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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen

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Das letzte Zeichen 02 - Die Verschwundenen
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Lucas zögerte. Die Lichter wurden heller. Er schätzte, dass das Lager, oder was immer es war, ungefähr eine halbe Meile entfernt war. Selbst von hier aus wirkte es riesig, viel größer, als Lucas es sich vorgestellt hatte. Es bestand aus einer Ansammlung von niedrigen Gebäuden in der Mitte, die von Hunderten kleinerer Gebäude umgeben waren.

»Fertighäuser«, erklärte Linus sachkundig. »Keine dauerhaften Bauten, aber es hat sicher eine Weile gebraucht, sie zu errichten. Diese Leute meinen es ernst.«

»Ernst womit?«, fragte Lucas.

»Das ist die Frage«, erwiderte Linus achselzuckend. »Und ich glaube, dass es nichts bringt, wenn wir sie von hier aus beobachten. Wir müssen direkt ins Lager.«

»Ohne Waffen? Hast du eine Idee?«, fragte Lucas.

»Hab ich«, sagte Linus mit einem Funkeln in den Augen. »Aber sie wird dir vielleicht nicht gefallen.«

»Wetten, dass?«, meinte Lucas trocken.

»Gut«, sagte Linus nachdenklich. »Wenn wir geschnappt werden, sterben wir. Aber wenn sie einen von uns …«

»Gefangen nehmen?« Lucas runzelte die Stirn.

»Das nicht gerade. Gefangene werden meist eingesperrt, geschlagen und gequält. Ich weiß nicht, wie es hier ist, aber wie wir wissen, schrecken sie nicht davor zurück, Menschen zu töten. Nein, ich habe eine andere Idee.«

»Und zwar?«, fragte Lucas ungeduldig.

Linus machte ein nachdenkliches Gesicht. »Es ist riskant, aber ich glaube, es könnte klappen. Wirf mal einen Blick über den Rand des Hügels und sag mir, was du siehst.«

Lucas wollte schon erwidern, dass Linus doch selbst gehen und nachsehen sollte, aber dann überlegte er es sich noch einmal und fing an zu klettern.

»Ich kann nichts sehen«, sagte er.

»Du musst weiter hinauf«, rief Linus ihm zu und deutete auf die Spitze des Felsens. Lucas zog sich hoch, aber erst als er ganz oben war, bemerkte er, dass Linus direkt hinter ihm war – zu spät, als dass er noch hätte erkennen können, was vor sich ging. Er konnte sich nicht mehr halten und stürzte kopfüber über den schmalen Felsvorsprung in die Tiefe.

20

»Gefällt dir die Musik, Devil?« Mit einem halbherzigen Lächeln drehte Thomas sich um. Er sah zwar nicht gut aus, aber sein stählerner Blick verriet Devil, dass er Autorität hatte. Seine Augen standen eng zusammen, die Haare waren kurz geschnitten, am Handgelenk trug er eine teure Schweizer Uhr, und sein Anzug sah maßgeschneidert aus.

»Ich denke schon«, sagte Devil achselzuckend und in unverbindlichem Ton. Es war nicht sein Musikgeschmack. Gitarrengeklimper. Die Art Musik, die weiße Jungs mit langen Ponyfrisuren spielten. Früher hatte er solche Musik auch gehört. »Das ist eine neue Band. Ich glaube, die Jungs werden es noch weit bringen«, sagte der Mann, trommelte mit den Fingern auf seinen Oberschenkel und nickte im Rhythmus mit dem Kopf. Dann grinste er. »Eigentlich weiß ich genau, dass sie es weit bringen werden, weil ich dafür sorgen werde. Kennst du die Redensart >zu viel Vertrautheit schadet nur<? Das ist Quatsch. Je öfter wir etwas hören, desto besser gefällt es uns. Als ich diese Musik das erste Mal gehört habe, fand ich sie furchtbar. Aber jetzt liebe ich sie.«

Devil zuckte die Achseln, als wollte er sagen: »Mir doch egal.« Er zog sich die Kapuze über den Kopf. Im Grunde hatte er keine Ahnung, wovon Thomas überhaupt redete, und deshalb tat er das, was er immer tat, wenn er nicht wusste, worum es ging: Er ignorierte ihn. »Ignoranz bedeutet Versagen«, hatte sein Vater immer gesagt. »Ignoranz bedeutet Schwäche. Und wenn du schwach bist, wird der Starke dich ausnutzen. Du musst immer einen Schritt voraus sein. Du musst sehen, was kommt. Du musst gebildet und gut informiert sein, damit dich niemand aufs Kreuz legt, verstehst du, mein Sohn?«

»Du rauchst diesen Mist?«, fragte Thomas und blickte auf Devils Zigaretten.

