Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Er träumte. Er liegt in demselben Zimmer, in dem er in Wirklichkeit lag; aber er ist nicht verwundet, sondern gesund. Viele verschiedene Personen, unbedeutende, gleichgültige Personen, stellen sich bei ihm ein. Er redet mit ihnen, disputiert mit ihnen über irgendeinen gleichgültigen Gegenstand. Sie schicken sich an wegzugehen. Es kommt ihm unklar zum Bewußtsein, daß alles dies nichtig ist und er andere, wichtigere Sorgen hat; aber dennoch redet er weiter, wertlose Witzworte, durch die er die Leute in Erstaunen versetzt. Allmählich verschwinden alle diese Personen eine nach der andern, und an die Stelle alles dessen, was bisher da war, tritt nun eine einzige Frage, die Frage des Verschließens der Tür. Er steht auf und geht zur der Tür hin, um den Riegel vorzuschieben und sie zuzuschließen. Davon, ob er sie noch rechtzeitig zuschließen kann oder nicht, hängt alles ab, alles. Er geht, er beeilt sich, seine Füße bewegen sich nicht, und er sieht ein, daß es ihm nicht gelingen wird, die Tür rechtzeitig zu verschließen; aber dennoch strengt er krampfhaft alle seine Kräfte an. Und eine qualvolle Angst packt ihn. Und diese Angst ist die Todesangst: draußen vor der Tür steht Es. Aber in dem Augenblick, wo er kraftlos und unbeholfen einherschleichend die Tür erreicht, drückt dieses furchtbare Es schon von außen gegen die Tür und pocht ungestüm dagegen. Etwas Unmenschliches, der Tod, pocht an die Tür, und er, Andrei, muß sie zuhalten. Er erfaßt die Tür und strengt seine letzten Kräfte an, um sie, da es zum Zuschließen zu spät ist, wenigstens zuzuhalten. Aber seine Kräfte sind zu schwach und zu unbeholfen, und die Tür, gegen die das Entsetzliche drückt, öffnet sich. Aber sie schließt sich wieder.
Noch einmal drückt Es von außen dagegen. Die letzten, übermenschlichen Anstrengungen sind vergeblich, und nun haben sich beide Türflügel geräuschlos geöffnet. Es ist eingetreten, und dieses Es ist der Tod. Und er, Andrei, ist gestorben.
Aber in demselben Augenblick, als er gestorben war, kam es dem Fürsten Andrei zum Bewußtsein, daß er nur schlafe, und in demselben Augenblick, als er gestorben war, machte er eine starke Anstrengung und erwachte.
»Ja, das war der Tod. Ich bin gestorben, ich bin erwacht. Ja, der Tod ist ein Erwachen!« Dieser Gedanke leuchtete auf einmal in seinem Geist auf, und der Vorhang, der bis dahin das Unbekannte verborgen hatte, hob sich vor seinem geistigen Blick in die Höhe. Es war ihm, als sei die bisher in seinem Innern gefesselte Kraft nun frei geworden, und er fühlte jene eigentümliche Leichtigkeit, die ihn von da an nicht mehr verließ.
Als er, von kaltem Schweiß bedeckt, wieder zu sich kam und sich auf dem Sofa bewegte, trat Natascha zu ihm und fragte ihn, wie er sich befinde. Er antwortete ihr nicht, sondern blickte sie, ohne sie zu verstehen, mit einem seltsamen Blick an.
Dies war es, was sich mit ihm zwei Tage vor der Ankunft der Prinzessin Marja zugetragen hatte. Seit diesem Tag hatte das Zehrfieber, wie der Arzt sagte, einen schlimmen Charakter angenommen; aber Natascha legte auf das, was der Arzt sagte, keinen Wert; sie sah diese furchtbaren seelischen Symptome, die ihr minder zweifelhaft waren.
Seitdem hatte für den Fürsten Andrei zugleich mit dem Erwachen aus dem Schlaf das Erwachen aus dem Leben begonnen. Und im Verhältnis zu der Dauer des Lebens erschien ihm dieses letzte Erwachen nicht langsamer als das Erwachen aus dem Schlaf im Verhältnis zu der Dauer des Traumes.
Es lag nichts Furchtbares und Schreckliches in diesem entsprechend langsamen Erwachen.
Seine letzten Tage und Stunden verliefen in der gewöhnlichen, natürlichen Weise. Auch Prinzessin Marja und Natascha, die nicht von seinem Lager wichen, fühlten das. Sie weinten nicht und schauderten nicht und waren sich in der letzten Zeit dessen bewußt, daß sie nicht mehr ihn (denn er selbst existierte nicht mehr, er war schon von ihnen gegangen), sondern nur die nächstliegende Erinnerung an ihn, seinen Körper, pflegten. Die Empfindungen der beiden Mädchen waren so tief und stark, daß die äußere, furchtbare Seite des Todes auf beide nicht wirkte und sie es nicht nötig fanden, ihren Schmerz anzureizen. Sie weinten weder im Krankenzimmer noch außerhalb desselben und sprachen auch nie von dem Kranken untereinander. Sie fühlten beide, daß sie unvermögend waren dem, was sie empfanden, mit Worten Ausdruck zu geben.
