18 Gaensehaut Stories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #53
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Gaensehaut Stories». Краткое содержание книги:
herausgegeben von Manfred Kluge
Algernon Blackwood
Die Spuk-Insel
Honoré de Balzac
Die Zaubernacht in den Hochlanden
Lalcadio Hearn
Der Fall Chugoro
Philip Latham
Jeanettes Hände
Washington Irving
Die Geschichte vom schläfrigen Tal
Jonas Lie
Das Seegespenst
Nikolaj Gogol
Die Johannisnacht
Guy de Maupassant
Die Angst
Villiers de l’Isle-Adam
Folter durch Hoffnung
Edgar Allen Poe
Der schwarze Kater
H. P. Lovecraft
In der Gruft
Robert Bloch
Das unersättliche Haus
Alexandre Dumas
Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett
H. G. Wells
Spuk im Klub
Andrew J. Offutt
Sareva, meine Hexe
Jack Sharkey
Die Dämonin
Lewis Hammond
Die Witwe vom Belgrave Square
I. M. Rymer
Vampir zu sein dagegen sehr …
»Ich habe sie gesehen«, begann sie zögernd, schaute ihren Mann an und fuhr dann hastig fort: »Glaub ja nicht, daß ich verrückt bin – ich habe sie gesehen! Sie stand auf Zehenspitzen hinter mir und starrte in den Spiegel. Sie hatte das gleiche blaue Band im Haar, das sie an dem Tag getragen hatte, als sie –«
»Bitte, Gwen«, sagte Hacker beschwörend.
Aber sie ließ sich nicht beirren. »Wenn ich es dir sage: Ich habe sie gesehen! Mary Lou! Sie hat mich im Spiegel angestarrt und eine Grimasse geschnitten – und sie ist tot. Du weißt, daß sie tot ist. Sie ist vor einem Jahr verschwunden, und keiner hat ihre Leiche gefunden –«
»Mary Lou Dempster!« Hacker war ein fetter Mann mit einem Doppelkinn, das jetzt vor Erregung zitterte.
Die Frau redete weiter. »Du weißt, daß sie hier oben gespielt hat, obwohl es ihr Wilma Dempster ausdrücklich verboten hatte. Mary Lou wußte alles über das Haus, aber sie hat trotzdem – o Gott – ihr Gesicht …«
Sie begann haltlos zu schluchzen. Mr. Hacker tätschelte beruhigend ihre Schultern, aber er sah aus, als könnte er selbst ein beruhigendes Schultertätscheln gebrauchen. Doch keiner fühlte sich dazu verpflichtet. Sie und er standen da und warteten; warteten auf den Rest.
»Sag es ihnen«, schluchzte Mrs. Hacker. »Sage ihnen die Wahrheit.«
»Wenn du meinst … Aber ich sollte dich lieber nach Hause bringen.«
»Ich kann warten. Ich will, daß du es ihnen erzählst. Du mußt es jetzt.«
Hacker ließ sich schwer auf das Bett fallen. Seine Frau lehnte sich an seine Schulter. Er und sie schauten die beiden unverwandt an.
»Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, wie ich es erklären soll«, stöhnte der dicke Mr. Hacker. »Wahrscheinlich ist es meine Schuld – ja, ganz sicher sogar –, aber ich wußte es nicht. Dieses ganze Gerede über verhexte Häuser – kein Mensch glaubt mehr an Gespenster. Das einzige, was es zur Folge hat, ist, daß der Wert des betreffenden Hauses sinkt. Darum habe ich nichts gesagt. Können Sie mir das zum Vorwurf machen?«
»Ich habe ihr Gesicht gesehen«, flüsterte Mrs. Hacker.
»Nun ja, ich weiß. Und ich hätte es Ihnen sagen sollen. Das von dem Haus, meine ich. Warum es seit zwanzig Jahren nicht vermietet worden ist. Das ist in der Gegend hier eine alte Geschichte, und Sie hätten sie früher oder später doch erfahren.«
»Nun komm schon zur Sache«, drängte Mrs. Hacker. Sie war auf einmal die Stärkere, und er, mit seinem bebenden Doppelkinn, war der Schwache.
Der Gastgeber und die Gastgeberin standen noch immer und hingen an Mr. Hackers Lippen. Sie wagten sich nicht zu rühren und warteten gebannt auf die Eröffnungen.
Es war das Bellman-Haus, in dem sie lebten; das Haus, das Job Bellman in den sechziger Jahren für seine junge Frau gebaut hatte, das Haus, in dem seine junge Frau Laura das Leben geschenkt und dabei selbst den Tod gefunden hatte. In den siebziger Jahren, als Jobs Tochter noch ein Kind war, hatte er von früh bis spät geschuftet, und in den achtziger Jahren hatte er sich selbstzufrieden zur Ruhe gesetzt. Inzwischen war Laura Bellman herangewachsen und zur Schönsten im ganzen Land geworden – zur Schönsten der ganzen Welt, behaupteten einige, aber in jenen Tagen waren die Männer verschwenderischer mit ihren Komplimenten und Schmeicheleien als heutzutage.
Und an Männern hatte es Laura damals nicht gemangelt. Sie gingen im Haus ein und aus. Ihre Schuhe waren auf Hochglanz poliert, sie dienerten und strichen ihre mit Brillantine getränkten Schnurrbarte glatt. Sie lächelten den alten Job an, sie zwinkerten den Hausmädchen zu und starrten in mondsüchtiger Verzückung auf Laura.
