Der Borowski-Betrug
- Автор: Ладлэм Роберт
- Язык: немецкий
- Переводчик: Heinz Nagel
- Жанр: Триллеры
Электронная книга - «Der Borowski-Betrug». Краткое содержание книги:
«Was soll das heißen?«
Sie wandte sich ab und ging zu dem Sessel zurück, drehte sich um und sah ihn an, während sie sich setzte.
«Daß ich Ihnen helfen will.«
«Jetzt warten Sie…«
«Bitte«, unterbrach sie ihn.»Bitte, stellen Sie mir keine Fragen. Sagen Sie eine Weile gar nichts.«
Buch II
Kapitel 10
Keiner von beiden wußte, wann es geschehen war. Anfänglich hatte jeder noch seine Zweifel, ob er seinen Gefühlen trauen sollte. Es gab keine Konflikte, die zu überwinden, keine Barrieren, die zu übersteigen waren. Stumme Blicke und Gesten genügten oft, um sich zu verständigen.
Im Zimmer des Dorfgasthofes wurde Borowski von Marie ebenso intensiv gepflegt und betreut, wie das im Krankenhaus der Fall gewesen wäre. Untertags kümmerte sie sich um verschiedene praktische Dinge wie Kleider, Mahlzeiten, Landkarten und Zeitungen. Den gestohlenen Wagen hatte sie zu dem 15 Kilometer entfernten Städtchen Reinach gefahren, wo sie ihn einfach abgestellt hatte, und war dann mit einem Taxi nach Lenzburg zurückgefahren. Wenn sie nicht bei ihm war, konzentrierte Borowski sich darauf, auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Irgend etwas in seiner vergessenen Vergangenheit lehrte ihn, daß seine Genesung von seiner Disziplin abhing. Es war nicht das erste Mal, daß er sich in einer solchen Lage befand… schon vor Port Noir hatte er Ähnliches erlebt.
Wenn sie zusammen waren, redeten sie miteinander, zuerst verlegen. Zwei Fremde, die das Schicksal zusammengeworfen hatte, tasteten sich vorsichtig ab. Zu Anfang kreiste das Gespräch fast immer um die schrecklichen Ereignisse, die sie gemeinsam erlebt hatten.
Doch allmählich erfuhr Jason mehr über die Frau, die sein Leben gerettet hatte. Er wollte nicht, daß sie ebensoviel über ihn wußte wie er selbst, er aber nichts über sie. Woher stammte sie? Warum gab eine attraktive Frau mit dunkelrotem Haar und einer Haut, die ganz offensichtlich häufig Wind und Wetter ausgesetzt gewesen war, vor, Doktor der Wirtschaftskunde zu sein?
«Weil sie das Leben auf der Farm leid war«, erwiderte Marie.
«Ohne Spaß? Sind Sie wirklich auf einer Farm groß geworden?«
«Nun, man muß wohl eher von einer kleinen Ranch
sprechen; klein im Vergleich mit den wirklich großen Farmen in Alberta.«
«Ihr Vater war also Rancher?«
Marie lachte.»Nein, eigentlich war er Buchhalter. Erst nach dem Krieg ist er Rancher geworden. Er war Pilot in der Royal Canadian Air Force. Wahrscheinlich kam ihm die Arbeit eines Buchhalters ein wenig langweilig vor, nachdem er so viel Himmel gesehen hatte.«
«Zu dem Schritt gehört aber ganz schön viel Mumm.«
«Mehr als Sie ahnen. Zuerst hat er fremdes Vieh auf Land, das ihm nicht gehörte, verkauft, ehe er die Ranch erwarb.«
«Ich glaube, ich könnte ihn mögen.«
«Das würden Sie auch.«
Sie hatte mit ihren Eltern und zwei Brüdern bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr in Calgary gelebt und war dann auf die McGill-Universität in Montreal gegangen. Dort hatte sich ihr Leben in eine Richtung entwickelt, wie sie es nie vorher geplant hatte. Sie, die vorher lieber hoch zu Roß über die Felder galoppierte, und an Schule und Paukerei keinerlei Interesse hatte, entdeckte plötzlich, wie aufregend es sein konnte, seinen Verstand zu gebrauchen.
