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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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»Was bleibt uns anderes übrig, als Theater zu spielen, wenn wir hier etwas gelten wollen? Man wird mich mit ganz besonderer Hochachtung behandeln, wenn ich als Diener einen Araber hinter mir hergehen lasse. Einen Araber kann man nicht kaufen. Man muß ihn entlohnen für seine Dienste. Wer sich so etwas Kostspieliges leisten kann, muß ein vornehmer Mann sein.« »Ja, ja, andere Länder, andere Sitten«, stöhnte Ojo und lud sich die Villaverdische Muskete auf den Rücken.

»Ich hoffe, du forderst nicht tatsächlich Lohn für deine »Dienste«. Das würde für unseren Beutel ein bißchen teuer werden.«

Einträchtig marschierten sie durch die Straßen, bis sie den großen Biwakbezirk erreichten.

Ibrahim Kapudan war ein freundlicher Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren. Er forderte Michel sofort auf, ihn zu den Schießständen zu begleiten. Dort waren Soldaten beim Üben. Sie schossen auf hundert Schritt Entfernung auf Ringscheiben, ganz wie es in Europa üblich war. Ibrahim rief einen bärtigen Afghanen herbei und sagte ihm, er solle dem Pfeifer zeigen, wie gut er schießen könne.

Der Mann legte sich auf die Erde, stützte die Ellbogen auf, zielte lange und sorgfältig, nahm Druckpunkt und feuerte dann endlich die veraltete Steinschloßflinte ab. Er exerzierte Michel Ladegriffe vor, wie sie eine geschlossene Formation auf dem Exerzierplatz nach Einzelkommandos eingebläut bekommt.

Im ganzen schoß er fünfmal. Alle fünf Kugeln saßen innerhalb des schwarzen Ringes, der einen Durchmesser von der Breite zweier Hände hatte.

»So schießen wir für den Sultan«, meinte Ibrahim stolz. »Wenn du viel übst, wirst du vielleicht auch einmal eine Kugel in diesen Ring jagen können.«

»Fürwahr«, meinte Michel, »Lubak Effendi ist ein ausgezeichneter Scharfschütze. Gehört er zu den besten eurer Armee?«

»Er ist ein Anfänger, verglichen mit Cheir Eddin, der leider zur Janitscharen-Infanterie gehört. Aber nun zeige mir, was du kannst.«

Michel nahm seine Muskete aus Ojos Hand, blieb stehen und hielt sie waagrecht an den Oberschenkel gepreßt.

Peng, machte es.

Ibrahim sah Michel erstaunt an.

»Ist deine Flinte aus Versehen losgegangen?«

»Betrachte nur die Zielscheibe.«

Ibrahim eilte hin und stieß einen verwunderten Ruf aus:

»Die Kugel sitzt ja innerhalb des Rings«, rief er, »welch ein Zufall!«

»Tritt zur Seite«, sagte Michel laut.

Er tat, als lade er den abgeschossenen Lauf nach. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, daß seine sechsschüssige Villaverdische Muskete neuerlich Aufsehen erregte. Wieder hielt er sie an den Schenkel gepreßt.

Er schoß, traf, lud, schoß, traf, lud und schoß fünfmal wie sein Vorgänger.

Ibrahim kam mit der Zielscheibe gerannt und starrte den Pfeifer erschrocken an.

»Bei Allah, bist du ein Zauberer? Du hast weder eine Stütze für deinen Arm gebraucht, noch hast du das Gewehr an die Schulter gestemmt und gezielt. Und geladenhast du doppelt so schnell wie Lubak. Bei Allah, ich werde dich noch heute dem Oberkommando als Ausbilder empfehlen, der den Rekruten schnelles Laden und Feuern beibringen soll.«

Michel wollte beweisen, daß er mehr konnte, um ja nicht in Vergessenheit zu geraten oder nur als Schießlehrer angestellt zu werden. Er mußte versuchen, auch hier wieder zu einer gewissen Berühmtheit zu gelangen. Deshalb sagte er jetzt:

»Ich will dir noch eine Probe meines Könnens geben. Ich will dir zeigen, wie man stehend freihändig genau ins Schwarze trifft.«

Er riß die Flinte hoch und feuerte, wie immer, ohne sichtbar zu zielen.

