgleich die Franzosen jede geeignete Gelegenheit benutzten, um sich voneinander zu trennen und sich unter dem unbedeutendsten anständigen Vorwand gefangenzugeben, so fanden sich doch nicht immer Vorwände. Schon allein durch ihre Zahl und das schnelle Marschieren in eng geschlossenen Haufen wurde ihnen diese Möglichkeit genommen und es den Russen nicht nur schwer, sondern geradezu unmöglich gemacht, diese Bewegung zu hemmen, auf welche die gesamte Energie dieser großen Masse von Franzosen gerichtet war. Eine mechanische Zerreißung des Körpers konnte den sich vollziehenden Zersetzungsprozeß nicht über eine bestimmte Grenze hinaus beschleunigen.
Ein Schneeball kann nicht in einem einzigen Augenblick schmelzen. Es gibt ein bestimmtes Zeitmaß, unter welchem keine Anstrengungen der Wärme den Schnee zum Schmelzen bringen können. Im Gegenteil, je höher die Wärme ist, um so fester wird der verbleibende Schnee.
Von den russischen Heerführern hatte niemand als Kutusow dafür Verständnis. Sobald die Flucht der französischen Armee eine bestimmte Richtung angenommen hatte, nämlich auf der Straße nach Smolensk, da verwirklichte sich das, was Konownizyn in der Nacht vom 11. zum 12. Oktober vorhergesehen hatte. Alle höheren Führer der Armee wollten sich auszeichnen, die Franzosen abschneiden, umgehen, gefangennehmen, zurückwerfen, und alle verlangten sie den Angriff.
Kutusow allein gebrauchte alle seine Kräfte (aber diese Kräfte sind bei jedem Oberkommandierenden sehr gering) dazu, sich einem Angriff zu widersetzen.
Wir sagen heute: wozu sollten die Russen eine Schlacht liefern und den Franzosen den Weg versperren und ihre eigenen Leute verlieren und die Unglücklichen in unmenschlicher Weise niedermetzeln, wozu alles das, da ja auf dem Weg von Moskau bis Wjasma auch ohne Schlacht ein Drittel dieses Heeres wegschmolz? Dergleichen konnte Kutusow seinen Generalen nicht sagen; aber er holte aus dem Schatz der Weisheit seines Alters Erwägungen hervor, von denen er meinte, daß sie sie würden verstehen können, und sprach ihnen von einer goldenen Brücke; aber sie machten sich über ihn lustig, schwärzten ihn an und gebärdeten sich gar grimmig und mutig angesichts des tödlich verwundeten Wildes.
Bei Wjasma konnten Jermolow, Miloradowitsch, Platow und andere, die sich in der Nähe der Franzosen befanden, dem Verlangen nicht widerstehen, zwei französische Armeekorps abzuschneiden und zurückzuwerfen. An Kutusow schickten sie, um ihn von ihrer Absicht zu benachrichtigen, statt der Meldung in einem Kuvert einen Bogen weißes Papier.
Und trotz aller Bemühungen Kutusows, die Truppen zurückzuhalten, griffen unsere Truppen dennoch an und versuchten, dem Feind den Weg zu versperren. Infanterieregimenter gingen, wie erzählt wird, mit Musik und Trommelschlag zum Angriff vor und töteten und vernichteten Tausende von Menschen.
Aber was den Versuch des Abschneidens anlangte, so schnitten sie niemanden ab und warfen niemanden zurück. Und das französische Heer, das durch die Gefahr nur an Festigkeit gewonnen hatte, setzte, gleichmäßig schmelzend, seinen verderbenbringenden Weg nach Smolensk fort.
Vierzehnter Teil
I
Die Schlacht bei Borodino mit den beiden darauffolgenden Ereignissen, nämlich der Besetzung Moskaus und der Flucht der Franzosen, ohne daß neue Schlachten stattgefunden hätten, ist eine der lehrreichsten Erscheinungen der Weltgeschichte.
Alle Geschichtsschreiber sind darüber einig, daß, bei Kollisionen der Staaten und Völker, durch die Kriege sich der Grad ihrer äußeren Tatkraft bekundet und daß unmittelbar infolge der größeren oder geringeren kriegerischen Erfolge die politische Bedeutung der Staaten und Volker wächst oder abnimmt.