Devil kniff abwehrend die Augen zusammen. »Das ist kein Mist«, entgegnete er. »Silk Cut. Unverfälschte Ware.« Diese Zigaretten hatte sein Vater immer geraucht. »Mittelklasse-Zigaretten« hatte er sie genannt.

»Das ist alles Mist«, meinte Thomas. »Diese Zigaretten sind schädlich, unter Umständen sogar tödlich. Es ist nicht gut, wenn man abhängig ist, Devil. Gar nicht gut.«

Devil sah ihm frech ins Gesicht.

Thomas lächelte. »Du bist wütend auf mich, weil du denkst, ich setze dich herab, stimmt’s?«

Devil gab keine Antwort.

»Vielleicht tue ich das«, meinte Thomas achselzuckend. »Aber eine solche Angewohnheit fordert das geradezu heraus. Du gibst der Zigarettenindustrie Macht und lässt dich von ihr vereinnahmen. Früher hat man mich herabgesetzt, aber heute nicht mehr. Heute würde es keiner mehr wagen. Ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand.«

Devil starrte mürrisch vor sich hin. Er war wütend, doch er konnte nichts dagegen tun. Er würde seine Wut später an irgendjemandem auslassen.

»Woher wissen Sie, wie ich heiße?«, fragte er.

Thomas lächelte. »Ich weiß nicht nur, wie du heißt, Devil. Ich weiß alles über dich.«

»Ach wirklich?« Devil rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her.

»Ja«, sagte Thomas nachdenklich. »Schade um diesen Jungen, nicht? Du musst dich ziemlich beschissen gefühlt haben. Ich meine, schließlich war es deine Schuld, dass er sich umgebracht hat, oder? Du wirst mit dieser Schuld leben müssen.«

Devil konnte sich gerade noch beherrschen, um nicht auf Thomas loszugehen. Und gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass er mit diesen beiden großen Typen neben ihm nicht gewinnen konnte. »Das hatte nichts mit mir zu tun«, erklärte er stattdessen mit finsterem Blick.

Thomas lachte. »Wir wissen beide, dass das nicht stimmt, Devil. Wenn du mit dem Leben anderer spielst, musst du auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Damit zu leben. Sie anzunehmen. Du darfst dich nicht selbst belügen. Dein Vater hat dir das doch sicher beigebracht?«

Devil drehte hastig den Kopf weg und Thomas lachte.

»Oh, ich weiß Bescheid über deinen Vater. Ich weiß alles über ihn. Deshalb bist du hier.«

Devil schloss einen Moment lang die Augen. Nachdem er sie wieder geöffnet hatte, sagte er: »Wir haben nichts von seinem Geld. Ganz gleich, was Sie denken. Er hat alles mitgenommen. Ich habe nichts.«

»Das weiß ich«, sagte Thomas beschwichtigend. Der Fahrer setzte den Blinker und der Wagen bog in eine große Lagerhalle ein. Devil sah sich nervös um. Außer ihnen war kein Mensch da und anscheinend kam auch sonst niemand hierher.

»Keine Angst«, meinte Thomas und lächelte wieder. »Wir sind nur hier, um zu reden. Nichts weiter.«

Devil wandte den Blick ab. Wieso konnte dieser Typ ihn so leicht durchschauen? Das verwirrte ihn. Mehr noch, es machte ihn wütend.

Der Mann zu seiner Linken und Thomas stiegen aus und tauschten die Plätze. Devil bekam einen trockenen Hals.

»Mmm.« Thomas lehnte sich auf dem Sitz zurück. »Das zeichnet einen tollen Wagen aus. Man sitzt hinten genauso bequem wie vorn. Er zollt seinen Insassen Respekt. Respekt ist wichtig, Devil. Findest du nicht auch?«

Devil zuckte die Schultern. Er wünschte, dieser Typ würde endlich zur Sache kommen und ihm sagen, was er wollte. Zumindest wüsste er dann, worum es ging.

»Das Dumme ist nur«, fuhr Thomas fort, »dass die Leute nicht mehr viel Respekt voreinander haben, stimmt’s? Sie wissen gar nicht, was Respekt überhaupt ist. Sie sind vom Weg abgekommen, Devil. Sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf unwichtige Dinge statt auf das Wesentliche, wie Respekt oder Manieren. Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, Drogen zu nehmen oder unnützes Zeug anzuhäufen. Sie haben vergessen, worum es im Leben wirklich geht, Devil. Findest du nicht auch?«

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