»Diesmal ging es daneben«, bemerkte ein mit Juwelen behängter Offizier, der von einer anderen Ausbildungsgruppe dazugekommen war. »Wenn ein französischer Husar gegen dich geritten wäre, hätte dich sein Degen durchbohrt, und du wärest jetzt im Paradies auf den Knien einer schönen Huri.«

Drei oder vier andere Offiziere, die ihm ebenfalls gefolgt waren, lachten laut. Aber sie lachten nicht über Michel oder etwa über den Offizier. Sie lachten nur, weil sie sich verpflichtet fühlten zu lachen, da ihr Vorgesetzter selbst auch lachte.

Michel erkannte aus diesem kleinen, aber aufschlußreichen Vorfall, daß der Juwelenbehängte eine ziemlich hohe Stellung innehaben mußte, also eine wichtige Person für ihn war. »Ich glaube eher, der Husar wäre mit der Nase in den Sand gefallen«, antwortete Michel und lud den abgeschossenen Lauf.

»Für einen Tunesier sprichst du gut türkisch. Wenn dein Schießen genauso gut ist — Maschallah, du kannst aber schnell laden«, unterbrach er sich verwundert. »Ich habe nie schnelleres Laden gesehen, Achmed Serdar«, bemerkte Ibrahim respektvoll. Michel riß das Gewehr schon wieder hoch, und der Schuß krachte.

»Halt ein«, schrie der türkische General. »Wenn du ein vornehmer Mann bist, so verspotte uns nicht. Wir sind Offiziere von hohem Rang. Oder willst du uns eine Vorführung geben, wie schnell man Löcher in die Luft schießt?«

»Nein, Achmed Serdar, ich wollte nur demonstrieren, wie ich schießen gelernt habe.« Michel feuerte noch dreimal so schnell wie möglich, und obwohl er gern ohne abzusetzen geschossen hätte, lud er doch vor jedem Schuß neu.

Dann brachte man die Zielscheibe herbei. Alle sahen die Löcher in der Mitte, ganz dicht nebeneinander.

Michel hätte sich vor sich selbst geschämt, wenn die Treffer nicht so gesessen hätten; denn in seinen eigenen Augen hatte er noch keineswegs eine Meisterleistung vollbracht. »Ibrahim«, stellte der Serdar2 fest, »das ist der beste Schütze nach Cheir Eddin!« »Ist dieser Mann viel besser als ich?« warf Michel ein.

»Er hat nicht deine Fähigkeit beim Laden. Und er muß sorgfältig zielen, doppelt so lange wie du. Aber wenn er die fünf Schüsse abgefeuert hat, so könnte man sie mit einer Kaffeetasse zudecken. Auf zehn Schritte trifft er einen Sperling von der Hüfte aus.« »Friede sei mit ihm!« verbeugte sich Michel.

»Außerdem ist er ein großer Kavallerieoffizier«, fuhr der General gedankenvoll fort. »Kannst du von einem galoppierenden Pferd aus schießen?«

»Ich kann zwar keinen Sperling auf zehn Schritte treffen, aber ich kann im Reiten genauso schnell laden wie eben.«

»Solche Kunststücke stehen bei den Nomaden hoch im Kurs. Willst du sie vorführen?« Er rief einen Soldaten auf einem Pony herbei. Der unbequeme, stuhlähnliche Sattel paßte nicht für Michel und behinderte alle Bewegungen. Aber als er die Fähigkeiten des Tiers ausprobierte, entdeckte er, daß sein Galopp weich und gleichmäßig war. Er ritt geradewegs auf sein Ziel zu und schoß auf dreißig Schritte Entfernung. In einem vernünftigen Sattel und auf einem besseren Pferd hätte er laden können, ohne zuviel Pulver zu verschütten. So wie es jetzt war, ließ er das Pferd im Schritt gehen, um zu laden. Dann versuchte er einen schwierigeren Schuß anzubringen. Er ritt quer am Ziel vorbei und feuerte aus etwa zwanzig Meter Entfernung. Bei diesem Schuß mußte er das Gewehr in einen Winkel von neunzig Grad zum Pferd bringen, wozu es notwendig war, den Oberkörper ebenfalls zu wenden.

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