Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
- Автор: Malley Gemma
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: E-Books der Verlagsgruppe Random House GmbH
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen». Краткое содержание книги:
Jetzt bot sich ihm eine Gelegenheit. Sein Dad brauchte seine Hilfe. Sein Dad wollte ihn retten.
»Ich arbeite auch für niemanden«, erklärte Devil schließlich. »Aber ich werde mit Ihnen arbeiten, wenn es das ist, was Sie wollen.«
Thomas grinste über das ganze Gesicht. »Ich wusste es«, sagte er und war offenbar zufrieden mit sich. »Willkommen im Team, Devil.« Er reichte ihm einen Anstecker, eine Krawattennadel, mit dem Buchstaben »I« darauf.
»Was ist das?«, fragte Devil.
»Steck ihn an«, sagte Thomas. »Das bedeutet, dass du Teil von etwas bist. Von etwas Besonderem. Von etwas Großem. Ich habe große Pläne mit dir, Devil. Ich glaube, du wirst etwas ganz Besonderes. Ich glaube, du hast genau die gleichen Talente wie dein Vater. Und das brauchen die Menschen jetzt.«
»Was soll ich tun?«, fragte Devil unsicher und befestigte den Anstecker an seinem T-Shirt.
»Nichts«, erwiderte Thomas, stieg aus dem Wagen und ging wieder nach vorn zur Beifahrertür. »Im Moment. Aber wir bleiben in Kontakt. Ich gebe dir dann Bescheid.«
21
Raffy brummte der Schädel. Er lag auf einer Art Ruhebett und um ihn herum waren hauchdünne Vorhänge. Er wusste, dass Benjamin im Zimmer war, aber durch den feinen Stoff war dieser nur schemenhaft zu erkennen. Er räusperte sich, und kurz darauf wurden die Vorhänge zurückgezogen, und Benjamins Gesicht erschien.
»Geht es dir besser?«, fragte Benjamin.
Raffy nickte verlegen.
»Es tut mir leid«, sagte er dann.
Er hatte ungefähr eine Stunde auf dem Bett gelegen. Anfangs hatte er sich nicht hinlegen wollen, er wollte sich unbedingt entschuldigen und Benjamin alles erklären. Aber Benjamin hatte sich geweigert, ihn anzuhören. Stattdessen hatte er darauf bestanden, dass Raffy sich hinlegte, seine Gedanken ordnete, sich besann und, so hatte er mit einem Lächeln hinzugefügt, wieder einigermaßen nüchtern wurde.
Schließlich hatte Raffy nachgegeben, hatte geschmollt, gegrübelt, sich geärgert, geraucht und seinem gerechten Zorn neue Nahrung gegeben, indem er sich Neil und Evie vorstellte, und Lucas, wie er Evie küsste, Evies finsteres Gesicht, das ihn wütend anstarrte.
Doch allmählich waren die Bilder verschwunden. Nach und nach war sein Atem ruhiger geworden, und seine Wut hatte sich gelegt, aber dafür wuchs seine Verlegenheit.
»Was tut dir leid, Raffy?«, fragte Benjamin.
»Dass ich mich wie ein Idiot benommen habe«, antwortete Raffy und wurde rot. Benjamin saß am Fußende der Liege und sah ihn mit seinen freundlichen Augen ernst an. »Dass ich Neil geschlagen habe. Dass …«
Er brach ab. Es gab so viel, was ihm leidtat. Zu viel, um es in Worte zu fassen.
»Neil ist ein guter Lehrer«, sagte Benjamin mit ruhiger, sanfter Stimme. »Ich glaube nicht, dass sein Unterricht jemals Anlass zu so einem Ausbruch gegeben hat.«
»Nein«, meinte Raffy. »Ich kann mir das auch nicht vorstellen.«
»Und trotzdem warst du so erbost über etwas, was er gesagt oder getan hat?«, fragte Benjamin neugierig.
Raffy schüttelte den Kopf und setzte sich auf. »Es liegt nicht an Neil«, sagte er mit einem Seufzer. »Es liegt an mir. Ich … ich werde jedes Mal wütend, wenn jemand Evie zu nahe kommt. Ich kann nichts dafür. Ich sehe dann einfach rot.«
»Hast du Angst, sie zu verlieren? Dass sie dich durchschaut?«
Raffys Augen weiteten sich und Benjamin lachte. »Bis zu einem gewissen Grad haben wir alle Angst davor. Ich hatte früher immer Angst, dass die Leute mich durchschauen.«
»Wirklich?«, fragte Raffy ungläubig. »Sie?«
Benjamin nickte. »Niemand ist unfehlbar. Wir alle haben Fehler.«
Raffy musste das erst einmal verdauen. Dann holte er tief Luft. »Die Sache ist die«, erklärte er, »ich darf sie nicht verlieren. Wenn ich sie verlieren würde, hätte das Leben keinen Sinn mehr für mich. Wenn ich sie mit jemand anderem lachen sehe, dann würde ich am liebsten …«
Er konnte den Satz nicht beenden.
