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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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Plötzlich hielt er inne. Wie oft war das Horn des Khans erklungen? — Er wußte es nicht genau. Er stellte das Feuer ein. Seine Begleiter kamen heran. Der Kapudan mit der Trompete starrte fassungslos auf vier tote Rehe.

Die Treiber sammelten die Tiere ein und steckten sie in den riesigen Jagdsack.

»Bei Allah«, sagte Horuk aufgeregt, »du hast zehn Stück im ganzen erlegt. Das Horn des Gastes blies aber nur neunmal.«

»Schejtan«, murmelte Michel, »nimm eines von den Rehen und verstecke es.«In diesem Augenblick erklang die Trompete des Khans zum zehntenmal.

Michel atmete auf. So war es gut. Zehn für den Tataren und neun für ihn. Lange würde das Rennen nicht mehr währen. Die Sonne stand schon hoch im Zenit.

Da kam bereits aus weiter Ferne das Zeichen, daß die beiden Rivalen zum Startplatz zurückzukehren hatten. So erforderten es die Spielregeln.

Als die Reiter am Startplatz ankamen, fragte der Emir-el-Osman den Khan:

»War es ein schönes Rennen? Hat es dir Vergnügen bereitet, erhabener Herr?«

Der Khan gab einige kehlige Laute von sich, die der Trompeter übersetzte:

»Seine Majestät, der Khan der Tataren, sagt, daß es ein guter Wettkampf war.«

»Wir würden uns freuen, wenn uns der Erhabene das Ergebnis sehen ließe«, fuhr der Emir fort.

»Zehn Stück«, sagte der Dolmetscher.

»Es gibt keinen Gott außer Allah«, meinte der Vertreter des Sultans respektvoll, »er segnete deinen Arm und gab dir eine sichere Hand. Wir, deine Diener, können es kaum fassen.«

Der Khan hob die Hand und ließ seinen Dolmetscher sagen:

»Abu Hanufa Effendim, zeige dieser hochangesehenen Versammlung, daß deine Beute ebenso großartig ist.«

»Nicht ebenso«, wehrte Michel höflich ab. »Aber ich bin zufrieden. Und es wird mir stets zur Ehre gereichen, mit einem solchen Jäger um die Wette geritten zu sein.« »Wie viele Tiere hast du erlegt?« fragte der Emir-el-Osman.

Aller Augen richteten sich gespannt auf Michels Jagdsack. Horuk und der Trompeter der Artillerie entleerten ihn.

»Maschallah«, entfuhr es dem Emir, »neun Stück!« Doch dann faßte er sich und sagte: »Auch deine Hand wurde von Allah geführt, daß du die Jagd gegen einen so berühmten Jäger bestanden hast.«

Da mischte sich der Dolmetscher des Khans nochmals ins Gespräch.

»Seine Majestät läßt sagen, daß er es als eine Gnade Allahs betrachten würde, wenn er jemals wieder die Gelegenheit haben sollte, mit Abu Hanufa al Dinaweri zu jagen.«

Michel riß seinen Berber wieder auf die Hinterhand. Der Tataren-Khan erwiderte den Gruß durch ein leichtes Heben seiner rechten Hand. Dann ritten die Gäste davon.

»Die Jagd ist zu Ende«, sagte der Emir-el-Osman. »Gelobt sei Gott!« Er verließ ebenfalls das Stadion.

Bis zu diesem Augenblick hatte Michel nicht ein einzigesmal zu Cheir Eddin hingesehen. Aber jetzt konnte er ihn nicht länger ignorieren. Denn er kam auf Michel zugeritten, und die Anwesenden folgten ihm gespannt mit den Blicken. Man hätte eine Grille zirpen hören können. »Es sieht so aus, als ob ich die stinkenden Christen unterschätzt hätte«, sagte Eddin in lässigem Ton. »Meine Christensklavin zum Beispiel ist sehr brauchbar als Pferdebursche. Und du hast fast ebenso viele Tiere geschossen wie der Khan, Abu Hanufa. Allerhand.« Michel beschloß, eine abwartende Haltung einzunehmen.

