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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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Der Junge musterte die Reiter mißtrauisch.

»Ihr seid Leute von der Kompanie, nicht wahr?«

»Wir stehen in ihren Diensten. Stört dich das?«

Der Junge ließ die Frage unbeantwortet. Dafür hielt er ihnen den Gegenstand unter die Nase, den er soeben aufgehoben hatte. Michel nahm ihn in die Hand. Es war eine kreisrunde, metallene Scheibe, deren Außenkanten scharf wie ein Rasiermesser waren. In der Mitte hatte diese Scheibe ein Loch.

»Es ist die Waffe der Sikhkrieger, ein fürchterliches Instrument in der Hand des Geübten.« »Verfolgt man dich denn?« fragte Michel.

»Ja. Ich glaube es wenigstens. Es treibt sich schon seit Tagen fremdes Gesindel in Bihar herum. Ich war einigen auf der Spur, konnte sie aber nicht stellen.«

Michel übersetzte Ojo rasch den Inhalt des Gesprächs. Dann wandte er sich wieder dem Jüngling zu.

»Wie alt bist du? Gehörst du zur Polizei des Radscha?«

»Ich bin Tscham«, sagte der Junge einfach, als ob er damit alles erklärt hätte.

Michel dachte nach. In irgendeinem Winkel seines Gedächtnisses gab es diesen Namen. Richtig, er erinnerte sich gehört zu haben, daß beim Radscha ein junger Mann dieses Namens lebte, um später einmal die Nachfolge anzutreten. Dennoch fragte er:

»Tscham? Kannst du dieses Wort nicht ein wenig erläutern?«

»Ja, ich bin der Sohn des Radscha von Bihar. Und später werde ich einmal Radscha sein.« »Und da läßt man dich einfach so im Dschungel herumtollen?« Tschams Stirn krauste sich.

»Ich tolle nicht herum, ich verfolge eine Verbrecherbande. Wahrscheinlich sind es Thags, die jetzt auch hier ihr Unwesen treiben.«

Thags waren Mitglieder einer indischen Mördersekte, die zu Ehren der Göttin Bhowanee, der Gemahlin Wischnus, wahllos Menschen umbrachten, insbesondere solche, von denen sie glaubten, daß sie den Engländern hörig seien.

Michel kannte diesen Begriff noch nicht, hatte auch noch nichts von einer solchen Sekte gehört. »Ist es nicht ein wenig gefährlich für einen Jungen wie dich, einer solchen Beschäftigung nachzugehen?«

»Pah«, lachte Tscham, »wer Radscha werden will, darf keine Angst vor Gefahren haben.« Sie standen jetzt etwa hundertfünfzig Meter weit vom Waldrand entfernt. Das dichte Unterholz geriet auf einmal in Bewegung. Dann brachen fünfzehn bis zwanzig wild aussehende Gestalten hervor.

Tscham entdeckte sie zuerst. Statt zu fliehen, rief er kampfesmutig:

»Da sind sie! Endlich habe ich sie.« Seine Augen leuchteten.Er legte den Bogen an, spannte die Sehne und sandte mit ruhiger Hand Pfeil auf Pfeil in die Gruppe der Gegner. Einige stürzten zusammen.

Michel und Ojo sprangen von den Pferden, rissen diese zu Boden und legten sich mit angeschlagenen Büchsen dahinter.

Die Angreifer stießen ein Geheul aus und kamen heran. Michel hatte keine Zeit mehr zum Überlegen. Er riß den neben ihm stehenden Jungen am Bein zu sich nieder und drückte ihn hinter den Pferderücken in Deckung. »Was tut Ihr mit mir?« empörte sich Tscham.

Es war jetzt höchste Zeit, daß die beiden Freunde sich gegen die unerwarteten Feinde verteidigten. Michel warf die Villaverdische Muskete an die Wange und schoß denen, die am nächsten waren, seine Kugeln in die Beine. Aufbrüllend sanken sie in den Staub.

Michel zog seine Reiterpistolen, warf sie Ojo zu und sagte: »Halte sie uns so lange vom Leib, bis ich geladen habe.«

Ojo selbst hatte seine Flinte und zwei weitere Pistolen. Er konnte also fünfmal schießen. Kaltblütig wie er war, suchte er sich sorgfältig seine Ziele.

Die Angreifer zögerten. Ojo schoß die letzte Pistole ab. Mit fiebernder Hast hatte Michel sein Gewehr geladen. Er legte gerade in dem Augenblick an, als in die restlichen Gegner neue Bewegung kam. Wieder krachten sechs Schüsse kurz hintereinander. Die ganze Meute wälzte sich jetzt schreiend am Boden. Zwei oder drei, die noch nicht verwundet waren, wandten sich entsetzt dem Dschungel zu und waren bald verschwunden. Michel erhob sich und lud erneut.

»Wie ist es möglich«, fragte er, »daß man hier einfach überfallen wird, ohne je mit diesen Leuten etwas zu tun gehabt zu haben?«

Fragend sah er Tscham an. Der aber stand neben ihm und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Der Jüngling war zu keinem Wort fähig. Der Bogen war seinen Fingern entglitten. »Was hast du?« fragte Michel verwundert.

»Ihr — Ihr — seid Ihr ein Zauberer? Oder Schiwa selbst, der herabgestiegen ist, um die Thags zu vernichten?«

»Unsinn, ich bin ein Mensch wie du. Weshalb starrst du mich so verwundert an?«

»Ihr habt oftmals geschossen, ohne zu laden. Ihr müßt der Gott des Krieges oder der Rache sein.« Er führte die zusammengelegten Hände an die Stirn und verneigte sich tief.

»Ach so«, sagte Michel. Er nahm das Gewehr hoch und klopfte mit der Hand auf das Laufbündel. Er hatte die Konstruktion noch nie einem Fremden auch nur andeutungsweise erläutert. Und er hätte nicht zu sagen vermocht, weshalb er diesen Inderjungen oberflächlich aufklärte.

»Du brauchst mich nicht für einen Zauberer zu halten, Tscham. Dieses Gewehr ist von einem Weißen erfunden worden. Wenn du es genauer betrachtest, wirst du feststellen, daß die Bauart erheblich von den bekannten Mustern abweicht.«

Tscham trat zögernd näher. Mit Ehrfurcht staunte er die Waffe an. Aber dann verdüsterten sich seine Züge plötzlich.

»Das ist das Ende Indiens«, sagte er schwer.

Michel schüttelte den Kopf.»Nein, mein Junge, dieses Gewehr existiert nur in einer einzigen Ausfertigung. Man kann auch nicht dauernd damit schießen, sondern muß nach sechs Schüssen nachladen.«

Tschams Miene hellte sich trotzdem nicht auf. Mit einer für sein Alter ungewohnt müden Geste winkte er ab.

»Ihr wollt mich trösten; aber ich kenne die Engländer. Es wird nicht lange dauern, so wird man Euch Unsummen für die Preisgabe des Geheimnisses bieten, Summen, die man unseren Bauern abpreßt.«

»Ich bin kein Engländer. Und wenn ich einer wäre, so würde ich auch für alle Schätze der Welt das Geheimnis einer so furchtbaren Waffe nicht preisgeben. Ich liebe die Menschen. Ich will nicht, daß man sie vernichtet.«

»Das sagen alle Weißen. In jeder Kirche in Kalkutta kann man diese Worte von ihren Predigern hören. Aber zwischen ihren Worten und ihren Taten liegt eine Welt.« »Ich kann dich natürlich nicht von meinem guten Willen überzeugen.« »Was seid Ihr, wenn Ihr kein Engländer seid?«

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