Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Es ist natürlich, daß jemand, der den Gang einer Maschine nicht versteht, beim Anblick ihrer Tätigkeit meint, der wichtigste Teil der Maschine sei das Spänchen, das zufällig in sie hineingeraten ist und nun in ihr herumwirtschaftet und ihren Gang stört. Wer die Konstruktion der Maschine nicht kennt, kann nicht begreifen, daß nicht dieses Spänchen, welches den Mechanismus hemmt und verdirbt, sondern jenes kleine Übertragungszahnrad, das sich geräuschlos herumdreht, einer der wichtigsten Teile der Maschine ist.
Am 10. Oktober, gerade an dem Tag, als Dochturow die Hälfte des Weges nach Fominskoje zurückgelegt hatte und in dem Dorf Aristowo haltmachte und alle Vorbereitungen traf, um den ihm erteilten Auftrag aufs genaueste auszuführen, war das ganze französische Heer in seinem krampfartig hin und her zuckenden Marsch bis zu Murats Position gelangt, anscheinend in der Absicht, dort eine Schlacht zu liefern, schwenkte nun aber plötzlich ohne Anlaß nach rechts auf die neue Kalugaer Straße ab und rückte in Fominskoje ein, wo bis dahin nur Broussier gelagert hatte. Dochturow hatte zu dieser Zeit unter seinem Kommando außer dem Dolochowschen Freikorps auch noch die beiden kleinen Abteilungen von Figner und Seslawin.
Am Abend des 11. Oktober kam Seslawin nach Aristowo zu seinem Vorgesetzten mit einem gefangenen französischen Gardisten. Der Gefangene sagte aus, die Truppen, die an diesem Tag in Fominskoje eingerückt wären, bildeten die Vorhut der ganzen großen Armee; auch Napoleon sei dabei, und die ganze Armee habe schon vor fünf Tagen Moskau verlassen. An demselben Abend erzählte ein Gutsknecht, der aus Borowsk gekommen war, er habe den Einmarsch des gewaltigen Heeres in die Stadt mit angesehen. Kosaken von Dolochows Abteilung meldeten, sie hätten französische Gardetruppen auf der Straße nach Borowsk marschieren sehen. Aus allen diesen Nachrichten ging klar hervor, daß dort, wo man eine Division zu finden gemeint hatte, sich jetzt die ganze französische Armee befand, die von Moskau aus eine unerwartete Richtung eingeschlagen hatte: auf der alten Kalugaer Straße. Dochturow wollte nichts unternehmen, da ihm unter diesen Umständen nicht klar war, worin seine Pflicht bestehe. Es war ihm befohlen worden, Fominskoje anzugreifen. Aber in Fominskoje war vorher nur Broussier gewesen; jetzt war dort die ganze französische Armee. Jermolow wollte nach eigenem Ermessen handeln; aber Dochturow bestand darauf, er müsse einen Befehl vom Durchlauchtigen haben. Man beschloß, Meldung an den Stab zu schicken.
Hierzu wurde ein verständiger Offizier, namens Bolchowitinow, ausgewählt, der sowohl eine schriftliche Meldung überbringen als auch mündlich über die ganze Sache berichten sollte. Kurz vor Mitternacht erhielt Bolchowitinow den Brief und den mündlichen Auftrag und sprengte, von einem Kosaken mit Reservepferden begleitet, davon zum Generalstab.
XVI
Es war eine dunkle, warme Herbstnacht. Schon seit vier Tagen regnete es. Nachdem Bolchowitinow zweimal die Pferde gewechselt und in anderthalb Stunden dreißig Werst auf der mit zähem Schmutz bedeckten Landstraße zurückgelegt hatte, langte er nach ein Uhr in Letaschowka an. Er stieg bei einem Bauernhaus ab, an dessen geflochtener Umzäunung eine Tafel mit der Aufschrift: »Generalstab« hing, gab sein Pferd seinem Begleiter und trat in den dunklen Flur.
»Ich muß aufs schnellste den diensttuenden General sprechen! Etwas sehr Wichtiges!« sagte er zu jemandem, der sich in der Dunkelheit des Flures schnaufend erhob.
»Der General ist am Abend sehr krank gewesen; er hat schon drei Nächte nicht geschlafen«, flüsterte die Stimme eines Burschen, der auf das Wohl seines Herrn bedacht war. »Wecken Sie doch zunächst den Hauptmann.«
»Etwas sehr Wichtiges, vom General Dochturow«, sagte Bolchowitinow und trat in die Tür, die er tastend gefunden und geöffnet hatte.
Der Bursche ging ihm voran und machte sich daran, jemand zu wecken.
