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Das Haus der verlorenen Herzen

Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:

In Sonne, Wind und Wellen will der deutsche Herzchirurg Dr. Heinz Volkmar einen erholsamen Urlaub am Mittelmeer verbringen. Doch alles kommt anders: Von Sardinien nach Sizilien entführt, muß der Arzt erkennen, daß er einem jener berüchtigten Mafia-Bosse in die Hände gefallen ist, die dort ihr geheimes Schreckensregiment ausüben.
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
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Kapitel 10

Anna hatte mit dem Taxi die Halbinsel Zafferano erreicht und stand stumm vor Staunen vor dem riesigen Komplex, der eine Villa sein sollte, die ein einzelner Mann bewohnte.

«Hier ist es!«sagte der Taxifahrer.»Wer bezahlt? Die da drinnen oder du?«

«Ich.«

Sie holte aus dem Brotbeutel die Lire-Scheine und gab sie dem Fahrer. Aber sie rechnete genau ab, gab keinen Lire Trinkgeld. Der Chauffeur hatte das auch nicht erwartet — er hatte seine Prozente schon im Preis einkalkuliert.

Anna stieg aus, stellte die Reisetasche vor ihre Füße und hängte sich den Brotbeutel mit dem kleinen Vermögen wieder um den Hals. Das Taxi wendete und fuhr zurück nach Palermo. Hausmädchen, die eine neue Stelle antreten, sind keine begehrten Kunden.

Anna betrachtete das riesige Gittertor aus wertvollem Schmiedeeisen, die lange, hohe Mauer, die Ruinen gleich nebenan, das Meer und den Strand und legte beide Hände flach gegen den Brotbeutel. Sie spürte das Messer und war ganz ruhig. Dann drückte sie auf den Klingelknopf und schrak zusammen, als neben ihr aus der Mauer eine Stimme tönte. Was wußte sie von Haussprechanlagen?

«Sie wünschen?«fragte die Stimme. Es war ein Mann, der sprach. Anna nahm an, daß er sie durch irgendwelche Tricks auch sehen konnte, und machte einen artigen Knicks. Ihre Vermutung war gar nicht so abwegig, denn nicht nur die Einfahrt zur Villa, auch die Mauer wurde an vielen Stellen von Fernsehkameras überwacht.

«Ich bin das neue Hausmädchen«, sagte sie und starrte auf das Metallgitter, hinter dem die Stimme hervorkam.»Ich soll mich heute hier melden.«

Der unsichtbare Mann schien zu überlegen, oder er war einfach nur ratlos. Von der Einstellung eines neuen Mädchens hatte er nichts gehört. Andererseits war es bekannt, daß Don Eugenio Handlungen beging, die man hinnehmen mußte, ohne zu fragen. Auf jeden Fall war es nicht alltäglich, daß ein Mädchen mit Reisegepäck, dazu noch ein Mädchen vom Land, wie unschwer zu hören war, sich als neue Angestellte meldete. Es mußte also stimmen. Vielleicht wußte Worthlow darüber Bescheid — bei ihm liefen alle >domestikischen< Dinge (wie er es nannte) zusammen.

Im großen Gittertor summte es, und Anna ahnte, daß sie es nun aufdrücken und in dieses geheimnisvolle Reich eintreten konnte. Sie nahm ihre Reisetasche, sagte zu dem Gitter in der Mauer:»Danke,

Signore!«und betrat die breite Auffahrt zum Hauptgebäude. Es schimmerte in der Ferne zwischen Blütenbüschen und Palmenhainen, Pinien und schlanken, dunkelgrünen Säulenzypressen.

Als das große Tor hinter ihr zufiel, schrak sie zusammen, und eine ihr fremde Beklemmung legte sich um ihr Herz.

Hier also lebt Enrico jetzt, dachte sie. Wie ein König! Und ich komme daher wie eine Schweinemagd. Und dort in dem Palast lebt auch der Mann, der Luigi aufgeschlitzt hat! Es ist gar nicht so sicher, daß ich hier wieder rauskomme.

Sie bekreuzigte sich und ging die Auffahrt hinauf bis zu dem Säulenvorbau, hinter dem die Eingangshalle lag.

Es war bezeichnend für Dr. Sorianos Lebensstil, daß niemand Anna fragte, was sie eigentlich hier wolle. Wie dem Mann, der das Tor bewachte, so erging es auch der Hausdame, der das weibliche Personal unterstand: Sie nahm an, daß Anna über die Anwaltszentrale in Palermo engagiert worden war. Es gab nur eine kurze Unterhaltung.

«Wo kommst du her?«

«Aus Sardinien, Signora. «Anna sagte es unterwürfig, mit gesenktem Blick.

«Wer hat dich engagiert?«

«Ein Mann. Wie er heißt, weiß ich nicht. Er sagte, Don Eugenio suche ein tüchtiges Mädchen.«

«In Sardinien?«

«Ich habe mich auch gewundert, Signora. Aber er gab mir das Fahrgeld, die Adresse und den genauen Antrittstermin. Heute sollte ich anfangen. Und hier bin ich.«

Das genügte. Erstens der Name Don Eugenio. Wenn der Mann den genannt hatte und nicht Dr. Soriano, dann war das eine Art Legitimation. Dann Fahrgeld, Adresse, Datum. Worthlow wußte bestimmt mehr.

