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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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So frisch diese Erinnerung auch noch war, so fühlte Rastoptschin doch schon jetzt, daß sie tief, tief in sein Herz gegraben war. Er fühlte schon jetzt deutlich, daß die blutige Spur dieser Erinnerung nie vernarben werde, sondern diese furchtbare Erinnerung vielmehr bis an sein Lebensende in seinem Herzen fortdauern werde, je länger um so schmerzlicher und peinvoller. Er glaubte jetzt den Klang seiner eigenen Worte zu hören: »Haut ihn nieder! Ihr steht mir dafür mit eurem Kopf!« »Warum habe ich diese Worte gesprochen? Sie sind mir nur so unversehens in den Mund gekommen. Ich hätte sie ungesprochen lassen können«, dachte er, »dann wäre alles Weitere nicht geschehen.« Er sah das erschrockene und darauf plötzlich einen grimmigen Ausdruck annehmende Gesicht des Dragoners, der dann zugeschlagen hatte, und den Blick stillschweigenden, schüchternen Vorwurfs, den dieser junge Mensch im Fuchspelz auf ihn gerichtet hatte. »Aber ich habe das nicht um meinetwillen getan. Ich mußte so handeln. Der Pöbel, der Verräter, das Gemeinwohl«, dachte er.

An der Jauski-Brücke drängten sich die Truppen immer noch. Es war heiß. Kutusow saß mit finsterer, niedergeschlagener Miene auf einer Bank bei der Brücke und spielte mit der Peitsche im Sand, als geräuschvoll eine Equipage zu ihm herangefahren kam. Ein Mann in Generalsuniform, einen Hut mit Federbusch auf dem Kopf, mit unstet umherlaufenden, halb zornigen, halb ängstlichen Augen trat an Kutusow heran und redete ihn französisch an. Es war Graf Rastoptschin. Er sagte Kutusow, er sei hergekommen, weil die Hauptstadt Moskau nicht mehr existiere und es nur noch eine Armee gebe.

»Es wäre anders gekommen, wenn Euer Durchlaucht mir nicht gesagt hätten, daß Sie Moskau nicht, ohne eine Schlacht zu liefern, preisgeben würden; dann hätte sich alles dies nicht ereignet!« sagte er.

Kutusow blickte Rastoptschin an, und wie wenn er den Sinn der an ihn gerichteten Worte nicht verstände, bemühte er sich mit Anstrengung, auf dem Gesicht des mit ihm Redenden etwas Besonderes, das etwa in diesem Augenblick darauf geschrieben wäre, zu lesen. Rastoptschin wurde verlegen und verstummte. Kutusow wiegte sachte den Kopf hin und her, und ohne seinen forschenden Blick von Rastoptschins Gesicht wegzuwenden, sagte er leise:

»Ja, ich werde Moskau dem Feind nicht überlassen, ohne eine Schlacht geliefert zu haben.«

Ob nun Kutusow, als er diese Worte sprach, an etwas ganz anderes dachte, oder ob er sie absichtlich sagte, obwohl er wußte, daß sie sinnlos waren, jedenfalls gab Graf Rastoptschin darauf keine Antwort und trat eilig von Kutusow zurück. Und seltsam: der Oberkommandierende von Moskau, der stolze Graf Rastoptschin, nahm eine Peitsche in die Hand, ging zur Brücke hin und machte sich laut schreiend daran, die Fuhrwerke, die sich dort zusammendrängten, auseinanderzutreiben.

XXVI

Um vier Uhr nachmittags rückten Murats Truppen in Moskau ein. Voran ritt eine Abteilung Württemberger Husaren, dahinter folgte zu Pferd mit einer großen Suite der König von Neapel selbst.

Ungefähr in der Mitte des Arbatskaja-Platzes, nahe bei der Nikola-Jawlenny-Kirche, hielt Murat an und erwartete Nachrichten von der Vorhut über den Zustand, in dem sich die städtische Festung, »le Kremlin«, befinde.

Um Murat sammelte sich ein kleines Häufchen von Einwohnern Moskaus, die in der Stadt zurückgeblieben waren. Alle betrachteten mit scheuer Verwunderung den sonderbaren, mit Federn und Gold geschmückten Heerführer mit seinem lang herabwallenden Haar.

»Na, ist das er selbst, der ihr Zar? Er sieht ja nicht übel aus!« wurde leise geäußert.

Der Dolmetscher ritt auf den Volkshaufen zu.

»Nehmt die Mützen ab … die Mützen ab!« ermahnten sich die Leute untereinander.