Wie seltsam auch die geschichtlichen Darstellungen klingen mögen, daß irgendein König oder Kaiser infolge eines Zwistes mit einem andern Kaiser oder König ein Heer sammelte, dem Heer des Feindes eine Schlacht lieferte, den Sieg davontrug, drei-, fünf- oder zehntausend Menschen tötete und infolgedessen den Staat und das ganze Volk von mehreren Millionen Menschen unterwarf, und wie unbegreiflich es auch sein mag, weshalb das Volk durch die Niederlage des Heeres allein, also eines Hundertstels der gesamten Volkskraft, sich zur Unterwerfung gezwungen sah: so bestätigen doch alle Tatsachen der Geschichte, soweit sie uns bekannt ist, die Richtigkeit des Satzes, daß größere oder kleinere Erfolge des Heeres des einen Volkes gegen das Heer des anderen Volkes die Ursachen oder wenigstens sehr bedeutsame Symptome der Zunahme oder Abnahme der Kraft der Völker sind. Das Heer hat den Sieg davongetragen, und sogleich erweitern sich die Rechte des siegreichen Volkes auf Kosten des besiegten. Das Heer hat eine Niederlage erlitten, und sogleich wird das Volk je nach dem Grad der Niederlage dieser und jener Rechte beraubt und bei einer vollständigen Niederlage seines Heeres vollständig unterworfen.
So ist es nach dem Zeugnis der Geschichte von den ältesten Zeiten bis auf unsere Zeit gewesen. Alle Kriege Napoleons dienen zur Bestätigung dieses Satzes. Nach dem Maß der Niederlage der österreichischen Truppen verlor Österreich von seinen Rechten und wuchsen die Rechte und Kräfte Frankreichs. Der Sieg der Franzosen bei Jena und Auerstedt vernichtete die selbständige Existenz Preußens.
Aber nun auf einmal die Ereignisse des Jahres 1812: die Franzosen trugen in der Nähe von Moskau einen Sieg davon, nahmen Moskau ein, und darauf, ohne daß neue Schlachten stattgefunden hätten, hörte nicht etwa Rußland auf zu existieren, sondern mit der sechshunderttausend Mann starken Armee und demnächst mit dem Napoleonischen Frankreich war es zu Ende. Der geschichtlichen Regel zuliebe die Tatsachen zu verdrehen und zu sagen, das Schlachtfeld von Borodino sei in den Händen der Russen geblieben oder es hätten nach der Einnahme von Moskau noch Schlachten stattgefunden, durch die Napoleons Heer vernichtet sei, geht nicht an.
Nach dem Sieg der Franzosen bei Borodino hat nicht nur keine Hauptschlacht, sondern überhaupt kein irgendwie bedeutender Kampf mehr stattgefunden, und doch hörte die französische Armee auf zu existieren. Was bedeutet das? Stammte dieses Beispiel aus der Geschichte Chinas, so könnten wir sagen, diese Erscheinung sei nicht historisch beglaubigt (das gewöhnliche Schlupfloch der Historiker, wenn etwas nicht auf ihren Leisten paßt), und wenn es sich um einen kurzen Zusammenstoß handelte, bei dem nur geringe Truppenmengen beteiligt gewesen wären, so könnten wir diese Erscheinung als eine Ausnahme betrachten; aber dieses Ereignis vollzog sich vor den Augen unserer Väter, für welche es sich um den Fortbestand oder Untergang des Vaterlandes handelte, und dieser Krieg war der größte von allen bekannten Kriegen.
Die Periode des Feldzuges des Jahres 1812 von der Schlacht bei Borodino bis zur Vertreibung der Franzosen hat bewiesen, daß ein gewonnener Schlachtensieg keineswegs die Eroberung des Landes zur notwendigen Folge hat, ja nicht einmal ein zuverlässiges Merkmal der Eroberung ist, und daß die Kraft, die das Schicksal der Völker entscheidet, nicht in den Eroberern liegt, auch nicht einmal in den Armeen und in den Schlachten, sondern in etwas anderem.