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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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»Tut mir leid«, sagte sein Führer. »Das ist auch so eine Idee von den Ausstattern — das Grün soll die Leute an die Erde erinnern. Die Decken werden blau, und zwar umso tiefer blau, je höher die Etage. Überall ist indirekte Beleuchtung geplant, so dass die Sterne sichtbar bleiben.«

Morgan schüttelte den Kopf. »Das ist eine nette Idee, aber sie wird nicht funktionieren. Wenn das Licht hell genug zum Lesen ist, kann man die Sterne nicht mehr sehen. Was wir brauchen, ist ein Abschnitt des Salons, der völlig verdunkelt werden kann.«

»Ist eingeplant — und zwar nehmen wir einen Teil der Bar. Man bestellt sich einen Drink und zieht sich hinter den Vorhang zurück.«

Sie standen jetzt auf der untersten Etage des Fahrzeugs, in einem kreisförmigen Raum von acht Metern Durchmesser und drei Metern Höhe. Ringsum befanden sich etliche Kästen, Zylinder und Schalttafeln, die Aufschriften wie SAUERSTOFFRESERVE, BATTERIE, CO2-ABSORBER, MEDIC und TEMPERATURKONTROLLE trugen. Man sah dem Arrangement an, dass es provisorisch war und jeden Augenblick geändert werden konnte.

»Jemand könnte auf die Idee kommen, wir bauen hier ein Raumschiff«, bemerkte Morgan. »Übrigens: Auf wie viel wird die Überlebensspanne zurzeit geschätzt?«

»Solange Energie vorhanden ist, mindestens eine Woche, selbst mit einer vollen Ladung von fünfzig Fahrgästen. Wirklich absurd, denn die Rettungsmannschaft könnte das Fahrzeug jederzeit in drei Stunden erreichen — von der Erde oder von Mitte.«

»Ausgenommen im Fall einer ernsten Katastrophe, wenn zum Beispiel der Turm oder die Fahrspur beschädigt sind.«

»Wenn der Fall jemals eintritt, dann, glaube ich, wird es niemand zu retten geben. Wenn aber das Fahrzeug lediglich steckenbleibt und die Passagiere nicht durchdrehen und unsere köstlichen Energietabletten alle auf einmal verschlucken, dann haben sie eigentlich nur ein Problem: Langeweile.«

Die zweite Etage war völlig kahl, nicht einmal vorläufige Installationen waren hier vorgenommen worden. Jemand hatte mit Kreide ein großes Rechteck auf die Kunststoffverkleidung der Wand gemalt und hineingeschrieben: SCHLEUSE HIER?

»Das ist der Gepäckraum. Allerdings sind wir noch nicht sicher, ob wir wirklich so viel Platz brauchen. Wenn nicht, können wir hier zusätzliche Fahrgastsitze anbringen. Aber jetzt — die nächste Etage ist weitaus interessanter …«

Die dritte Ebene enthielt ein Dutzend Flugzeugsitze, sämtlich von unterschiedlichem Design. In zweien davon saßen realistisch wirkende Puppen, ein Mann und eine Frau, die äußerst gelangweilt wirkten.

»Die Entscheidung zugunsten dieses Modells ist praktisch schon gefallen«, sagte Kingsley und deutete dabei auf einen luxuriös wirkenden Gliedersessel, an den ein kleiner Tisch montiert war. »Aber wir führen trotzdem zunächst die übliche Marktanalyse durch.«

Morgan hieb mit der Faust in die Polsterung.

»Hat jemand schon mal fünf Stunden lang darin gesessen?«, fragte er.

»Ja — ein Freiwilliger von zweihundert Pfund. Keine Hornhaut am Allerwertesten. Wenn sich die Leute beschweren, erinnern wir sie an die Pionierjahre der Luftfahrt, als es allein fünf Stunden dauerte, um den Pazifik zu überqueren. Außerdem bieten wir natürlich den Komfort geringer Beharrungskräfte fast über die gesamte Strecke.«

Die nächste Etage glich der vorherigen, allerdings fehlten die Stühle. Sie stiegen weiter und erreichten alsbald die nächsthöhere Ebene, der die Innenausstatter offenbar ihre gesamte Aufmerksamkeit gewidmet hatten.

Die Bar sah so aus, als sei sie bereits in Betrieb, und die Kaffeemaschine funktionierte tatsächlich. Über ihr hing in einem verschnörkelten, vergoldeten Rahmen eine Zeichnung von derart unmittelbarem Bezug, dass es Morgan im ersten Augenblick den Atem verschlug. Ein riesiger Vollmond erfüllte das obere linke Viertel des Bildes, und auf ihn zu raste eine geschossförmige Lokomotive, die vier Wagen hinter sich herzog. An den Fenstern eines Abteils mit der Aufschrift »Erster Klasse« sah man zylinderbehütete Gestalten des viktorianischen Zeitalters die Aussicht bewundern.