Der Dolmetscher wandte sich an einen alten Hausknecht und fragte ihn, ob es noch weit bis zum Kreml sei. Der Hausknecht, der erstaunt nach der ihm fremden polnischen Klangfarbe hinhorchte und die Sprache des Dolmetschers nicht als Russisch erkannte, verstand nicht, was zu ihm gesagt wurde, und versteckte sich hinter den anderen.

Murat ritt an den Dolmetscher heran und befahl ihm, zu fragen, wo sich die russischen Truppen befänden. Einer der Russen verstand, wonach er gefragt wurde, und nun antworteten dem Dolmetscher plötzlich mehrere Stimmen zugleich. Ein französischer Offizier kam von der Vorhut zu Murat geritten und meldete, daß das Festungstor verrammelt sei und wahrscheinlich dort ein Hinterhalt liege. »Schön«, sagte Murat, und sich zu einem der Herren von der Suite wendend, gab er Befehl, vier leichte Geschütze vorrücken zu lassen und das Tor zu beschießen.

Die Artillerie kam im Trab aus der Kolonne herausgefahren, die hinter Murat marschierte, und durchquerte den Arbatskaja-Platz. Nachdem sie dann bis zum Ende der Wosdwischenka-Straße gefahren war, machte sie halt und stellte sich auf dem dortigen Platz auf. Einige französische Offiziere trafen bei den Geschützen die erforderlichen Anordnungen, stellten sie in angemessenen Abständen auf und betrachteten den Kreml durch ein Fernrohr.

Im Kreml ertönte das Vespergeläut, und diese Klänge machten die Franzosen stutzig. Sie glaubten, dies sei ein Aufruf zu den Waffen. Einige Infanteristen liefen unter Anführung eines Offiziers auf das Kutafjewskija-Tor zu. Das Tor war mit Balken und Holzplatten verstellt. Zwei Flintenschüsse ertönten aus dem Tor, als der Offizier mit seinen Leuten sich ihm näherte. Der General, der bei den Kanonen hielt, rief dem Offizier einige Kommandoworte zu, und der Offizier lief mit seinen Soldaten zurück.

Es ertönten aus dem Tor noch drei Schüsse.

Einer dieser Schüsse streifte das Bein eines französischen Soldaten, und ein seltsames Geschrei einiger weniger Stimmen ließ sich hinter der Verrammelung hören. Auf den Gesichtern der Franzosen, des Generals, der Offiziere und der Soldaten, trat gleichzeitig wie auf Kommando an die Stelle des bisherigen heiteren, ruhigen Ausdrucks der energische, gespannte Ausdruck der Bereitschaft zu Kampf und Leiden. Für sie alle, vom Marschall herunter bis zum letzten Gemeinen, war dieser Ort nicht die Wosdwischenka- und die Mochowaja-Straße, das Kutafjewskija- und das Troizkija-Tor, sondern eine neue Stätte eines wahrscheinlich blutigen Kampfes. Und alle bereiteten sich auf diesen Kampf vor. Die Rufe aus dem Tor waren verstummt. Bei den Geschützen bliesen die Artilleristen die glimmenden Lunten an. Der Offizier kommandierte: »Feuer!« und zwei pfeifende Töne der Blechbüchsen ertönten nacheinander. Die Kartätschkugeln schlugen gegen die Steinquadern des Tores, die Balken und Holzplatten, und zwei Rauchwolken stiegen auf dem Platz auf.

Einige Augenblicke, nachdem das Prasseln der Kugeln an dem steinernen Kreml verstummt war, erscholl ein seltsamer Ton über den Köpfen der Franzosen. Ein gewaltiger Dohlenschwarm erhob sich über den Mauern und kreiste unter lautem Kreischen und dem Lärm vieler tausend Flügel in der Luft herum. Zugleich mit diesem Geräusch ertönte der einzelne Schrei einer menschlichen Stimme im Tor, und aus dem Rauch erschien eine Menschengestalt, ohne Mütze, in einem Kaftan. Sie hielt eine Flinte in der Hand und zielte auf die Franzosen. »Feuer!« kommandierte der Artillerieoffizier zum zweitenmal, und gleichzeitig erschollen ein Flintenschuß und zwei Kanonenschüsse. Wieder verhüllte Rauch das Tor.

Hinter der Verrammelung rührte sich nichts mehr, und die französischen Infanteristen mit ihren Offizieren gingen zu dem Tor hin. Im Tor lagen drei Verwundete und vier Tote. Zwei Personen in Kaftanen waren unten an den Mauern entlang nach der Snamenka-Straße entflohen.

»Schafft das weg!« sagte ein Offizier und zeigte auf die Balken und die Leichen. Und die Franzosen warfen, nachdem sie auch die Verwundeten getötet hatten, die Leichen über die Festungsmauer hinab.

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