Das Haus der verlorenen Herzen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Das Haus der verlorenen Herzen». Краткое содержание книги:
Mit den raffiniertesten Mitteln wird Dr. Volkmar die Flucht unmöglich gemacht; er verliert seine Identität und gilt zu Hause in München als tot. Denn Dr. Eugenio Soriano, sein immer höflicher Entführer, braucht seine Dienste. Doch welcher Art die sind, begreift Dr. Volkmar erst ganz allmählich…
In einen goldenen Käfig eingesperrt, leidenschaftlich in Sorianos Tochter, die schöne Loretta, verliebt, wehrt sich Dr. Volkmar mit allen Kräften dagegen, an einem abscheulichen Verbrechen mitschuldig zu werden. Denn Soriano, der in Palermo als Menschenfreund gilt, benötigt die ärztliche Kunst seines Gefangenen, um sich und die >Ehrenwerte Gesellschaft auf grauenvolle Weise zu bereichern.
«Dann war Al Sacco auch ein — Futtermittel?«fragte Volkmar heiser.
«Al Sacco stammte aus der Gegend, wo Don Eugenio geboren wurde. Aus einem Nachbardorf. In den USA kam er nie nach oben und dachte, er könnte seine Kenntnisse gut verkaufen. Es ist Irrsinn, Sir, anzunehmen, jemand könne Don Eugenio aus der Ruhe bringen oder zu irgend etwas zwingen. Seitdem heißt der Löwe Al Sacco.«
«Wann wird es einen Löwen Ettore Monteleone oder Heinz Volkmar geben?«
«Nie, Sir. «Worthlow nahm Volkmar das leere Glas aus der Hand, so wie man ein zerbrechliches Spielzeug entfernt.»Don Eugenio stuft Lebensberechtigungen nach der Wichtigkeit der Personen ein. Sie stehen auf einsamer Höhe!«
«Um so tiefer ist der Sturz. «Volkmar holte das Kognakglas aus Worthlows Hand zurück und schenkte aus der vor ihm stehenden Flasche noch einmal ein.»Und von all dem soll Loretta nichts wissen?! Wirklich nichts?«
«Als die Dinge mit Jimmy, Al Sacco und andere Bereinigungen — nennen wir es so — stattfanden, lebte sie bei den frommen Schwe-stern im Klosterpensionat. Kam sie in den Ferien nach Hause, geschah nichts, was man vor ihr hätte verbergen müssen.«
«Aber jetzt, Worthlow — ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann, sie hat es mir gesagt —, jetzt hört sich manches ganz anders an. Sie spielt das Goldpüppchen nur noch! Sie weiß genau, wo sie lebt! Und da sie alles begreift, friert sie in der Sonne — wie ich!«Er trank seinen Kognak mit einem Kippzug aus.»Können Sie sich vorstellen, Worthlow, was passiert, wenn Dr. Soriano erkennt, daß seine Tochter ihn durchschaut?«
«Nein, Sir. Das ist nicht ausdenkbar.«
«Wie kann ein Mann von solchem Intelligenzgrad wie Dr. Soriano so engstirnig sein zu glauben, seine Tochter werde immer das in Watte gepackte Hätschelkind bleiben! Das ist doch psychologisch gar nicht zu begreifen!«
«So geht es doch vielen Vätern, Sir. Sie als Arzt müßten das doch wissen. Warum schaffen dynamische Männer ganze Industrie-Imperien und sind doch blind für das, was in der eigenen Familie vor sich geht?«
«Weil sie irrtümlicherweise annehmen, daß sie der geheiligte Mittelpunkt der Familie sind, dem nur Verehrung und Bewunderung gebührt. Das berühmte Beispiel aus dem alten Rom!«
«Da haben Sie die Erklärung, Sir.«
«Aber Dr. Soriano ist Realist. Im wahrsten Sinne des Wortes: >Blu-tiger Realist<!«
«Das schließt partielle Blindheit nicht aus, Sir.«
Worthlow griff nach einem Glas, schenkte sich ebenfalls Kognak ein, deutete eine Verbeugung an, sagte:»Gestatten Sie, Sir!«und trank das Glas aus. Damit war eine Vertraulichkeit erreicht, die Volkmar als wohltuend und stärkend empfand.
«Vor meinem Eintritt bei Don Eugenio war ich drei Jahre Butler in der Britischen Botschaft in Moskau!«sagte Worthlow mit seiner unbewegten Miene.»Dann kam der Krieg, und irgendwie wurde auch ich durch ihn entwurzelt. Aber in Rußland habe ich ein Sprichwort gelernt, das hier an diesem Platz wieder aktuell wird: >Töte einen
Vater durch seine Tochter.< Eine Kriegsweisheit, Sir.«
«Ich werde sie mir ins Herz schreiben, Worthlow. Was raten Sie mir?«
«Ruhe, Sir. Abwarten.«
«Und operieren für eine Mafia-Klinik! Forschen für einen der teuflischsten Pläne, die je ein Menschenhirn erdacht hat. Wieso hat Dr. Soriano eigentlich keine Angst, mich seinen vielen Freunden als Dr. Monteleone vorzustellen?«
«Weil sie alle Angst vor Don Eugenio haben.«
«Und wenn ich bei einem Festessen die Wahrheit herausschreie?«
«Wird man sie überhören. Man wird niemals darüber sprechen. Jeder von uns hängt verzweifelt am Leben, auch wenn er so tut, als mache es ihm nichts aus, es heldenhaft zu opfern. Es gibt keine dümmere Illusion, als sich einzureden, man habe vor dem Tod keine Angst. Das ganze Trachten der Menschheit ist es doch seit Jahrtausenden, das Leben zu verlängern. Mit Pulvern, Pillen, Säften, Spritzen, mit Diät, Hormonen und Frischzellen. Länger leben! Wenn es möglich wäre: unsterblich werden! Was bedeutet da der Aufschrei eines Mannes, der behauptet, er heiße nicht Monteleone, sondern Volkmar und sei ein Gefangener der Mafia, der Herzen transplantieren muß?! Man vergißt ihn sofort! Man hat so etwas nie gehört! Nein, Sir — uns muß da etwas anderes einfallen.«
«Uns, Worthlow?«Sie stießen mit den Kognakgläsern an.»Sie williger Schatten seines Herren?!«
«Ich habe mitgeholfen, Miß Loretta großzuziehen. «Worthlow trank sein Glas leer und räumte es dann auf einem Silbertablett formvollendet weg.»Sie lieben Loretta — den Menschen Loretta, nicht die Tochter Don Eugenios. Wenn ich Loretta gegenüber versteckte väterliche Gefühle empfinde, dann Sir, erlauben Sie mir, daß ich ab heute auch Sie darin einbeziehe.«
Es war das zweite Mal an diesem Abend, daß Volkmar in sich die Kraft verspürte, alles, was noch kommen würde, durchzustehen.
