Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
Der Vergleich war keine direkte Beleidigung. Er erhielt nur dadurch den Sinn einer Frechheit, daß ein Hauptmann ihn gegenüber einem Oberst gebrauchte.
Cheir Eddin strich sich den speckigen Bart. Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, sagte er: »Nun, wir werden sehen. Ich bin der Überzeugung, daß du deinen Turban zu Unrecht trägst. Du hast sicher denselben Glauben wie mein Pferdeknecht. Ein Hund, ein Schwein und ein Christ saßen zusammen«, begann er mit einem im ganzen Orient bekannten Gleichnis, »da wurde der Christ krank, und Allah sandte das Schwein zu seinem Stamm, um ihn zu vertreten.« Drüben bei den Janitscharen lachten einige über diese Grobheit.
»Die Christin da drüben«, Michel wies auf Marina, »würde sich wohl nicht von einem Schwein vertreten lassen. Habe ich nicht recht, schöne Frau von Andalusien?«
Marina fuhr herum. Mit weit geöffneten Augen starrte sie ihn an. Aber sie erkannte ihn nicht. Wahrscheinlich hatte er sich zu sehr verändert.Da pfiff er. Nicht viel, nur wenige Takte eines spanischen Liedes. Er wollte sie jetzt zwingen, ihn zu erkennen. Dann wußte sie, daß Rettung in der Nähe war.
Die Türken dachten nicht daran, daß die letzten Worte Michels eine besondere Bedeutung haben könnten. Sie waren viel zu bestürzt, daß es jemand gewagt hatte, die Sklavin eines anderen anzusprechen. Das war eine unverzeihliche Beleidigung.
Cheir Eddin legte mit wilder Geste die Hand um den Säbelknauf, erinnerte sich aber im letzten Augenblick, daß Michel hier auf Befehl des Sultans stand. Obgleich Michel einen schweren Fehler begangen hatte, mußte der Oberst die Auseinandersetzung doch vorerst verschieben.
Diesmal lachte niemand, auch keiner von den eigenen Leuten. Michel gab sich alle Mühe, Marina nicht mehr anzusehen.
Glücklicherweise ritt in diesem Augenblick Michels Gegner ins Stadion ein. Michel hatte einen mächtigen Emir erwartet, mit viel Gefolge und kostbar gekleidet. Statt dessen kam ein alter, kleiner, dünner Mann daher, der ein einfaches Wollhemd und enge indische Reithosen trug. Sein Gefolge bildeten ganze zwölf Mann in praktischer Reitkleidung. Der Sattel des Gastes war ein zusammengelegter Woilach, über dem zwei einfache, eiserne Steigbügel hingen. Der einzige Schmuck, den er trug, bestand aus einem weißseidenen Turban, auf dem vorn ein riesenhafter, blutroter Rubin prangte. Sein Gesicht war mongolisch. Und der herabhängende, spärliche Bart reizte zum Vergleich mit einem der großen Mongolen-Khans. Sicherlich war er ein mächtiger Fürst.
Der Emir-el-Osman grüßte vom Pferd herab mit einer tiefen, höflichen Verbeugung. »Nimm die Grüße und die besten Wünsche der Hohen Pforte von den Lippen eines Unwürdigen entgegen, erhabener Freund des Sultans, königlicher Gast meines kaiserlichen Vetters, edler Khan der Tataren.«
Michel wurde ziemlich mulmig zumute. Alles hatte er erwartet; aber nicht ausgerechnet den Fürsten eines Volkes, dessen Reiterkunststücke auf der ganzen Welt berühmt waren.
Der Rejs Effendi, Achmed Serdar, hatte sicherlich alles auf eine Karte gesetzt, um durch ihn, Michel, die Bedeutung der Janitscharen in den Augen des Sultans herabzusetzen. Wenn es Michel gelang, diesen illustren Gast zufriedenzustellen, so verlieh er dem Artilleriekorps einen neuen Glanz, den zu trüben die Janitscharen nicht mehr imstande sein würden.
