Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Der alte Inder sah zu Boden. Wie dieser Obersteuereintreiber doch heucheln konnte. Jeder Mensch in Hindustan wußte, daß er und seine Beamten nur auf die erste günstige Gelegenheit warteten, sich in die inneren Angelegenheiten eines Fürstentums einmischen zu können, um ihm die Selbständigkeit zu nehmen.
»Wir möchten Eure Herrlichkeit darauf aufmerksam machen, daß wir es bisher noch nicht einmal versäumt haben, unseren Tribut rechtzeitig zu entrichten.« Hastings zog die Brauen hoch.
»Hm, rechtzeitig stimmt. Aber seit ein und einem Vierteljahr habt ihr stets nur die Hälfte der vertraglichen Beiträge geleistet. Und wenn ihr ehrlich seid, edle Khans, so werdet ihr zugeben, daß dies ein unhaltbarer Zustand und ein euer nicht würdiges Geschäftsgebaren ist.« Der Khan fuhr erregt von seinem Sessel auf. »Was sagen Euer Herrlichkeit? — Wie ist es möglich,
daß Ihr uns der Nichteinhaltung des Vertrags bezichtigt, da wir doch jeden Anna aus unseren Bauern herausgequetscht haben, um die volle Summe entrichten zu können.«
Der Generalgouverneur kannte die Inder gut genug, um zwischen gespielter und echter Empörung unterscheiden zu können. Die Empörung des Khans war echt.
Wie aber stimmte dessen Behauptung mit den Abrechnungen von Stanley Fox überein?
In der Kompanie galt das ungeschriebene Gesetz, daß man den Eingeborenen gegenüber niemals einen Fall von Korruption in den eigenen Reihen eingestand. Clive, Hastings' großer Vorgänger, hatte 1766 den Augiasstall der Korruption mit eisernem Besen ausgefegt. Dafür durfte der verdiente Soldat dann 1773 in Schimpf und Schande gehen.
Nein, einen solchen Trumpf würde er, Hastings, den Herren in London nicht auf den Tisch legen. Jeder Fall von Unterschlagung sollte zu seiner Amtszeit individuell bereinigt werden. Es war besser, ein ganzes Fürstentum durch die Sipoys liquidieren zu lassen, als einen Engländer wegen lächerlicher zweihunderttausend Rupien vor den Gerichtshof in Kalkutta zu zerren. Die Gedanken wirbelten in Hastings' Kopf durcheinander. Bihar war noch nicht reif. Noch regierte der angestammte Radscha. Aber dieser hatte keinen leiblichen Erben. Man würde noch eine Weile warten müssen.
Am besten war es für den Augenblick, den Abgesandten des Hofes die Stundung des Tributs zuzugestehen. Inzwischen würde man die Zeit benutzen, um heimlich einen Vertrauten nach Bihar zu schicken, der den Boden zu bereiten hatte. Stanley Fox schien wohl doch nicht ganz der richtige Mann zu sein.Der Generalgouverneur erhob sich.
»Mein Entschluß steht fest, ihr Edlen von Bihar. Die Kompanie wird euch den Tribut bis auf weiteres stunden.«
Die Khans, die mit solchem Entgegenkommen gar nicht gerechnet hatten, verließen erfreut den Amtssitz.
27
Tausend Kerzen brannten im Bankettsaal. Das Haus von Sir Warren Hastings glich einem Märchenschloß aus Tausendundeiner Nacht.
Vor dem Eingangsportal sah man eine Auffahrt prächtiger Karossen, die die Gäste herangebracht hatten.
Gegen neun Uhr trafen zwei Wagen ein, in denen der Pfeifer, Marina, Porquez, Virgen, Alfonso Jardin und die drei Hawburys Platz gefunden hatten. Jardin fühlte sich unbehaglich in seiner Haut. So sehr er sich auch auf einen Tanz mit Isolde Hawbury freute, so wenig behagte ihm die steife Umgebung.
Die tapferen Abenteurer hatten sich mit Hilfe von Sir Edward William mit gesellschaftlicher Kleidung versehen können. Jetzt betraten sie, der alte Lord an der Spitze, den Saal. Neugierig wurden sie von den übrigen Gästen angestaunt; denn ihre Abenteuer hatten sich herumgesprochen.
Der Generalgouverneur trat, begleitet von Kapitän Grearson, auf die Ankömmlinge zu. »Ich freue mich, so tapfere Menschen in meinem Haus begrüßen zu dürfen«, sagte er und küßte der ehemaligen Seeräubergräfin mit galanter Verbeugung die Hand. Kurz darauf bat er sie um den ersten Tanz.
Ein Tanz bietet Gelegenheit, über verschiedene Dinge zu sprechen. Und obwohl sich Marina viel lieber in den Armen Michels gewiegt hätte, nutzte sie diese Gelegenheit.
»Ihr seid eine bezaubernde Frau, Gräfin«, eröffnete Hastings das Gespräch. »Und ich habe gehört, daß Ihr großen Einfluß auf Eure Umgebung habt.«
»So, sagt man das?« erwiderte Marina zurückhaltend.
»Ja, und wenn ich Euch ansehe, so kann ich nicht umhin, es zu glauben.«
»Nun, ich nehme an, daß das an sich wenig interessant ist.«
»Oh, ich bin vom Gegenteil überzeugt, Gnädigste. Oder könnt Ihr mir sagen, mit wem ich sonst über geschäftliche Dinge verhandeln könnte?«
»Ja. Mit Mr. Baum zum Beispiel.«
»Ah, mit jenem Gentleman, den man den Pfeifer nennt?«
»Ja, mit eben diesem.«
»Und Ihr, schöne Frau, unterwerft Euch den Anweisungen dieses Mannes?« Marina lächelte überlegen.
»Unterwerfen ist ein schlechter Ausdruck, Sir Warren. Ich möchte lieber sagen, daß wir die Dinge koordinieren. Das wäre treffender ausgedrückt.«
»Well, dann seid Ihr also ein vollgültiger Partner, mit dem man reden kann?«
»Ich würde Euch empfehlen, Mr. Baum und Senor Porquez hinzuzuziehen.«
Der Tanz war zu Ende. Hastings geleitete seine Dame an einen Tisch. Durch einen livrierten Diener ließ er Michel und Porquez zu sich bitten.Dann saßen sie zusammen.
»Ich habe euch einen Vorschlag zu machen.«
Michel und Porquez nickten.
»Zunächst die wichtigste Frage«, sagte Hastings. »Seid ihr bereit, mit euren Schiffen in die Dienste der Ostindien-Kompanie zu treten?«
»Das hängt davon ab, was die Kompanie zahlt«, sagte Michel.
»Wir zahlen dasselbe wie jedes Handelsunternehmen für Frachtbeförderung, rückerstatten euch jedoch alle zusätzlichen Ausgaben wie etwa Pulver, Kugeln und die Abnutzung sonstiger Waffen, soweit euch Piraten oder andere Gegner belästigen.«
»Das heißt, daß Ihr uns eine Route zugedacht habt, die unter Umständen gefährlich werden könnte?«
»Um ehrlich zu sein, ja. Aber ich kann mir vorstellen, daß gegen eine Flottille von vier Schiffen, wie ihr sie darstellt, kein Feind bestehen kann. Wir würden gern eine regelrechte Schiffahrtslinie zwischen Kalkutta, Siam und dem Malaiischen Archipel eröffnen, um auch dort unten mit den Eingeborenen und den Holländern zwischenkolonialen Handel zu treiben. Euch würde ich diese Route anvertrauen.«