Man zeigte Anna ihre Kammer, die ihr wie ein Palastzimmer vorkam im Vergleich zu ihrem Felsenhaus in den Bergen von Gen-nargentu. Nur das Löwengebrüll störte sie. Das Gesindehaus lag mit einer Mauer zum Löwenhof hin, und wenn es auch nach dort hinaus keine Fenster gab, das Brüllen hörte man auch durch die Wand.

Sie bekam ihre Dienstkleidung, eine Art Uniform mit kurzem, plissiertem Rock und blauer Bluse. Der Rock war schneeweiß. Dergleichen hatte Anna bisher immer für ein Festkleid gehalten, nicht für eine Arbeitstracht.

«Du wirst zunächst als Dritte Zofe bei der Signorina eingesetzt«, sagte die Hausdame, nachdem Anna gebadet und sich eingekleidet hatte. Sie sah adrett aus. Ihre vollen Brüste spannten die Bluse, ihre braunen, schlanken Beine und das runde, pralle Gesäß unter dem kurzen Plisseerock bewiesen, daß auch in den wilden Bergen Sardiniens besonders schöne Blumen gedeihen können.

Die Hausdame hielt es deshalb für nötig, sie zu belehren:

«Das ist ein sittenstrenges Haus, Anna!«sagte sie.»Ein frommes Haus, in das sogar der Bischof zum Essen kommt. Du bist hübsch! Aber wenn du hier herumhurst, fliegst du sofort!«

«Bestimmt nicht, Signora.«, sagte Anna verschämt. Sie spielte sehr gut.

«Melde mir sofort, wenn einer der Burschen dich anfaßt!«

«Sofort, Signora.«

«Hast du einen Geliebten?«

«Ich bin noch jungfräulich, Signora.«

Die Hausdame nickte und gab keinen Kommentar dazu. So etwas ist anscheinend nur noch in sardischen Bergen möglich, dachte sie. Eine echte Jungfrau, in diesem Haus! Es war ein guter Gedanke gewesen, sie als Dritte Zofe für Signorina Loretta einzusetzen. Dort war sie sicher.

Am Abend traf Worthlow mit Anna zusammen. Er beachtete sie gar nicht. Zwar stellte er fest, daß dieses Mädchen neu im Hause war, aber weibliches Personal ging nur die Hausdame an. Auch Loretta fragte nicht, als sich Anna bei ihr vorstellte und die Schönheit der Signorina bewunderte wie eine Himmelserscheinung. Später, als Loretta im großen Speisesaal Mittelpunkt einer Gesellschaft war, saß Anna in dem großen Ankleidezimmer, hatte alle Schrän-ke geöffnet und musterte die Unzahl der Kleider und Abendkleider. Wie kann man so reich sein! Wie kann man soviel Prunk bezahlen? Wie kann ein Mann allein soviel Geld verdienen?

Sie dachte an die Bergbauern auf Sardinien, an die Hirten und Kleinhandwerker, die Händler und Tagelöhner. An die Welt, in der sie aufgewachsen war und die sie nie verlassen hätte, wenn nicht ein Mann gekommen wäre, der Luigis Körper aufschlitzte.

Der Mann!

Sie schlich sich aus dem Zimmertrakt Lorettas und versuchte, einen Blick in den Speisesaal zu werfen. Sie hörte Gelächter. Livrierte Diener eilten mit silbernen Tabletts hinein und heraus. Worthlow kommandierte seine Garde wie ein Feldherr und sah Anna erstaunt an. Da rannte sie wieder weg, hinaus in den Park, und drückte das Gesicht gegen die Scheibe einer der großen Glastüren.

Funkelndes Geschmeide, Abendkleider, nackte Rücken, halb verhüllte Busen, weiße Smokings, sogar ein paar Fräcke, gleißendes Licht aus venezianischen Kristalleuchtern, schimmernde Seidentapeten, Marmorverkleidungen, blitzender Mosaikboden im altrömischen Stil, ein langes Buffet mit kunstvollen Aufbauten aus eßbaren Dingen, die Anna noch nie gesehen hatte. Und dann erkannte sie Enrico.

In einem weißen Smoking stand er neben der Signorina Loretta, trank ein Glas Champagner und lachte. Er war braun gebrannt und so männlich schön, daß Annas Atem schneller ging.

Er ist da, dachte sie. Ich bin doch im richtigen Haus. Wenn Enrico hier ist, dann ist hier auch der Mann, der Luigi aufgeschlitzt hat. Freue dich, Luigi. Gesegnet sei dein Steingrab hinter unserer Hütte. Du kannst gerächt werden.

In den folgenden Tagen tat Anna ihre Arbeit still, bescheiden, fleißig und demütig. Loretta war mit ihr zufrieden, sie bemerkte Anna kaum, so lautlos war sie.

Aber immer, wenn Loretta sie nicht mehr brauchte, war sie auf der Jagd nach einer Möglichkeit, Dr. Volkmar zu sehen oder gar ihn zu treffen. Sie hatte nach zwei Tagen entdeckt, daß man von einem Flachdach des Flügels, in dem der große Saal lag, ungehindert in den Park, zum Swimming-pool und zum Tennisplatz blicken konnte. Hier lag Anna in jeder freien Minute hinter Blumenkübeln oder Steinstatuetten, gegen die stechende Sonne ein Tuch über dem Kopf, und starrte hinunter zu Enrico, sah, wie er schwamm, wie er Loretta auf dem Tennisplatz besiegte, wie er mit Dr. Soriano auf der Terrasse diskutierte, wie Besucher mit ihm sprachen oder wie er mit Loretta nach Stereomusik tanzte. Es sah alles wunderschön aus, aber Anna tat es im Herzen weh.

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