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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Jedem einzelnen Mann der Eskorte, von den Offizieren bis zum geringsten Soldaten, war eine Art von persönlicher Erbitterung gegen jeden der Gefangenen anzumerken, die ganz unerwartet an die Stelle des bisherigen freundschaftlichen Verhältnisses getreten war.

Diese Erbitterung wuchs noch, als sich beim Durchzählen der Gefangenen herausstellte, daß in der Hast und Unruhe des Aufbruchs aus Moskau ein russischer Soldat, der Leibweh simuliert hatte, entlaufen war. Pierre sah, wie ein Franzose einen russischen Soldaten mit Schlägen übel zurichtete, weil dieser sich zu weit vom Weg entfernt hatte, und hörte, wie sein Freund, der Kapitän, einen Unteroffizier wegen der Flucht des russischen Soldaten schalt und ihm mit dem Kriegsgericht drohte. Und als der Unteroffizier sich zu rechtfertigen suchte, der Soldat sei krank gewesen und habe nicht weitergehen können, antwortete der Offizier, es sei befohlen, jeden Zurückbleibenden zu erschießen. Pierre fühlte, daß jene Schicksalsmacht, die bei der Hinrichtung so schwer auf ihm gelastet hatte, während der Gefangenschaft aber nicht mehr bemerkbar gewesen war, jetzt wieder sein ganzes Dasein beherrschte. Es war ihm ängstlich zumute; aber er fühlte, daß, je größere Anstrengungen die Schicksalsmacht aufwandte, um ihn zu erdrücken, in demselben Maße auch in seiner Seele eine widerstandsfähige Lebenskraft heranwuchs und erstarkte.

Pierre aß zum Abend eine Roggenmehlsuppe mit Pferdefleisch und unterhielt sich mit den Kameraden.

Weder Pierre noch sonst jemand von den Kameraden redete über das, was sie in Moskau gesehen hatten, oder über das grobe Benehmen der Franzosen oder über den Befehl zum Erschießen, der ihnen verkündet war; alle waren, sozusagen der verschlimmerten Lage zum Trotz, besonders lebhaft und heiter. Sie sprachen von persönlichen Erinnerungen und komischen Szenen, die sie auf dem Marsch gesehen hatten, vermieden aber Gespräche über die gegenwärtige Lage.

Die Sonne war schon lange untergegangen. Helle Sterne blitzten hier und da am Himmel auf; der rote Schimmer des aufgehenden Vollmondes, ähnlich dem Widerschein einer Feuersbrunst, verbreitete sich über einen Teil des Himmelsgewölbes, und die gewaltige rote Kugel schwankte wunderbar in dem grauen Nebel hin und her. Es begann hell zu werden. Der Abend war bereits zu Ende, aber die Nacht hatte noch nicht begonnen. Pierre stand auf und ging von seinen neuen Kameraden weg zwischen den Wachfeuern hindurch nach der andern Seite der Landstraße, wo, wie ihm gesagt worden war, die gefangenen gemeinen Soldaten lagerten. Er wollte gern mit ihnen ein paar Worte reden. Auf der Landstraße hielt ihn ein französischer Posten an und befahl ihm, umzukehren.

Pierre ging zurück, aber nicht zu dem Wachfeuer, zu den Kameraden, sondern zu einem Fuhrwerk, von dem die Pferde ausgespannt waren und bei dem sich niemand befand. Mit untergeschlagenen Beinen setzte er sich neben einem Rad des Fuhrwerks auf die kalte Erde, saß mit gesenktem Kopf, ohne sich zu rühren, lange da und hing seinen Gedanken nach. So verging mehr als eine Stunde. Niemand störte ihn. Plötzlich lachte er mit seinem behäbigen, gutmütigen Lachen so laut auf, daß von verschiedenen Seiten die Menschen erstaunt nach diesem augenscheinlich allein dasitzenden Mann hinblickten, der so sonderbar lachte.

»Ha, ha, ha!« lachte Pierre und sagte dann laut zu sich selbst: »Der Soldat hat mich nicht durchgelassen. Sie haben mich gefangengenommen und eingesperrt. Sie halten mich gefangen. Wer ist das: mich? Mich? Mich, meine unsterbliche Seele! Ha, ha, ha …! Ha, ha, ha …!« lachte er, und die Tränen kamen ihm in die Augen.

Jemand stand auf und näherte sich ihm, um zu sehen, worüber dieser sonderbare, große Mensch so allein für sich lachen möge. Pierre hörte auf zu lachen, stand auf, ging von dem Neugierigen weiter weg und blickte um sich.