»Euer Wohlgeboren. Euer Wohlgeboren! Ein Kurier!«
»Was? Was? Von wem?« fragte eine verschlafene Stimme.
»Von Dochturow und von Alexei Petrowitsch. Napoleon ist in Fominskoje«, sagte Bolchowitinow; er konnte in der Dunkelheit den, der ihn fragte, nicht sehen, vermutete aber nach dem Klang der Stimme, daß es nicht Konownizyn sei.
Der Mann, der da geweckt worden war, gähnte und reckte sich.
»Ich möchte ihn nicht gern wecken«, sagte er und tastete dabei nach etwas. »Er ist recht krank! Und vielleicht sind es bloße Gerüchte.«
»Hier ist die Meldung«, erwiderte Bolchowitinow. »Ich habe Befehl, sie unverzüglich dem diensttuenden General zu übergeben.«
»Warten Sie, ich will Licht anzünden. Wo verkramst du denn immer das Feuerzeug, nichtswürdiger Kerl?« sagte der Mann, nachdem er sich noch einmal gereckt hatte, zu dem Burschen; es war Schtscherbinin, Konownizyns Adjutant. »Ich habe es gefunden«, fügte er dann hinzu.
Der Bursche schlug Feuer; Schtscherbinin tastete nach dem Leuchter.
»Ach, diese gräßlichen Kerle von Burschen!« sagte er empört.
Bei dem Schein der Funken erblickte Bolchowitinow das jugendliche Gesicht Schtscherbinins, der ein Talglicht in der Hand hielt, und in der vorderen Ecke des Zimmers noch einen schlafenden Menschen. Dies war Konownizyn.
Als der Schwefelfaden an dem Zunder zuerst mit blauer, dann mit roter Flamme angebrannt war, zündete Schtscherbinin das Talglicht an, wobei die Schaben, die daran genagt hatten, vom Leuchter flüchteten, und betrachtete den Boten. Bolchowitinow war über und über beschmutzt, und als er sich mit dem Ärmel abwischte, beschmierte er sich das ganze Gesicht.
»Wer schickt denn die Meldung?« fragte Schtscherbinin, indem er den Brief hinnahm.
»Die Nachricht ist zuverlässig«, sagte Bolchowitinow. »Die Gefangenen und die Kosaken und die Kundschafter, alle sagen sie einhellig dasselbe aus.«
»Na, dann hilft es nichts, dann muß ich ihn wecken«, sagte Schtscherbinin, stand auf und trat zu dem Schlafenden hin, der eine Nachtmütze auf dem Kopf hatte und mit einem Mantel zugedeckt war. »Pjotr Petrowitsch!« sagte er. (Konownizyn rührte sich nicht.) »Eine Stabsangelegenheit!« fügte er lächelnd hinzu, da er wußte, daß diese Worte ihn sicher wecken würden.
Und in der Tat hob sich der Kopf mit der Nachtmütze sofort in die Höhe. Auf Konownizyns hübschem, energischem Gesicht mit den fieberhaft geröteten Backen verblieb noch einen Augenblick lang der Ausdruck, den ihm die von der Wirklichkeit weit abliegenden Traumvorstellungen verliehen hatten; aber dann fuhr er auf einmal zusammen, und sein Gesicht nahm die gewöhnliche, feste Miene an.
»Nun, was gibt es? Von wem?« fragte er sofort, aber ohne Hast, und blinzelte mit den Augen wegen des Lichtes.
Nachdem Konownizyn die Meldung des Offiziers angehört hatte, erbrach er den Brief und las ihn durch. Kaum war er damit fertig, als er die in wollenen Strümpfen steckenden Beine auf den Lehmboden herunterließ und anfing, sich die Stiefel anzuziehen. Dann nahm er die Nachtmütze ab, strich sich das Haar an den Schläfen glatt und setzte die Uniformmütze auf.
»Bist du schnell hergeritten? Komm mit zum Durchlauchtigen.«
Konownizyn hatte sofort erkannt, daß die ihm überbrachte Nachricht von hoher Wichtigkeit war und keine Zögerung zuließ. Ob die Sache günstig oder ungünstig war, daran dachte er nicht, diese Frage legte er sich nicht vor. Das interessierte ihn nicht. Die ganze kriegerische Tätigkeit betrachtete er nicht mit dem Verstand, dem Urteilsvermögen, sondern mit einem andern Teil des Geistes. Er hegte in tiefster Seele die feste, unausgesprochene Überzeugung, daß alles gutgehen werde, daß man sich aber nicht darauf verlassen und noch weniger davon sprechen dürfe, sondern einfach das Seinige zu tun habe. Und er tat das Seinige und widmete dieser Pflichterfüllung seine gesamte Kraft.