Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Die Frau Gouverneur drückte ihm dankbar den Arm.
»Aber kennen Sie meine Kusine Sonja? Ich liebe sie; ich habe ihr versprochen, sie zu heiraten, und werde sie heiraten … Also sehen Sie, daß von jener andern Sache nicht die Rede sein kann«, sagte Nikolai stockend und errötend.
»Mein Lieber, mein Lieber, was sind das für Gedanken! Sonja hat ja doch nichts, und du hast selbst gesagt, daß die Vermögensverhältnisse deines Vaters in üblem Zustand sind. Und deine Mama? Das würde ihr Tod sein. Das ist das eine; und zweitens Sonja selbst: wenn sie wirklich ein Mädchen ist, das ein gutes Herz hat, was würde denn das für sie für ein Leben sein? Die Mutter in Verzweiflung, die materielle Lage hoffnungslos … Nein, mein Lieber, das müßt ihr beide einsehen, du und Sonja.«
Nikolai schwieg. Er hörte diese Gründe nicht ungern.
»Aber trotz alledem kann nichts daraus werden, liebe Tante«, sagte er nach kurzem Stillschweigen mit einem Seufzer. »Und ob auch die Prinzessin mich nehmen wird? Sie hat ja jetzt auch Trauer. Da ist wohl nicht daran zu denken!«
»Aber meinst du denn, daß ich deine Heirat für die allernächste Zeit in Aussicht genommen habe? Es muß alles seine Art haben«, sagte die Frau Gouverneur.
»Was sind Sie für eine eifrige Ehestifterin, liebe Tante«, sagte Nikolai und küßte ihr das rundliche Händchen.
VI
Als Prinzessin Marja nach ihrer Begegnung mit Rostow nach Moskau gekommen war, hatte sie dort ihren Neffen mit seinem Erzieher und einen Brief vom Fürsten Andrei vorgefunden, der ihnen empfahl, nach Woronesch zur Tante Malwinzewa zu ziehen. Die Sorgen wegen des Umzuges, die Unruhe über den Bruder, die Gestaltung ihres Lebens in dem neuen Wohnsitz, die neuen Gesichter, die sie um sich sah, die Erziehung ihres Neffen, alles dies übertäubte in der Seele der Prinzessin Marja jenes ihr als Versuchung erscheinende Gefühl, von dem sie während der Krankheit ihres Vaters und nach dessen Tod und ganz besonders nach der Begegnung mit Rostow gepeinigt worden war. Sie war traurig: der Schmerz, den der Verlust ihres Vaters in ihrer Seele hervorgerufen hatte und zu dem sich noch der Kummer über das Unglück Rußlands gesellte, machte sich jetzt, wo sie seitdem einen Monat in ruhigen Lebensverhältnissen verbracht hatte, immer stärker bei ihr fühlbar. Sie war in Angst: der Gedanke an die Gefahren, denen ihr Bruder ausgesetzt war, der einzige ihr nahestehende Mensch, der ihr noch geblieben war, quälte sie beständig. Sie sorgte und mühte sich mit der Erziehung ihres Neffen, für die es ihr nach ihrer sich stets erneuernden Überzeugung an der nötigen Befähigung mangelte. Aber im tiefsten Grunde ihres Herzens hatte sie doch ein Gefühl des Friedens mit sich selbst, ein Gefühl, das aus dem Bewußtsein entsprang, daß sie jene persönlichen, mit Rostows Erscheinen verknüpften Träumereien und Hoffnungen erstickt hatte, die sich in ihrem Innern hatten erheben wollen.
Am Tage nach ihrer Abendgesellschaft machte die Frau Gouverneur bei Frau Malwinzewa einen Besuch und besprach ihre Pläne mit der Tante, indem sie hinzufügte, an eine formelle Verlobung sei ja zwar unter den jetzigen Verhältnissen nicht zu denken; immerhin könne man jedoch die jungen Leute zusammenführen und ihnen Gelegenheit geben, einander näher kennenzulernen. Und als sie die Zustimmung der Tante erlangt hatte, brachte sie in Gegenwart der Prinzessin Marja das Gespräch auf Rostow, lobte ihn und erzählte, wie er bei Erwähnung der Prinzessin ganz rot geworden sei. Prinzessin Marja hatte hierbei nicht sowohl eine freudige als vielmehr eine schmerzliche Empfindung: mit ihrem inneren Frieden war es aus, und wieder regten sich Wünsche, Zweifel, Selbstvorwürfe und Hoffnungen.