»La ilaha ila' llah wa Mohammad rasul al-mahdi«, sagte er.»Der Khan wünschte, später noch einmal mit dir zu jagen. Er sagte allerdings auch, daß das eine ganz besondere Gnade Allahs wäre. Es mag sein, daß Allahs Wille anders ist.« »Du glaubst, ich könnte ihn nie mehr treffen?«

»Wer weiß, was im Buch des Schicksals verzeichnet steht? Der Khan kann vom Pferd fallen und sich den Hals brechen, was Allah verhüten möge. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre, so hat er lediglich den Wunsch ausgedrückt. Ein Wunsch aber ist kein Befehl. Und deshalb stehst du auch nicht länger in den persönlichen Diensten des Sultans. Niemand braucht also deshalb seine Ehre preiszugeben, damit du nochmals mit dem alten Mongolen jagen kannst.« Das war deutlich. Cheir Eddin hatte eine Rechnung mit Michel zu begleichen. Er ließ keinen Zweifel daran, daß er die Beleidigung von vorhin auf jeden Fall zu rächen gedachte. Wenn Michel bei der Jagd schlecht abgeschnitten hätte, hätte Cheir Eddin vielleicht nur die Nase gerümpft und keine Notiz mehr von ihm genommen. So aber lag die Sache anders. Michel hatte gezeigt, daß er ein ebenbürtiger Gegner war. Das Ansehen seiner Truppe und sein eigenes Selbstgefühl verlangten nach Genugtuung.

»Da sind wir der gleichen Meinung, Cheir Eddin«, antwortete Michel. »Vor dem Rennen hast du es trotz deines niedrigeren Ranges gewagt, mich mit Worten zu beleidigen. Das will ich entschuldigen; denn durch die persönlichen Dienste für den Sultan stehst du in hohen Ehren. Aber keine noch so große Ehrung macht die Beleidigung ungeschehen, die du mir zufügtest, indem du meine Sklavin angesprochen hast.« »Jeder Hund auf der Straße kann eine Unverschleierte anbellen«, sagte Michel scharf. Er hatte keine Lust mehr, diesem widerlichen Kerl Respekt zu erweisen.

»Du bist jetzt mehr als ein Hund«, Cheir Eddins Augen blitzten rauflustig, »sonst würde ich dir von meinem Sklaven die Bastonnade geben lassen. Aber so, wie die Sache jetzt steht...« Er holte plötzlich aus und schlug Michel die Reitpeitsche ins Gesicht. Michels Pferd machte in diesem Augenblick einen Schritt, und so wurde aus dem Schlag eigentlich nur ein Streifen des Gesichts.

Eigentlich hätte ihn Michel jetzt fordern müssen. Er tat es nicht. Der Herausforderer in einem Duell auf Leben und Tod war insofern im Nachteil, als der Geforderte das Recht hatte, die Kampfart und die Waffen zu bestimmen. Das konnte sich Michel nicht leisten, wenn er nicht zuviel aufs Spiel setzen wollte. Er dachte nicht daran, sein Leben wegen der Wut eines mißgünstigen Paschas wegzuwerfen. Nein, wenn schon ein Duell, dann mußte Michel der Geforderte sein.

Hatte Cheir Eddin mit der Reitpeitsche geschlagen, so sollte er es mit annähernd gleicher Münze heimgezahlt bekommen. Michels Hengst machte einen Satz nach vorn. Michel holte aus und schlug ihm die geballte Faust mit solcher Kraft ins Gesicht, daß Cheir Eddin sich nur mit Mühe im Sattel halten konnte.

Sein Zorn steigerte sich augenblicklich zu offener, unbeherrschter Wut. Er riß seinen Krummsäbel aus der Scheide und drang auf Michel ein.

»Steck den Säbel wieder ein«, donnerte die tiefe Stimme des Janitscharen Agassi. »Siehst du nicht, daß Hanufa Kapudan unbewaffnet ist?«

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