Beide sahen sie, wie er immer tiefer und tiefer, langsam und ruhig von ihnen hinwegsank in einen unbekannten Abgrund, und beide wußten, daß das so sein mußte und daß es gut so war.
Ein Geistlicher hörte seine Beichte und reichte ihm das Abendmahl; alle traten zu ihm heran, um von ihm Abschied zu nehmen. Als sein Sohn zu ihm gebracht wurde, berührte er ihn mit den Lippen, wandte sich dann aber ab, nicht weil es ihm zu ergreifend und schmerzlich gewesen wäre (Prinzessin Marja und Natascha verstanden das recht wohl), sondern nur weil er annahm, das sei alles, was man von ihm verlange; aber als ihm gesagt wurde, er möchte den Knaben doch auch noch segnen, da tat er auch dies noch und blickte um sich, als wollte er fragen, ob er vielleicht noch etwas tun müßte.
Als die letzten Zuckungen des Körpers eintraten, den der Geist schon verlassen hatte, waren Prinzessin Marja und Natascha bei ihm.
»Es ist wohl zu Ende!« sagte Prinzessin Marja, als der Körper schon einige Minuten regungslos vor ihnen dagelegen hatte und zu erkalten begann. Natascha trat hinzu, blickte in die toten Augen und beeilte sich, sie zuzudrücken. Sie drückte sie zu, küßte sie aber nicht, sondern sank andächtig nieder bei dem Körper, der die nächste Erinnerung an ihn selbst war.
»Wohin ist er gegangen? Wo ist er jetzt …?« dachte sie.
Als der Leichnam gewaschen und angekleidet im Sarg auf dem Tisch lag, traten alle an ihn heran, um Abschied zu nehmen, und alle weinten.
Nikolenka weinte vor schmerzlicher Verständnislosigkeit, die ihm das Herz zerriß. Die Gräfin und Sonja weinten aus Mitleid mit Natascha und darüber, daß er nun dahin war. Der alte Graf weinte darüber, daß, wie er fühlte, auch für ihn die Zeit herannahte, wo er denselben furchtbaren Schritt werde tun müssen.
Natascha und Prinzessin Marja weinten jetzt ebenfalls; aber sie weinten nicht aus persönlichem Gram, sondern infolge der andächtigen Rührung, von der ihre Seelen ergriffen waren angesichts des schlichten, erhabenen Mysteriums des Todes, das sich vor ihren Augen vollzogen hatte.
Dreizehnter Teil
I
Der menschliche Verstand vermag die Gesamtheit der Ursachen der Erscheinungen nicht zu begreifen. Aber das Bedürfnis, nach diesen Ursachen zu forschen, liegt in der Seele des Menschen. Da nun der menschliche Verstand in die zahllose Menge und mannigfaltige Verschlingung der die Erscheinungen begleitenden Umstände, von denen ein jeder, für sich betrachtet, als Ursache erscheinen kann, einzudringen nicht imstande ist, so greift er nach dem erstbesten, verständlichsten Moment, das mit einer Erscheinung in Berührung steht, und sagt: das ist die Ursache. Bei geschichtlichen Ereignissen, wo den Gegenstand der Untersuchung Handlungen von Menschen bilden, erscheint als ein solches Moment, das sich zuallererst darbietet, der Wille der Götter, demnächst der Wille derjenigen Personen, die bei dem betreffenden Ereignis auf dem sichtbarsten Platz stehen, der Helden der Geschichte. Aber man braucht nur in das Wesen eines historischen Ereignisses einzudringen, d.h. in die Tätigkeit der gesamten Masse der Menschen, die an dem Ereignis beteiligt gewesen sind, um sich zu überzeugen, daß der Wille eines Helden der Geschichte, weit entfernt die Tätigkeit der Massen zu lenken, vielmehr selbst beständig von ihnen gelenkt wird. Es könnte nun scheinen, als sei es gleichgültig, ob man die Bedeutung eines geschichtlichen Ereignisses in der einen oder in der andern Weise auffaßt. Aber zwischen dem, welcher sagt, die Völker des Westens seien nach dem Osten gezogen, weil Napoleon das gewollt habe, und dem, welcher sagt, dies sei deshalb geschehen, weil es geschehen mußte, besteht derselbe Unterschied, der zwischen denjenigen Menschen bestand, welche behaupteten, die Erde stehe fest und die Planeten bewegten sich um sie herum, und denjenigen, welche sagten, sie wüßten nicht, wodurch die Erde gehalten werde, sie wüßten aber, daß es Gesetze gebe, durch die die Bewegung der Erde sowohl als auch der andern Planeten regiert werde. Für ein historisches Ereignis gibt es keine anderen Ursachen und kann es keine anderen Ursachen geben als die einzige Ursache aller Ursachen. Aber es gibt Gesetze, welche die Ereignisse regieren, Gesetze, die wir teils nicht kennen, teils tastend fühlen. Die Aufdeckung dieser Gesetze ist nur dann möglich, wenn wir völlig darauf verzichten, die Ursachen in dem Willen eines einzelnen Menschen zu suchen, geradeso wie die Aufdeckung der Gesetze der Bewegung der Planeten erst dann möglich wurde, als die Menschen auf die Vorstellung vom Feststehen der Erde verzichteten.