Der Borowski-Betrug
- Автор: Ладлэм Роберт
- Язык: немецкий
- Переводчик: Heinz Nagel
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Der Borowski-Betrug». Краткое содержание книги:
«Er schrieb, er würde Sie irgendwann in den nächsten Tagen am Flughafen abholen. Sie sollten ihm besser telegrafieren.«
«Ja, ich weiß.«
Über ihre Abreise hatten sie bewußt nicht gesprochen, als wollten sie sich glauben machen, daß die Trennung in weiter Ferne läge. Marie hatte gesagt, sie wolle ihm helfen; er hatte akzeptiert, in der Annahme, sie würde von falscher
Dankbarkeit dazu getrieben, ein oder zwei Tage bei ihm zu
bleiben. Mehr erwartete er nicht. Alles andere war undenkbar.
Je länger sie miteinander sprachen oder sich schweigend
anblickten, desto wohler begannen sie sich zu fühlen.
Gelegentlich verspürten sie das Verlangen, den anderen zu berühren, und sie begriffen beide und zogen sich zurück. Alles andere war undenkbar.
Und so redeten sie immer wieder über die Ereignisse der Vergangenheit, die voller Brutalität und Schrecken gewesen waren und Marie St. Jacques aus ihrer heilen, geordneten Welt gerissen hatten. Das war zugleich aber auch eine Herausforderung für ihren ordnenden, analytischen Geist, der danach drängte, die Rätsel dieses Mannes, der sein Gedächtnis verloren hatte, zu ergründen. Ihr Suchen und Tasten wurde immer unnachgiebiger, ebenso eindringlich, wie Geoffrey Washburn auf der Ile de Port Noir seinen Patienten befragt hatte. Sie hatte jedoch nicht die Geduld des Arztes; denn sie hatte dafür keine Zeit; das wußte sie, und das trieb sie an den Rand der Hysterie.
«Wenn Sie die Zeitungen lesen, was fällt Ihnen dann auf?«
«Das Durcheinander, das Chaos. Aber das scheint überall das gleiche zu sein.«
«Seien Sie ernst. Was ist Ihnen vertraut?«
«Fast alles, aber ich kann Ihnen nicht sagen, weshalb.«
«Nennen Sie ein Beispiel.«
«Heute morgen habe ich eine Meldung über amerikanische Waffenlieferungen an Griechenland gelesen und von der anschließenden Debatte in den Vereinten Nationen; die Sowjets legten Protest ein. Ich verstehe, was das bedeutet, die machtpolitische Auseinandersetzung im Mittelmeer, die Folgen der Ereignisse im Mittleren Osten.«
«Noch ein Beispiel.«
«In einem anderen Artikel wurde davon berichtet, daß die Bonner Regierung in Ost-Berlin Protest eingelegt hat, weil die DDR den Interzonenverkehr behindert hat. Ostblock — westliche Allianz: ich begriff erneut.«
«Sie verstehen die politischen Zusammenhänge, nicht wahr?«
«Oder ich bin ganz einfach über die gegenwärtige Weltlage gut informiert. Ich glaube nicht, daß ich jemals Diplomat war. Das hohe Guthaben auf der Gemeinschaftsbank schließt eigentlich eine Beamtentätigkeit aus.«
«Das ist allerdings richtig. Immerhin sind Sie politisch auf dem laufenden. Wie ist es mit den Landkarten, die ich Ihnen auf Ihren Wunsch hin besorgt habe? Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie sie sich anschauen?«
«In manchen Fällen lösen Namen von Hotels oder Straßen Bilder aus, so wie in Zürich. Manchmal tauchen auch Gesichter auf, aber nie Namen. Die Gesichter haben keine Namen.«
«Sie sind weit gereist.«
«Ja, ich denke schon.«
«Ich weiß, daß Sie viel gereist sind.«
«Also gut, dann bin ich eben gereist.«
«Wie sind Sie gereist? Mit dem Flugzeug oder per Auto? Genauer: Haben Sie Taxis benutzt, oder sind Sie selbst gefahren?«
«Beides, denke ich. Warum fragen Sie danach?«
«Nun, Flugzeuge würden bedeuten, daß Sie größere Entfernungen zurückgelegt haben. Hat man Sie abgeholt? Gibt es Gesichter auf Flughäfen oder in Hotels?«
«Straßen«, antwortete er unwillkürlich.