In den zwei Tagen, die von dieser Mitteilung bis zu Rostows Besuch vergingen, dachte Prinzessin Marja unaufhörlich darüber nach, wie sie sich Rostow gegenüber verhalten solle. Bald entschied sie sich dafür, wenn er der Tante seinen Besuch machen würde, nicht in den Salon zu gehen, weil es bei ihrer tiefen Trauer für sie nicht passend sei, Besuch zu empfangen; bald wieder dachte sie, dies könnte doch nach allem, was er für sie getan hatte, unartig erscheinen. Dann kam ihr der Gedanke, ihre Tante und die Frau Gouverneur hätten wohl gewisse Absichten in bezug auf sie und Rostow, wie ihr denn die Blicke und Worte der beiden Damen mitunter diese Vermutung zu bestätigen schienen; und dann wieder meinte sie, daß nur sie in ihrer Schlechtigkeit so etwas von den beiden denken könne: sie müßten sich ja notwendig sagen, daß in ihrer Lage, wo sie die Trauerpleureusen noch nicht abgelegt habe, eine solche Werbung sowohl für sie als auch für das Andenken ihres Vaters beleidigend sei. Indem sie den Fall setzte, daß sie zu ihm in den Salon gehen werde, überlegte sie die Worte, die er ihr und sie ihm sagen werde; und bald erschienen ihr diese Worte zu kalt im Hinblick auf ihr beiderseitiges Verhältnis, bald gar zu vielsagend. Eines aber fürchtete sie bei dem Wiedersehen am allermeisten: nämlich daß sie, sobald sie ihn erblicken würde, verlegen werden und dadurch ihre Gefühle verraten werde.
Aber als am Sonntag nach der Messe der Diener im Salon meldete, Graf Rostow sei gekommen, war der Prinzessin keine Verlegenheit anzumerken; nur eine leichte Röte trat auf ihre Wangen, und ihre Augen leuchteten in einem neuen, hellen Glanz.
»Sie haben ihn schon gesehen, liebe Tante?« fragte Prinzessin Marja in ruhigem Ton und wußte selbst nicht, wie sie es fertigbrachte, äußerlich so ruhig und ungezwungen zu sein.
Als Rostow ins Zimmer trat, senkte die Prinzessin für einen Augenblick den Kopf, als wollte sie dem Gast Zeit lassen, die Tante zu begrüßen; dann hob sie gerade in dem Augenblick, als Rostow sich zu ihr wandte, den Kopf wieder in die Höhe und begegnete mit leuchtenden Augen seinem Blick. Mit einer ebenso würdevollen wie anmutigen Bewegung erhob sie sich freudig lächelnd ein wenig von ihrem Platz, streckte ihm ihre schmale, zarte Hand entgegen und sagte einige Worte mit einer Stimme, in der zum erstenmal neue, frauenhafte, aus dem Innern kommende Töne erklangen. Mademoiselle Bourienne, die im Salon anwesend war, sah die Prinzessin Marja mit verständnislosem Staunen an. Obwohl sie die geschickteste Kokette war, hätte selbst sie bei der Begegnung mit einem Mann, dem sie hätte gefallen wollen, nichts besser machen können.
»Entweder steht Schwarz ihr besonders gut, oder sie ist wirklich, ohne daß ich es bemerkt habe, soviel hübscher geworden. Und was die Hauptsache ist: dieser Takt und diese Anmut«, dachte Mademoiselle Bourienne.
Wäre Prinzessin Marja in diesem Augenblick imstande gewesen zu denken, so hätte sie sich noch mehr als Mademoiselle Bourienne über die Veränderung gewundert, die mit ihr vorgegangen war.
In dem Augenblick, wo sie dieses angenehme, geliebte Gesicht wieder erblickt hatte, war eine Art von neuer Lebenskraft in ihr erwachsen und trieb sie, ohne daß ihr eigener Wille dabei in Frage gekommen wäre, zu reden und zu handeln. Ihr Gesicht war von dem Moment an, wo Rostow eingetreten war, auf einmal wie verwandelt. Wie an den gravierten, buntbemalten Seitenflächen einer Laterne die komplizierte, feine, kunstvolle Arbeit, die vorher grob, dunkel und sinnlos erschien, plötzlich in ungeahnter, überraschender Schönheit sichtbar wird, sobald man innen das Licht anzündet: so verwandelte sich auf einmal das Gesicht der Prinzessin Marja. Zum erstenmal machte sich all jene rein geistige, innerliche Arbeit, mit der sie bisher ihr Leben ausgefüllt hatte, nach außen hin bemerkbar. All ihre innerliche, sich selbst nie genügende Arbeit, ihre Leiden, ihr Streben nach dem Guten, ihre Demut, ihre Liebe, ihre Selbstaufopferung, alles dies leuchtete jetzt in diesen glänzenden Augen, in diesem leisen Lächeln, in jedem Zug ihres zarten Gesichtes.