»Wo habt ihr das aufgetrieben?«, erkundigte sich Morgan in staunender Bewunderung.

»Sieht so aus, als wäre der Titel schon wieder heruntergefallen«, entschuldigte sich Kingsley und begann, hinter der Bar zu stöbern. »Ah, hier ist er!«

Er reichte Morgan eine Karte, auf der in altertümlicher Schrift gedruckt war:

RAKETENZÜGE ZUM MOND

Zeichnung aus der Ausgabe von 1881 des Romans

VON DER ERDE ZUM MOND

Direkt

in 97 Stunden und 20 Minuten

UND EINE REISE UM DEN MOND

von Jules Verne

»Ich muss leider bekennen, dass ich das Buch nie gelesen habe«, sagte Morgan. »Ich hätte mir eine Menge Ärger sparen können. Trotzdem möchte ich fragen, wie er ohne Schienen zurechtgekommen ist …«

»Wir sollten Jules nicht zu ernst nehmen. Das Bild war nicht ernstgemeint — eher ein Spaß des Zeichners.«

»Trotzdem — übermittle den Innenarchitekten mein Kompliment. Das Bild ist eine ihrer besseren Ideen.«

Danach wandten sich Morgan und Kingsley dem großen Aussichtsfenster zu, auf dem ein Projektionssystem ein atemberaubendes Bild der Erde erzeugte — und zwar nicht irgendeines, wie Morgan mit Befriedigung feststellte, sondern das richtige. Taprobane selbst konnte man natürlich nicht sehen, es lag senkrecht unter dem Fahrzeug. Dagegen zeigte die Aussicht den gesamten indischen Subkontinent bis hinauf zu den glitzernden Schneeflächen des Himalaja.

»Weißt du«, sagte Morgan plötzlich, »es wird genauso sein wie bei der Brücke. Menschen werden die Reise nur um der Aussicht willen unternehmen. Die Station Mitte wird die größte Touristenattraktion aller Zeiten sein.« Er blickte zur tiefblauen Decke hinauf. »Gibt's da oben noch was Nennenswertes zu sehen?«

»Eigentlich nicht. Die vordere Schleuse ist fertig, aber wir haben uns noch nicht entschlossen, wo wir die Ersatz-Lebenserhaltungssysteme und die Elektronik für die Fahrspurkontrolle unterbringen.«

»Habt ihr damit Probleme?«

»Nicht mit den neuen Magneten. Unter Motorkraft und im Leerlauf garantieren wir sicheren Spurspielraum bis zu einer Geschwindigkeit von achttausend Kilometer pro Stunde — fünfzig Prozent über der vorgesehenen Höchstgeschwindigkeit.«

Morgan gab einen unhörbaren Seufzer der Erleichterung von sich. Dies war ein Gebiet, auf dem er keine Entscheidungen treffen konnte und ganz und gar auf den Rat anderer angewiesen war. Von allem Anfang an war klar gewesen, dass nur ein magnetischer Antrieb solchen Geschwindigkeiten gewachsen war. Der geringste physische Kontakt — bei einer Fahrt von mehr als einem Kilometer pro Sekunde — musste katastrophale Folgen haben. Die vier Spurenpaare, die in der Form von Fugen die Wände des Turmes entlangliefen, hatten jedoch gegenüber dem Umfang der Magnete nur wenige Zentimeter Spielraum. Sie hatten so ausgelegt werden müssen, damit augenblicklich massive Rücklenkkräfte zum Einsatz gebracht werden konnten, sobald sich das Fahrzeug von der Mittellinie zu entfernen drohte.

Als Morgan hinter Kingsley her die Wendeltreppe hinabstieg, die die Attrappe in ihrer gesamten Länge durchzog, überkam ihn ein ernüchternder Gedanke. Ich werde alt, sagte er zu sich selbst. Oh, ich hätte ohne Mühe zur sechsten Ebene hinaufsteigen können; aber ich bin froh, dass wir uns dagegen entschieden.

Dabei bin ich erst neunundfünfzig, und selbst wenn alles nach Plan geht, wird es noch mindestens fünf Jahre dauern, bis das erste Passagierfahrzeug zur Station Mitte hinauffährt. Dann weitere drei Jahre Test, Kalibrierung, Systemeinspielung. Nehmen wir an, um sicher zu sein: zehn Jahre …

Trotz der Wärme schauderte er plötzlich. Zum ersten Mal kam es Vannevar Morgan in den Sinn, dass er den Triumph, dem er seine Seele verschrieben hatte, womöglich nicht mehr erleben werde. Ohne es zu bemerken, drückte er die Handfläche gegen die schlanke Metallscheibe, die er unter dem Hemd auf der Brust trug.

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