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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Die französischen Geschichtsschreiber, welche die Lage des französischen Heeres vor dem Auszug aus Moskau schildern, suchen uns zu überzeugen, daß alles bei der großen Armee in guter Ordnung gewesen sei mit Ausnahme der Kavallerie, der Artillerie und des Trains; es habe eben an Furage zur Ernährung der Pferde und des Hornviehs gefehlt. Diesem Mangel habe nicht abgeholfen werden können, weil die Bauern der Umgegend ihr Heu verbrannt hätten, statt es den Franzosen abzulassen.

Danach hätte also die gewonnene Schlacht deswegen nicht die gewöhnlichen Resultate gehabt, weil die Bauern Karp und Wlas, die nach dem Abzug der Franzosen mit ihren Fuhrwerken nach Moskau kamen, um in der Stadt zu rauben, und überhaupt persönlich keine heldenhaften Gefühle an den Tag legten, samt der ganzen übrigen zahllosen Menge solcher Bauern, nicht für das gute Geld, das man ihnen bot, ihr Heu nach Moskau brachten, sondern es lieber verbrannten.

Stellen wir uns zwei Männer vor, die sich duellieren, und zwar mit Degen, nach allen Regeln der Fechtkunst; der Kampf hat schon eine ziemliche Weile gedauert; da fühlt plötzlich einer der beiden Gegner, daß er verwundet ist; er weiß, daß die Sache kein Scherz ist, sondern es sich um sein Leben handelt; so wirft er denn den Degen weg, ergreift den ersten besten Knüttel, der ihm in die Hand kommt, und beginnt mit diesem um sich zu schlagen. Stellen wir uns nun aber weiter vor, daß der Gegner, der in so verständiger Weise das beste und einfachste Mittel zur Erreichung seines Zieles angewandt hat, zugleich für die Traditionen des Rittertums begeistert ist und deshalb den wahren Hergang verheimlichen und behaupten wollte, er habe nach allen Regeln der Kunst mit dem Degen gesiegt. Man kann sich denken, was für ein Wirrwarr und was für eine Unklarheit die Folge einer solchen Darstellung des stattgehabten Duells sein würde.

Der Fechter, der einen Kampf nach den Regeln der Kunst forderte, waren die Franzosen; der Gegner, der den Degen wegwarf und dafür zum Knüttel griff, waren die Russen; die Leute, die alles nach den Regeln der Fechtkunst zu erklären suchen, sind die Historiker, die über dieses Ereignis geschrieben haben.

Mit dem Brand von Smolensk hatte ein Krieg begonnen, der von den Traditionen aller früheren Kriege durchaus abwich. Die Einäscherung von Städten und Dörfern, der Rückzug nach den Schlachten, der Schlag bei Borodino und dann wieder der Rückzug, der Brand von Moskau, die Jagd auf Marodeure, das Abfangen der Transporte, der Freischärlerkrieg, alles dies waren Abweichungen von den Regeln.

Napoleon fühlte das, und von dem Augenblick an, wo er sich in Moskau in regelrechter Fechterhaltung hingestellt hatte und sah, daß der Gegner statt des Degens einen Knüttel gegen ihn erhob, hörte er nicht auf, sich bei Kutusow und Kaiser Alexander darüber zu beschweren, daß der Krieg gegen alle Regeln geführt werde (als ob es Regeln für die Tötung von Menschen gäbe). Aber trotz der Beschwerden der Franzosen über die Verletzung der Regeln und trotzdem manche hochgestellten Russen sich gewissermaßen genierten, mit dem Knüttel zu kämpfen, und lieber nach allen Regeln der Kunst sich in Quart- oder Terzlage hingestellt oder einen kunstvollen Ausfall in der Prime gemacht hätten usw.: trotz alledem erhob sich der Knüttel des Volkskrieges in all seiner drohenden, imposanten Kraft, und ohne nach jemandes Geschmack oder irgendwelchen Regeln zu fragen, sondern in dummer Einfalt, aber in zweckmäßiger Weise, ohne viel Bedenken, hob und senkte er sich immer wieder und schlug so lange auf die Franzosen los, bis das ganze Invasionsheer vernichtet war.