Der Sarg mit den Überresten des Hafenarbeiters Sergio Rappallo, der nun amtlich Dr. Heinz Volkmar hieß, wurde auf einem Lastwagen nach Cagliari gebracht. Der einzige Leichenwagen von Cabras war an diesem Tage besetzt mit einer verstorbenen Witwe, und das Sargauto von Oristano, der nächsten größeren Stadt, hatte einen Achsenschaden und stand in der Werkstatt. Zum Glück starb niemand in Oristano oder wartete auf sein Begräbnis.
So mietete man ein Lastauto, das sonst Zementsäcke transportierte. Den Toten in seinem Zinksarg berührte das nicht mehr. Nur Dr. Angela Blüthgen empfand diesen Transport als entwürdigend. Sie sagte wörtlich:»Das ist eine Sauerei!«
Der Kommissar gab ihr recht, aber zu ändern war es nicht mehr. Außerdem sehen Zementsäcke immer noch schöner aus als das, was da im Sarg lag. Doch diese Entschuldigung unterließ er aus südländischer Höflichkeit gegenüber der vom Schicksal geprüften Signora.
Die Staatsanwaltschaft forderte unterdessen bei dem Zahnarzt Dr. Weissner in München ein Foto und eine genaue Beschreibung des Gebisses von Dr. Volkmar an. Auf dem Wege der Amtshilfe wollte das Polizeipräsidium München ein Funkbild nach Cagliari schik-ken. Solange blieb Sergio Rappallo in seinem Zinksarg liegen, allerdings in Sardiniens Hauptstadt würdiger aufgebahrt als in dem Nest Cabras. Man stellte den Sarg in eine Seitennische der Kirche Santa Michaela, wozu eine Sondergenehmigung der Staatsanwaltschaft nötig war, denn solange ein rätselhafter Toter noch nicht freigegeben ist, gehört er zu den >Asservaten<, die man unter Verschluß halten muß und die man, strenggenommen, im Gerichtsmedizinischen Institut verwahren müßte. Das aber wollte man der schönen Angela Blüthgen nach all den grausamen Erlebnissen nun doch nicht antun.
Der Leichnam Dr. Volkmars — der Name stand auf einem kleinen Plastikschildchen am unteren Teil des Sarges — wurde flankiert von Lorbeerbäumen in grünlackierten Kübeln, rechts und links von seinem Kopf standen zwei gußeiserne Leuchter mit je sieben langen
Kerzen, die der Mesner immer ansteckte, wenn Besuch erschien. Nicht nur bei Angela, sondern auch, wenn der Staatsanwalt oder die Polizei nach Santa Michaela kamen. Die Beamten fanden das sehr übertrieben, aber sie stellten ihre Bemerkungen ein, als sie erfuhren, daß Dr. Blüthgen der Kirche eine Stiftung in beträchtlicher Höhe gemacht hatte, damit sie Dr. Volkmar würdig aufbahren konnte.
Was im Polizeipräsidium nicht freudig vermerkt wurde, war die immer wiederkehrende Behauptung Angelas, sie könne sich das Ertrinken von Dr. Volkmar nicht erklären. Die Tatsachen waren zwingend: Man hatte den Toten geborgen, er trug die Badehose, hatte den Ring am Finger und das Gebiß würde auch stimmen — dessen war man sicher. Was wollte man also noch mehr an Beweisen? Fingerabdrücke von Dr. Volkmar gab es nicht — er hatte mit der Polizei noch nichts zu tun gehabt. Außerdem waren die Fingerkuppen durch Salzwasser und Abschabungen zerstört. Doch was nutzten alle diese Hinweise! Dr. Volkmar blieb im Geschäftsbereich der Mordkommission von Cagliari. Man war darüber sehr unglücklich, hatte nur vermehrte Arbeit, die man als sinnlos betrachtete, und grübelte darüber nach, wie man Dr. Angela Blüthgen erklären könne, daß niemand, aber auch wirklich niemand ein Interesse daran gehabt haben konnte, den lieben Feriengast aus Deutschland im Meer zu ersäufen. Jeder Mord hat ein Motiv, und wenn es die Rache eines Tierliebhabers ist, dem jemand seinen Hund überfahren hat — das war ein berühmter Fall in Cagliari gewesen! — Aber Dr. Volkmar hatte weder einen Hund bei sich gehabt, noch hatte es sich um Raubmord gehandelt, denn im Zelt fand man ja sein ganzes Reisegeld.