»Denjenigen töten?«, fragte Benjamin behutsam.
Raffy sah ihn an und nickte schuldbewusst.
»Und glaubst du, dass sie dich mehr liebt, wenn du dich so verhältst?«
Raffy runzelte die Stirn. »Nein, ich glaube …« Er räusperte sich. »Sie findet mein Verhalten furchtbar. Das weiß ich. Aber sie … sie erkennt nicht … Sie …«
»Sie sieht die Welt nicht so, wie du sie siehst? Voller Bedrohungen? Voller Herausforderungen?«
Raffy nickte dankbar. Benjamin verstand ihn.
Benjamin lächelte traurig. »Raffy«, sagte er. »Weißt du, warum der Bruder euch in der Stadt so einengen konnte? Weißt du, warum er tun konnte, was ihm beliebte, warum er euch eurer Grundfreiheiten berauben und uneingeschränkt und unbehelligt nach seinen eigenen Regeln über die Stadt herrschen konnte?«
Raffy nickte. »Wegen des Systems.«
»Nein«, erwiderte Benjamin ruhig. »Das System war nur ein Teil seiner Macht. Der wahre Grund war Angst. Die Menschen hatten Angst vor der Alternative. Auch die Schreckenszeit wurde von Angst beherrscht. Angst vor den anderen. Angst, Hass und Misstrauen. Wir alle sind dafür empfänglich. Wir brauchen das: Ohne Angst würden wir in gefährliche Situationen geraten. Ohne Angst würde die menschliche Rasse nicht überleben. Aber ungehindert und ohne Beschränkung kann Angst eine überaus zerstörerische Kraft sein. Und das ist die Art Angst, die dich quält, Raffy. Neil ist keine Bedrohung für dich. Niemand hier ist eine Bedrohung für dich, außer du selbst. Meinst du nicht, dass Evie gar nichts anderes übrig bleibt, als die Flucht zu ergreifen, wenn du dich ihr gegenüber genauso verhältst, wie der Bruder sich in der Stadt verhalten hat? Würdest du nicht das Gleiche tun?«
Raffy starrte ihn an. Evie hatte fast genau dasselbe gesagt. Er hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
»Ich war wirklich dumm«, gestand er.
Benjamin lächelte. »Du warst ungestüm und irregeleitet. Nicht dumm.«
Raffy überlegte.
»Ich … ich will sie nicht verlieren, Benjamin. Jetzt, da wir frei sind, gibt es nichts mehr, was sie an mich bindet.«
»Doch«, meinte Benjamin sanft. »Wenn du es schaffst, deine Zweifel und deine Angst abzulegen, wirst du erkennen, dass es vieles gibt, was sie an dich bindet. Neil ist keine Bedrohung für dich. Nur du selbst und deine Eifersucht.«
Raffy atmete tief durch. Er wusste, dass Benjamin recht hatte. »Ich werde es versuchen«, sagte er. »Danke, Benjamin.«
»Du musst dich nicht bedanken«, erwiderte Benjamin mit einem freundlichen Lächeln. »Wir alle machen Fehler. Vertrau mir.«
Raffy riss sich zusammen. »Ich gehe jetzt lieber und entschuldige mich bei Neil.«
»Gute Idee«, meinte Benjamin augenzwinkernd. »Keine Sorge, Raffy. Alles wird gut.«
22
In der Siedlung war es ruhig. Ein paar Jungs von Devils Bande hingen herum, saßen auf der hohen Mauer mit Blick auf die Fußwege, rauchten, tranken und benutzten die Wand auf der gegenüberliegenden Seite, um das treffsichere Werfen mit leeren Getränkedosen zu üben. Die Geschäfte liefen schleppend, aber das lag nicht an mangelnder Nachfrage. Es sah so aus, als könnte nichts mehr Devil aus der Ruhe bringen, als interessierte ihn nichts mehr. Und seine Gleichgültigkeit war ansteckend. Ohne ihn, der das Tempo bestimmte und Anforderungen stellte, war seine Gang in Lethargie verfallen, und niemand, Devil eingeschlossen, hatte große Lust, sie aus diesem Zustand herauszureißen. Der Rubel rollte trotzdem, ohne dass man sich groß anstrengen musste, und es gab keine Probleme. Die Green Lanes Massive mischten sich nicht mehr in ihre Geschäfte ein; niemand mischte sich mehr ein. Devil dachte nicht allzu oft darüber nach, aber wenn doch, dann kam ihm manchmal der Gedanke, dass das vielleicht ein bisschen merkwürdig war. Andererseits hatten sie vielleicht etwas Besseres zu tun.