18 Gaensehaut Stories
- Автор: Kluge Manfred
- Серия: Heyne Anthologie #53
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Жанр: Ужасы
Электронная книга - «18 Gaensehaut Stories». Краткое содержание книги:
herausgegeben von Manfred Kluge
Algernon Blackwood
Die Spuk-Insel
Honoré de Balzac
Die Zaubernacht in den Hochlanden
Lalcadio Hearn
Der Fall Chugoro
Philip Latham
Jeanettes Hände
Washington Irving
Die Geschichte vom schläfrigen Tal
Jonas Lie
Das Seegespenst
Nikolaj Gogol
Die Johannisnacht
Guy de Maupassant
Die Angst
Villiers de l’Isle-Adam
Folter durch Hoffnung
Edgar Allen Poe
Der schwarze Kater
H. P. Lovecraft
In der Gruft
Robert Bloch
Das unersättliche Haus
Alexandre Dumas
Die Katze, der Gerichtsdiener und das Skelett
H. G. Wells
Spuk im Klub
Andrew J. Offutt
Sareva, meine Hexe
Jack Sharkey
Die Dämonin
Lewis Hammond
Die Witwe vom Belgrave Square
I. M. Rymer
Vampir zu sein dagegen sehr …
Von fünf bis sechs Uhr verließen meine Augen die Standuhr nicht. Ich folgte dem Gang des großen Zeigers von Minute zu Minute. Endlich erreichte er die Zahl XII, das Knarren der Uhr ließ sich vernehmen, dann tat der Hammer den ersten, den zweiten, den dritten, den vierten, den fünften, endlich den sechsten Schlag! – Bei dem sechsten Schlag ging meine Tür auf«, sagte der unglückliche Richter, »und ich sah einen Gerichtsdiener der Kammer eintreten, der die Uniform des Lord-Lieutenants von Schottland trug.
Mein erster Gedanke war, daß der Lord-Lieutenant mir irgendein Schreiben sende, und ich streckte die Hand nach dem Unbekannten aus. Aber er schien auf meine Gebärde nicht zu achten und stellte sich hinter meinen Sessel.
Ich brauchte mich nicht umzuwenden, um ihn zu sehen, denn ich saß dem Spiegel gegenüber und hatte ihn also im Blick. Ich stand auf und bewegte mich hin und her; er folgte mir in der Entfernung einiger Schritte. Ich ging an meinen Tisch und läutete.
Mein Bedienter erschien, aber er sah den Gerichtsboten ebensowenig wie vorher die Katze.
Ich schickte ihn wieder fort und blieb mit dieser seltsamen Person allein, die ich nach Herzenslust betrachten konnte.
Er trug Hofkleidung, den Haarbeutel, den Degen an der Seite, eine gestickte Weste und seinen Hut unter dem Arm.
Um zehn Uhr legte ich mich zu Bett; um offenbar die Nacht so bequem als möglich zuzubringen, setzte er sich meinem Bett gegenüber in einen Sessel.
Ich wandte den Kopf nach der Seite der Wand; da ich aber nicht einschlafen konnte, so drehte ich mich zwei- bis dreimal wieder um, und jedesmal sah ich ihn beim Licht meiner Nachtlampe in demselben Sessel.
Auch er schlief nicht.
Endlich sah ich die ersten Strahlen des Tages durch die Läden in mein Zimmer dringen, ich wandte mich ein letztesmal nach meinem Mann um: Er war verschwunden, der Sessel war leer.
Bis zum Abend des nächsten Tages war ich von meiner Erscheinung befreit.
Am Abend war Empfang bei dem Großvikar der Kirche, und ich rief unter dem Vorwand, meinen Festrock auszubürsten, wenige Minuten vor sechs Uhr meinen Bedienten, indem ich ihm befahl, die Riegel der Tür vorzuschieben.
Er gehorchte.
Beim letzten Schlag der sechsten Stunde heftete ich die Augen auf die Tür; die Tür ging auf, und mein Gerichtsbote trat ein.
Ich ging sofort nach der Tür – sie war wieder verschlossen; die Riegel schienen nicht verschoben zu sein, ich wandte mich um – der Gerichtsbote stand hinter meinem Sessel, und John ging im Zimmer hin und her, ohne ihn im geringsten zu bemerken.
Er sah ihn offenbar ebensowenig wie vorher das Tier.
Ich kleidete mich an.
Nun geschah etwas Seltsames: Voll Aufmerksamkeit für mich, half mein neuer Hausgenosse John in allem, was er tat, ohne daß John es bemerkte. So hielt John meinen Rock beim Kragen – das Gespenst hielt die Schöße; John reichte mir die Hose beim Gürtel, das Gespenst hielt sie bei den Beinen.
Ich hatte niemals einen diensteifrigeren Bedienten.
Die Stunde des Besuchs kam.
Statt mir zu folgen, ging der Gerichtsbote mir jedoch voraus, schlüpfte durch die Tür meines Zimmers, ging die Treppe hinab, hielt sich, den Hut unter dem Arm, hinter John, der den Schlag des Wagens aufmachte, und als John ihn geschlossen und seinen Platz hinter dem Wagen eingenommen hatte, stieg er auf den Bock des Kutschers, der nach rechts rückte, um ihm Platz zu machen.