Und Heil dem Volk, das nicht, wie die Franzosen im Jahre 1813, nach allen Regeln der Kunst salutiert, den Degen umwendet und den Griff desselben anmutig und höflich dem großmütigen Sieger darbietet, sondern in der schweren Prüfungsstunde, ohne danach zu fragen, wie andere Völker in ähnlichen Fällen nach Regeln gehandelt haben, schlicht und einfach den ersten besten Knüttel ergreift, der ihm vor die Hand kommt, und mit ihm so lange zuschlägt, bis in seiner Seele das Gefühl der Erbitterung und Rachsucht von dem Gefühl der Verachtung und des Mitleids abgelöst wird.

II

Eine der handgreiflichsten und vorteilhaftesten Abweichungen von den sogenannten Regeln der Kriegskunst ist der Kampf vereinzelter Menschen gegen Menschen, die sich zu Haufen zusammengeschlossen haben. Derartige Kämpfe treten im Krieg stets auf, sobald dieser den Charakter eines Volkskriegs annimmt. Diese Kampfart besteht darin, daß nicht Haufen gegen Haufen vorgehen, sondern die Menschen sich voneinander trennen, einzeln angreifen und sofort fliehen, sobald sie von größeren Streitkräften angegriffen werden, dann aber, sobald sich eine Gelegenheit bietet, selbst wieder zum Angriff übergehen. So haben es die Guerillas in Spanien gemacht, so die Gebirgsbewohner im Kaukasus, und so auch die Russen im Jahre 1812.

Einen derartigen Krieg nannte man Freischarenkrieg und glaubte, mit dieser Benennung seinen Begriff fest umschrieben zu haben. Indessen richtet sich ein solcher Krieg nicht nur nach keinen Regeln, sondern er widerstreitet geradezu einer bekannten und als unfehlbar anerkannten taktischen Regel. Diese Regel besagt, der Angreifer müsse seine Truppen konzentrieren, um im Augenblick des Kampfes stärker zu sein als der Gegner.

Der Freischarenkrieg (der, wie die Geschichte beweist, immer erfolgreich ist) widerstreitet dieser Regel geradezu.

Dieser Widerspruch kommt daher, daß die Kriegswissenschaft die Kraft der Truppen für identisch hält mit ihrer Zahl. Die Kriegswissenschaft sagt: je größer die Truppenzahl, um so größer die Kraft. Les gros bataillons ont toujours raison.

Die Kriegswissenschaft, die so spricht, hat Ähnlichkeit mit der Mechanik, wenn diese bei der Beurteilung von Kräften nur ihre Massen berücksichtigen und sagen wollte, die Kräfte seien einander gleich oder ungleich, weil ihre Massen gleich oder ungleich seien.

In Wirklichkeit aber ist die Kraft (das Quantum der geleisteten Bewegung) das Produkt aus der Masse und der Geschwindigkeit.

Bei der Kriegführung ist die Kraft der Truppen in ähnlicher Weise das Produkt aus der Masse und noch etwas anderem, einem unbekannten x.

Die Kriegswissenschaft, die in der Geschichte eine zahllose Menge von Beispielen dafür findet, daß die Masse der Truppen sich nicht mit der Kraft deckt und daß kleine Abteilungen große besiegt haben, erkennt in unklarer Weise die Existenz dieses unbekannten Faktors an und sucht ihn bald in einer geometrischen Aufstellung der Truppen, bald in der Bewaffnung, bald (und dies ist das Gewöhnlichste) in der Genialität der Heerführer. Aber die Einsetzung aller dieser Werte des Faktors liefert keine Resultate, die sich mit den geschichtlichen Tatsachen in Übereinstimmung befänden.

Und doch braucht man sich nur von dieser zugunsten der Helden üblich gewordenen falschen Anschauung über die Wirksamkeit der Anordnungen der höchsten Kommandeure im Krieg freizumachen, um dieses unbekannte x zu finden.

Dieses x ist der Geist des Heeres, d.h. das größere oder geringere Verlangen aller zum Heer gehörigen Menschen, zu kämpfen und sich Gefahren zu unterziehen; und dieses Verlangen ist völlig unabhängig davon, ob die Menschen unter dem Kommando genialer oder nichtgenialer Führer kämpfen, in drei oder in zwei Linien, mit Knütteln oder mit Gewehren, die dreißigmal in einer Minute schießen. Diejenigen Menschen, die das größte Verlangen zu kämpfen haben, werden auch immer die für den Kampf vorteilhaftesten Umstände zu finden wissen.

Der Geist des Heeres ist der Multiplikator der Masse, der als Produkt die Kraft ergibt. Den Wert des Geistes des Heeres, dieses unbekannten Multiplikators, zu bestimmen und auszudrücken, ist die Aufgabe der Wissenschaft.

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