Michel riß seinen Berberhengst auf die Hinterhand und grüßte den Khan:
»Ich bin Abu Hanufa al Dinaweri, Kapudan der Spahis der Artillerie, und habe die Ehre, mit dir, o Fürst, jagen zu dürfen. Laß deine königliche Nachsicht über der Unfertigkeit deines Dieners walten.«
Als der Trompeter des Khans die Worte ins Tatarische übersetzt hatte, trat ein Zug der Enttäuschung auf des Fürsten Gesicht. Er hatte wahrscheinlich erwartet, Cheir Eddin zum Gegner zu bekommen.
Michel beschloß in diesem Augenblick, ihm ein Rennen zu liefern, woran der Khan noch lange denken sollte. Und wenn er, Michel, sich dabei das Genick bräche.
Der Khan winkte seinem Trompeter. Der setzte das Horn an die Lippen. Das Rennen begann. Michel lag mit seinem Hengst Dschesid nicht weit hinter dem Fürsten zurück. Der Trompeter, die Treiber und Horuk folgten dicht auf.Michel war noch nicht weit gekommen, als der erste Hirsch ihren Weg kreuzte. Das Tier war zu weit entfernt, um einen sicheren Schuß zuzulassen. Michel drückte Dschesid mit aller Kraft die Sporen in die Weichen, um dem Hirsch den Wechsel abzuschneiden. Das Pferd schoß wie ein Pfeil davon und ließ die Treiber weit hinter sich. Aber das Pony des Khans war noch schneller. Der Alte ritt jetzt wie der Teufel hinter dem Hirsch her. Michel konnte nicht folgen. Und da sah er auch schon, wie der andere das Gewehr hochriß und hörte das Krachen des Schusses. Einen Moment später verkündete das Horn des Trompeters den ersten Erfolg.
Der Khan war ein ausgezeichneter Reiter und Schütze. Michels sportlicher Ehrgeiz erwachte. Hassan Akef hatte zwar gesagt, daß die Hälfte der Ausbeute des Khans für ihn genügen würde; aber er wollte nun mehr erreichen. Der Rejs Effendi würde sicher nichts dagegen haben, und Cheir Eddin sollte Augen machen.
Michel setzte sich jetzt von seinen Begleitern ab. Er wollte nicht, daß man ihn beim Schießen beobachten konnte.
Es kam bei diesem Rennen nicht darauf an, daß er die gleiche Marschroute einhielt wie der Tatar, sondern daß er nicht zu wenig Tiere zum Ziel brachte. Schon wieder knallte es vor ihm, und die Trompete schmetterte.
Michel raste auf seinem Hengst über die Waldpfade. Niemand, auch Horuk nicht, war in der Lage, dicht an ihm zu bleiben. Da wechselten zwei Hirsche über den Pfad.
Michel riß die Villaverdische Muskete hoch, schoß und traf. Er wartete ein paar Sekunden mit dem zweiten Schuß, damit man annehmen konnte, er habe neu geladen, wenn auch in einer für die Türken unfaßbar kurzen Zeit. Dann drückte er wieder ab. Auch der zweite Schuß saß im Blatt.
Er stürmte weiter.
Hinter sich hörte er diesmal seine eigene Trompete. Sie schmetterte zwei Signale. Er sah und hörte nichts mehr. Immer wieder donnerte seine Büchse. Horuk schrie dem Trompeter zu, der neben ihm ritt:
»Mein Effendi ist ein Zauberer. Es ist unglaublich, wie schnell er im Jagdgalopp seine Büchse wieder lädt. Er scheint mich nicht zu brauchen«, setzte er betrübt hinzu.
Der Trompeter schüttelte erstaunt den Kopf, denn soeben waren kurz hintereinander wieder zwei Schüsse erklungen. Es war unfaßbar.
Michel rann der Schweiß in Strömen vom Gesicht. Die Sonne stieg höher und höher. Die Hitze wurde größer.
Seine nächste Beute war ein Leopard.
Kurz vor dem Schluß des Rennens, es war Mittag geworden, traf er auf ein ganzes Rudel Rehe. Er jagte — mit Pausen — Schuß auf Schuß hinaus.