Das ungeheure, endlose Biwak, vorher von dem Geräusch der knisternden Wachfeuer und der redenden Menschen erfüllt, war still geworden; die roten Flammen der Wachfeuer waren heruntergebrannt und verblaßt. Hoch am hellen Himmel stand der Vollmond. Die außerhalb des Lagerraumes gelegenen Wälder und Felder, die vorher nicht zu sehen gewesen waren, ließen sich jetzt erkennen, und noch weiter hin zeigte sich die helle, im Mondlicht schwankende, lockende, endlose Ferne. Pierre schaute zu dem tiefen Himmel auf, zu den dahinwandelnden, flimmernden Sternen. »Und all das ist mein, und all das ist in mir, und all das bin ich!« dachte er. »Und all das haben sie gefangengenommen und in eine aus Brettern zusammengeschlagene Baracke eingesperrt!« Er lächelte und ging zu seinen Kameraden, um sich schlafen zu legen.

XV

In der ersten Zeit des Oktobers kam zu Kutusow noch ein Parlamentär mit einem Brief Napoleons, der ein Friedensangebot enthielt; dieser Brief war zum Zweck der Täuschung aus Moskau datiert, während Napoleon in Wirklichkeit sich schon nicht mehr weit vor Kutusow auf der alten Kalugaer Heerstraße befand. Kutusow antwortete auf diesen Brief ebenso wie auf den ersten, den ihm Lauriston überbracht hatte: von Frieden könne keine Rede sein.

Kurz darauf ging von Dolochows Freikorps, das links von Tarutino marschierte, die Meldung ein, in Fominskoje hätten sich Truppen gezeigt; diese Truppen beständen aus der Division Broussier, und die Division könne, da sie von den andern Truppen getrennt sei, leicht vernichtet werden. Die Soldaten und Offiziere verlangten wieder ein aktives Vorgehen. Die Generale vom Stab, erregt durch die Erinnerung an den leichten Sieg bei Tarutino, drangen in Kutusow, er möge der von Dolochow gegebenen Anregung Folge leisten. Kutusow hielt jeden Angriff für unnötig. Das Resultat war das nach Lage der Sache notwendige: man schlug einen Mittelweg ein; es wurde nach Fominskoje ein kleines Detachement geschickt, das gegen Broussier einen Angriff machen sollte.

Durch einen sonderbaren Zufall erhielt diesen, wie sich in der Folge zeigte, besonders schwierigen, wichtigen Auftrag Dochturow, eben jener bescheidene, kleine Dochturow, von dem uns niemand berichtet hat, daß er Schlachtpläne entworfen habe, vor den Regimentern einhergeflogen sei, zur Anfeuerung der Truppen Georgskreuze in eine vom Feind eroberte Batterie geworfen habe usw., jener Dochturow, von dem man glaubte und sagte, daß es ihm an Scharfblick und Entschlossenheit mangele, aber doch jener selbe Dochturow, den wir in allen Kriegen der Russen mit den Franzosen von Austerlitz bis zum Jahre 1813 überall da kommandieren sehen, wo die Situation eine schwierige ist. Bei Austerlitz bleibt er als der Letzte am Damm von Aujesd, wo er die Regimenter sammelt und rettet, was noch zu retten ist, während alles flieht und umkommt und kein einziger General bei der Arrieregarde zu sehen ist. Obwohl er am Fieber leidet, geht er mit zwanzigtausend Mann nach Smolensk, um diese Stadt gegen die ganze Armee Napoleons zu verteidigen. In Smolensk ist er in der Fieberhitze kaum ein wenig am Malachowskischen Tor eingeschlummert, als ihn die gegen Smolensk eröffnete Kanonade aufweckt; und Smolensk hält sich einen ganzen Tag. Als in der Schlacht bei Borodino Bagration gefallen war und die Truppen unseres linken Flügels furchtbare Verluste gehabt hatten und die französische Artillerie ihre gesamte Kraft dorthin richtete, da wird kein anderer dorthin geschickt, sondern gerade Dochturow, dem es an Scharfblick und Entschlossenheit mangelt, und Kutusow beeilt sich, den Fehler, den er dadurch begangen hatte, daß er soeben schon einen andern dorthin geschickt hatte, wiedergutzumachen. Und der kleine, stille Dochturow reitet hin, und Borodino wird das schönste Ruhmesblatt des russischen Heeres. Viele Helden sind uns in Versen und in Prosa geschildert; aber über Dochturow hören wir kaum ein Wort.

Und nun wird Dochturow wieder dorthin geschickt, nach Fominskoje, und von da nach Malo-Jaroslawez, nach dem Ort, wo der letzte Kampf mit den Franzosen stattfindet, nach dem Ort, von dem augenscheinlich schon der Untergang des französischen Heeres beginnt, und wieder werden uns in dieser Periode des Feldzuges viele Genies und Helden geschildert; aber wieder wird über Dochturow kein Wort gesagt, oder nur sehr wenig, oder in zweifelndem Ton. Gerade dieses Schweigen über Dochturow beweist deutlicher als alles andere den Wert dieses Mannes.

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