«Warum Straßen?«
«Ich weiß nicht. Gesichter sind mir in den Straßen begegnet… und an ruhigen Orten, finsteren Orten.«
«Waren das Restaurants oder Cafes?«
«Ja. Und Zimmer.«
«Hotelzimmer?«
«Ja.«
«Nicht Büros von irgendwelchen Firmen?«
«Manchmal. Aber eigentlich nur selten.«
«Also gut. Leute sind Ihnen begegnet. Männer? Frauen?«»Hauptsächlich Männer. Einige Frauen.«
«Worüber haben Sie geredet?«
«Keine Ahnung.«
«Versuchen Sie, sich zu erinnern.«
«Das kann ich nicht. Da sind keine Stimmen, keine Worte.«»Sie trafen sich mit Leuten; das bedeutet, daß Sie Verabredungen hatten. Wer hat die Termine für diese Treffen festgelegt? Jemand mußte das doch tun.«
«Telegramme. Telefongespräche.«
«Von wem? Von wo?«
«Ich weiß es nicht. Sie erreichten mich einfach.«
«In Hotels?«
«Ja. Meistens, denke ich.«
«Sie erzählten mir, der Empfangschef im >Carillon< hätte gesagt, Sie hätten Mitteilungen erhalten.«
«Dann wurden sie mir also ins Hotel geschickt.«
«Was verbinden Sie mit Seventy-One?«
«Treadstone.«
«Treadstone — das ist Ihre Firma, nicht wahr?«
«Das Wort hat keine weitere Bedeutung. Ich konnte den
Namen nirgendwo finden.«
«Konzentrieren Sie sich!«
«Tue ich ja. Er stand nicht im Telefonbuch. Ich habe in New York angerufen.«
«Sie halten den Namen für ungewöhnlich. Das ist er nicht.«
«Warum nicht?«
«Es könnte eine Abteilung sein oder eine Tochtergesellschaft, eine Firma, die man nur gegründet hat, um Einkäufe für eine Muttergesellschaft zu tätigen, deren Name den Preis in die Höhe treiben würde. So etwas geschieht jeden Tag.«
«Wen wollen Sie eigentlich überzeugen?«
«Sie. Es ist durchaus möglich, daß Sie der Beauftragte amerikanischer Geschäftsleute sind. Alles deutet darauf hin: die bereitgestellten Mittel, die vertrauliche Behandlung, die Ermächtigung durch einen Firmenbeauftragten, zu der es nie kam. Diese Fakten und Ihr offensichtliches Gespür für politische Veränderungen deuten darauf hin, daß Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Großaktionär oder Gesellschafter der Mutterfirma gearbeitet haben.«
«Sie reden schrecklich schnell.«
«Ich habe nichts gesagt, was nicht logisch ist.«
«Ihre Theorie kann nicht ganz stimmen.«
«Warum nicht?«
«Auf dem Konto sind keinerlei Entnahmen verbucht, nur Zugänge. Ich habe demnach nichts gekauft, sondern verkauft.«
«Das wissen Sie nicht; Sie können sich nicht erinnern. Man kann auch mit Termingeldern zahlen.«
«Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet.«
«Ein Finanzexperte, der sich im Steuerrecht auskennt, würde das wohl wissen. Und wo ist der andere Widerspruch?«
«Man versucht jemanden nicht zu töten, nur weil er etwas zu einem billigeren Preis einkauft.«
«Das passiert, wenn der Betreffende einen folgenschweren Fehler gemacht hat. Was ich Ihnen zu erklären versuche, ist, daß Sie nicht sein können, was Sie nicht sind!«
«Sie sind sich aber Ihrer Sache verdammt sicher.«
«Allerdings. Ich habe drei Tage mit Ihnen verbracht. Sie haben mir viel erzählt, und ich habe Ihnen aufmerksam zugehört. Ein schrecklicher Fehler ist begangen worden. Oder es handelt sich um irgendeine Verschwörung.«
«Was für eine Verschwörung? Und gegen wen oder was?«
«Das ist es, was Sie herausfinden müssen.«
«Danke.«
«Sagen Sie mir, was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Geld denken?«
Hören Sie auf! Tun Sie das nicht! Verstehen Sie denn nicht? Wenn ich an Geld denke, denke ich an Töten.
«Ich weiß nicht«, sagte er.»Ich bin müde, und möchte jetzt schlafen. Schicken Sie morgen Ihr Telegramm ab. Schreiben Sie Peter, daß Sie zurückkommen.«
Es war nach Mitternacht, am Anfang des vierten Tages, und der Schlaf wollte sich immer noch nicht einstellen. Borowski starrte zur Decke, auf das dunkle, glasierte Holz, das das Licht der Tischlampe auf der anderen Seite des Zimmers reflektierte. Das Licht blieb nachts eingeschaltet; Marie ließ es einfach brennen, ohne ihm weiter zu erklären, warum sie das tat.