«Früher hatte ich die Bücher als meine natürlichen Feinde angesehen, und plötzlich befand ich mich an einem Ort, umgeben von Leuten, die von ihnen besessen waren, und hatte selber mächtigen Spaß. Die ganze Zeit wurde geredet, Tag und Nacht, in den Seminaren, in überfüllten Lokalen beim Bier. Ich glaube, das viele Reden war es, das mich anzog. Klingt das einleuchtend für Sie?«
«Ich kann mich nicht an meine Studienzeit erinnern, aber ich kann es verstehen«, sagte Borowski.»Mir fällt das College nicht ein, aber ich bin ziemlich sicher, daß ich eines besucht habe. «Er lächelte.»Gespräche beim Bier hinterlassen ziemlich starke Eindrücke.«
Sie erwiderte sein Lächeln.»Was den Bierkonsum anbelangte, konnte ich gleich mit beeindruckenden Leistungen aufwarten. Ein junges Mädchen aus Calgary, das mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen und dauernd mit ihnen im Wettbewerb gelegen hatte, vertrug mehr Bier als viele Jungs auf der Universität von Montreal.«
«Man muß Ihnen das übelgenommen haben.«
«Nein, man hat mich nur beneidet.«
Marie St. Jacques war fasziniert von der neuen Welt. Bald reiste sie nur noch selten zu ihren Eltern. Anfänglich galt ihr Interesse der Geschichte, bis sie erkannte, daß historische Prozesse meist von wirtschaftlichen Kräften gesteuert werden. Sie sattelte um auf Volkswirtschaft, und nach fünfjährigem Studium absolvierte sie ihr Examen mit so hervorragenden Noten, daß sie ein Stipendium der kanadischen Regierung nach Oxford erhielt.
«Das war ein Tag, kann ich Ihnen sagen. Ich dachte, meinen Vater würde der Schlag treffen. Ob Sie es glauben oder nicht, er überließ sein wertvolles Vieh meinen Brüdern, um nach Osten zu fliegen und mir das Ganze auszureden.«
«Warum? Er war doch Buchhalter; und Sie wollten Ihren Doktor in Volkswirtschaft machen.«
«Machen Sie ja nicht den Fehler«, rief Marie aus.»Buchhalter und Volkswirtschaftler sind von Natur aus verfeindet. Die einen sehen die Bäume, die anderen den Wald. Und die Schlüsse, die sie aus ihren Beobachtungen ziehen, sind in der Regel grundverschieden. Außerdem ist mein Vater nicht einfach Kanadier, er ist Frankokanadier. Ich glaube, er sah in mir eine Verräterin an Versailles. Als ich ihm dann erklärte, daß das Stipendium mich dazu verpflichte, mindestens drei Jahre für die Regierung zu arbeiten, besänftigte ihn das ein wenig. Er meinte, ich könne >der Sache von innen heraus besser dienen. Vive Quebec libre! Vive la France!«
Sie lachten beide.
Die dreijährige Verpflichtung für Ottawa wurde immer wieder verlängert: jedesmal, wenn sie sich mit dem Gedanken trug zu kündigen, wurde sie um eine Rangstufe befördert, bis sie schließlich ein großes Büro und eine Anzahl Mitarbeiter hatte.
«Macht korrumpiert natürlich«— sie lächelte —,»und niemand weiß das besser als eine hohe Beamtin, die von Banken und Firmen um Rat gefragt wird. Aber ich glaube, Napoleon hat das besser ausgedrückt: >Man stelle mir
genügend Orden zur Verfügung — und ich gewinne jeden Krieg.< Also blieb ich. Meine Arbeit macht mir ungeheuren Spaß, weil ich von der Sache was verstehe.«
Jason beobachtete sie, während sie sprach. Unter ihrer kühlen, kontrolliert wirkenden Fassade war da etwas Überschwengliches, Kindliches an ihr. Sie konnte sich schnell begeistern, zügelte aber ihren Enthusiasmus immer dann, wenn sie das Gefühl hatte, zu überschwenglich zu werden. Wahrscheinlich tut sie nie etwas, ohne mit Leib und Seele dabei zu sein, dachte er.»Ich bin sicher, daß Sie beruflich erfolgreich sind; aber das läßt Ihnen nicht viel Zeit für andere Dinge, oder?«
«Was für andere Dinge?«
«Oh, das übliche. Einen Mann, die Kinder, ein Haus mit Garten.«
«Vielleicht kommt das eines Tages noch; ich schließe es nicht aus.«
«Aber bis jetzt hat es sich noch nicht ergeben.«
«Nein. Einige Male war ich nahe davor, aber bis zur Heirat kam es nie.«
«Wer ist Peter?«
Das Lächeln verschwand.»Das hätte ich beinahe vergessen. Sie haben das Telegramm gelesen.«
«Es tut mir leid.«
«Das braucht es nicht. Das haben wir doch hinter uns… Peter? Ich bete ihn an. Wir haben fast zwei Jahre zusammengelebt, aber es hat nicht funktioniert.«
«Offenbar nimmt er Ihnen das nicht übel.«
«Das würde ich ihm auch nicht raten!«sie lachte wieder.»Er ist Abteilungsdirektor und hofft, bald ins Kabinett berufen zu werden. Wenn er nicht brav ist, erzähle ich dem Schatzministerium etwas, was er nicht weiß, und dann ist er wieder ein kleines Licht.«