Laura betrachtete diese Huldigungen als eine Selbstverständlichkeit, aber, du lieber Gott, von gewissen Dingen hielt sie nichts. Und nicht etwa, weil Papa noch lebte oder weil sie sich zum Heiraten zu jung fühlte. Nein, nur so. Sie hatte auch noch nie so recht davon gehört. Und warum auch das Ganze? Es war doch so herrlich, nur Freunde zu haben …
Mondschein und Mandolinen, Parties und Picknicks, Ruderpartien und Schlittenfahrten, Konfekt und Blumen, Geschenke, Bälle und Punsch. Verehrer, Verehrer, Verehrer. Modesalons, Schönheitspflästerchen, Ritte über die weiten Felder und Radpartien. Und wieder Mondschein und Mandolinen. Die Jahre gingen dahin.
Dann kam der Tag, an dem der alte Job die Augen für immer schloß. Der Arzt erschien, der Priester und der Rechtsanwalt, der lange über Erbschaft und jährliches Einkommen redete.
Dann war Laura allein. Es gab im Haus außer ihr nur noch die Bediensteten und die Spiegel. Laura und ihre Spiegel. Der Tag begann mit den Spiegeln, in denen sie sich ausgiebig und sorgfältig betrachtete. Dann ging es so weiter: Spiegel am Vormittag, am Mittag, am Nachmittag und am Abend, ehe die Verehrer kamen. Spiegel, wenn die Kutschen vorfuhren, und Spiegel, ehe sie einem neuen Triumph entgegenwirbelte. Spiegel im Morgengrauen, die ihr zufriedenes Lächeln aufnahmen und den Erzählungen über die Erfolge des vergangenen Abends lauschten.
»Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«
Die Spiegel sagten Laura die Wahrheit. Spiegel lügen nicht. Spiegel greifen nicht nach einem oder flüstern oder verlangen eine Gegenleistung, wenn sie die Schönheit preisen.
Mochten auch die Jahre vergehen, die Spiegel veränderten sich nicht. Sie alterten nicht. Und Laura alterte nicht.
Im Laufe der Zeit wurden die Verehrer rarer, und einige der alten Freunde waren seltsam verändert. Sie schienen irgendwie älter geworden zu sein. Aber wie war das nur möglich, denn Laura Bellman war so jung wie eh und je? Die Spiegel bestätigten es ihr täglich – und sie sagten immer die Wahrheit.
Laura verbrachte immer mehr Zeit mit ihren Spiegeln. Sie puderte sich, suchte unentwegt nach Fältchen und färbte ihr langes Haar. Die Augenlider flatterten, aber sie lächelte und machte einen Schmollmund. Sie wirbelte vor den Spiegeln herum und konnte sich nicht genug an ihrer perfekten Schönheit sattsehen.
Es kam auch vor, daß sie die Verehrer wieder nach Hause schickte. Sie ließ ihnen durch die Hausangestellten sagen, daß sie nicht da wäre, denn es schien ihr irgendwie eine Zeitverschwendung zu sein, von den Spiegeln wegzugehen. Aber diese Sorge brauchte sie nicht mehr lange zu haben, denn die Verehrer blieben nach und nach völlig aus. Die Hausangestellten kamen und gingen. Wenn einer starb, fand sich rasch ein Ersatz. Nur Laura und die Spiegel blieben. Die neunziger Jahre waren ausgesprochen fröhlich. Aber es gab Leute, die das nicht so recht verstanden. Sie schüttelten ihre Köpfe über die Art und Weise, wie Laura lachte, sich im Bett wälzte und ihre frivolen Geheimnisse mit den Spiegeln teilte.
Die Zeit verging wie im Fluge. Aber Laura lachte nur. Sie kicherte und gluckste, wenn die Hausangestellten mit ihr sprachen, und sie fand es viel bequemer, die Mahlzeiten von einem Tablett in ihrem Zimmer einzunehmen.
Nur mit den anderen stimmte etwas nicht. Mit den Hausangestellten und mit Doktor Turner, der sie häufig aufsuchte. Sie schauten Laura eigenartig an, wenn sie mit ihr sprachen.
Wahrscheinlich dachten sie, daß Laura langsam alt würde. Aber sie wurde nicht alt. Die Spiegel logen nicht. Die falschen Zähne und die Perücke benützte sie nur, um den anderen – den Außenseitern – einen Gefallen zu tun. Sie brauchte diese Dinge wirklich nicht, denn die Spiegel sagten ihr, daß sie unverändert schön wäre. Obwohl die Spiegel jetzt wirklich zu ihr sprachen, sagte sie selbst niemals ein Wort. Sie nickte nur und wiegte sich, wenn sie, in eine Wolke von Parfüm eingehüllt, vor ihren Spiegeln saß. Sie strich sich mit der Hand über den Hals und lauschte hingebungsvoll den Worten der Spiegel, die sagten, wie schön sie wäre und welche Triumphe sie erleben könnte, wenn sie ihre Schönheit an die Welt verschwenden würde. Aber das kam gar nicht in Frage. Sie würde nicht weggehen. Niemals. Sie und die Spiegel sollten immer beisammen sein.