Vor dem Haus des Großvikars hielt der Wagen; John öffnete den Schlag, aber das Gespenst stand bereits hinter ihm auf seinem Posten. Kaum war ich ausgestiegen, als das Gespenst mir vorauseilte, indem es sich durch die Bedienten zwängte, die am Portal standen, und nachsah, ob ich ihm folgte.
Nun wollte ich mit dem Kutscher denselben Versuch anstellen, den ich mit John gemacht hatte.
›Patrick‹, fragte ich ihn, ›wer war der Mann, der neben Euch saß?‹
›Welcher Mann, Euer Gnaden?‹
›Der Mann, der auf dem Bock saß.‹
Patrick machte große Augen, indem er erstaunt um sich blickte.
›Es ist gut‹, sagte ich, ›ich habe mich geirrt.‹
Ich ging in das Haus.
Der Gerichtsbote war auf der Treppe stehengeblieben und erwartete mich. Sobald er mich kommen sah, lief er mir voraus, trat vor mir ein, wie um mich im Empfangssaal zu melden; dann, als ich eingetreten war, nahm er in dem Vorzimmer wieder den Platz ein, der sich für ihn geziemte.
Wie für John und Patrick war das Gespenst für jedermann unsichtbar.
Nun verwandelte sich meine Furcht in Entsetzen, und ich sah ein, daß ich tatsächlich wahnsinnig würde.
Von diesem Abend an bemerkte man die Veränderung, die mit mir vorging. Jedermann fragte mich, welche Sorgen mich quälten.
Ich fand mein Gespenst im Vorzimmer wieder. Wie bei meiner Ankunft eilte es mir auf dem Heimweg voraus, kehrte mit mir nach Hause und hinter mir in mein Zimmer zurück und setzte sich wie die Nacht zuvor in den Sessel. Nun wollte ich mich überzeugen, ob etwas Wirkliches und besonders etwas Fühlbares an dieser Erscheinung wäre. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und setzte mich rückwärtsschreitend auf den Sessel. Ich fühlte nichts, aber ich sah den Gerichtsdiener im Spiegel hinter mir stehen. Wie am Abend zuvor legte ich mich zu Bett. Sobald ich im Bett lag, sah ich ihn wieder auf seinem Sessel.
Am folgenden Morgen verschwand er.
Die Erscheinung dauerte einen Monat.
Dann fehlte sie entgegen ihrer Gewohnheit und blieb einen Tag aus.
Diesmal glaubte ich nicht mehr an ein gänzliches Verschwinden wie das erstemal, sondern an irgendeine schreckliche Veränderung, und statt mein Alleinsein zu genießen, erwartete ich den nächsten Tag voller Entsetzen.
Am andern Tag hörte ich beim letzten Schlag der sechsten Stunde ein leises Rauschen in den Vorhängen meines Bettes, und an der Wand erblickte ich ein Skelett.
Das Skelett stand regungslos dort und blickte mich mit seinen hohlen Augen an.
Ich stand auf, machte mehrere Gänge in meinem Zimmer – der Totenkopf folgte allen meinen Bewegungen. Die Augen verließen mich keinen Augenblick, der Körper blieb regungslos.
Diese Nacht hatte ich nicht den Mut, mich zu Bett zu legen. Ich schlief, oder ich blieb vielmehr mit geschlossenen Augen im Lehnstuhl sitzen, in dem sonst das Gespenst saß, nach dessen Gegenwart ich mich nun sogar sehnte.
Mit Tagesanbruch verschwand das Skelett.
Am Abend befahl ich John, mein Bett von der Stelle zu rücken und die Vorhänge zuzuziehen.
Beim letzten Schlag der sechsten Stunde hörte ich dasselbe Rauschen, ich sah die Vorhänge sich bewegen, dann erblickte ich zwei Knochenhände, die die Vorhänge meines Bettes zurückschlugen, dann nahm das Skelett seinen Platz ein wie die Nacht zuvor.
Doch jetzt hatte ich den Mut, mich zu Bett zu legen.
Der Kopf, der wie tags zuvor allen meinen Bewegungen gefolgt war, neigte sich nun zu mir. Die hohlen Augen, die mich wie in der vorhergehenden Nacht keinen Augenblick aus dem Blick verloren hatten, hefteten sich auf mich.«
Am folgenden Tag kam der Doktor um sieben Uhr morgens in das Zimmer seines Freundes.
»Nun«, fragte er ihn, »was macht das Skelett?«
»Es ist soeben verschwunden«, antwortete dieser mit schwacher Stimme.
»Gut, wir wollen es so einrichten, daß es heute nacht nicht wiederkommt.«
»Tun Sie es.«
»Sie sagen, daß es mit dem letzten Schlag der sechsten Stunde kommt?«
»Jedesmal.«
»Gut, fangen wir damit an, die Uhr anzuhalten«, und er hielt den Pendel an.
»Was wollen Sie tun?«
»Ich will Ihnen die Möglichkeit nehmen, die Zeit zu erkennen.«
»Gut.«
»Jetzt wollen wir die Läden schließen und die Vorhänge der Fenster zuziehen.«
»Warum das?«
»Immer zu demselben Zweck, damit Sie nicht wissen, welche Tageszeit es ist.«