Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Ein diensteifriger Polizeibeamter, der es ungehörig fand, daß ein Leichnam auf dem Hof Seiner Erlaucht liege, befahl den Dragonern, den Körper auf die Straße zu schleppen. Die beiden Dragoner ergriffen ihn an den verunstalteten Beinen und zogen ihn nach draußen. Der blutige, von Staub verunreinigte, rasierte Kopf an dem langen Hals schleifte, sich drehend, auf der Erde. Das Volk drängte sich von dem Leichnam weg.
In dem Augenblick, als Wereschtschagin hingefallen war und die Menge sich mit wildem Geheul um ihn gedrängt und über dem Niedergesunkenen hin und her geschwankt hatte, war Rastoptschin plötzlich blaß geworden, und statt nach dem hinteren Ausgang zu gehen, wo ihn sein Wagen erwartete, ging er, ohne selbst zu wissen, wohin er ging und warum er das tat, mit gesenktem Kopf schnellen Schrittes den Korridor entlang, der nach den Zimmern des unteren Stockwerks führte. Das Gesicht des Grafen war bleich, und er vermochte nicht, seinen wie im Fieber zitternden Unterkiefer still zu halten.
»Euer Erlaucht, hierher … Wohin belieben Euer Erlaucht zu gehen …? Hierher, bitte!« sagte hinter ihm her ein Diener mit ängstlich zitternder Stimme.
Graf Rastoptschin war nicht imstande, etwas zu erwidern; gehorsam machte er kehrt und schlug die ihm gewiesene Richtung ein. An der Hintertür stand sein Wagen. Das ferne Getöse der brüllenden Menge war auch hier noch zu hören. Graf Rastoptschin setzte sich eilig in den Wagen und befahl dem Kutscher, ihn nach seinem Landhaus in Sokolniki zu fahren.
Als er in die Mjasnizkaja-Straße einbog und das Geschrei der Volksmenge nicht mehr hörte, begann er sich über sich selbst zu ärgern. Mit Verdruß dachte er jetzt an die Beängstigung und Aufregung, die er vor seinen Untergebenen hatte merken lassen. »Der Pöbel ist schrecklich, geradezu scheußlich«, dachte er auf französisch. »Sie sind wie die Wölfe, die man auch nur durch Fleisch zur Ruhe bringen kann.« »Graf, nur Gott, der über uns ist …« Diese Worte Wereschtschagins fielen ihm auf einmal ein, und ein unangenehmes Gefühl der Kälte lief ihm den Rücken entlang. Aber dieses Gefühl war nur ein momentanes, und Graf Rastoptschin lächelte sofort geringschätzig über sich selbst. »Ich hatte andere Pflichten«, dachte er. »Ich mußte das Volk beruhigen. Es sind schon gar manche Opfer um des Gemeinwohls willen umgekommen und werden noch viele umkommen.« Und nun dachte er über die allgemeinen Pflichten nach, die er gegen seine Familie, gegen die seiner Obhut anvertraute Hauptstadt und gegen sich selbst hatte, d.h. nicht gegen Fjodor Wasiljewitsch Rastoptschin persönlich (er war der Ansicht, daß Fjodor Wasiljewitsch Rastoptschin sich für das Gemeinwohl aufopfere), sondern gegen sich als den Oberkommandieren von Moskau, den Repräsentanten der Staatsgewalt und den Bevollmächtigten des Zaren. »Wäre ich weiter nichts als Fjodor Wasiljewitsch, so wäre mir eine ganz andere Richtlinie für mein Verhalten vorgezeichnet; so aber mußte ich das Leben und die Würde des Oberkommandierenden beschützen.«
Jetzt, wo er auf den weichen Federn der Equipage leise geschaukelt wurde und die furchtbaren Laute der Volksmenge nicht mehr hörte, beruhigte Rastoptschin sich physisch, und wie das immer so geht, lieferte ihm, gleichzeitig mit der physischen Beruhigung, der Verstand auch Gründe für die Beruhigung der Seele. Der Gedanke, welcher dem Grafen zur Beruhigung verhalf, war nicht neu. Seit die Welt steht und die Menschen einander totschlagen, begeht nie ein Mensch ein Verbrechen gegen einen Mitmenschen, ohne sich durch ebendiesen Gedanken zu beruhigen. Dieser Gedanke ist das vermeintliche Gemeinwohl.
Einem Menschen, der nicht von Leidenschaft befallen ist, ist dieses Gemeinwohl niemals bekannt; aber ein Mensch, der ein Verbrechen begeht, weiß immer ganz genau, worin dieses Gemeinwohl besteht. Und Rastoptschin wußte es jetzt.
Weit entfernt, daß er sich in seinen Reflexionen Vorwürfe über die von ihm begangene Tat gemacht hätte, fand er vielmehr allen Grund, mit sich selbst zufrieden zu sein, weil er es so geschickt verstanden hatte, diese gute Gelegenheit zu benutzen: einen Verbrecher zu bestrafen und gleichzeitig das Volk zu beruhigen.
»Wereschtschagin war gerichtet und zum Tod verurteilt«, dachte Rastoptschin (allerdings war Wereschtschagin vom Senat nur zu Zwangsarbeit verurteilt worden). »Er war ein Verräter und Staatsfeind; ich durfte ihn nicht unbestraft lassen, und so erreichte ich denn mit einem Schlag zweierlei: ich beruhigte das Volk, indem ich ihm ein Opfer preisgab, und bestrafte einen Verbrecher.«
Als der Graf nach seinem Landhaus gekommen war und sich nun dort mit seinen häuslichen Angelegenheiten beschäftigte, beruhigte er sich vollständig.
Eine halbe Stunde darauf fuhr er in schnellem Trab über das Feld von Sokolniki; an das, was geschehen war, dachte er nicht mehr; er erwog und überlegte nur, was nun weiter kommen werde. Er fuhr jetzt zur Jauski-Brücke, wo sich, wie ihm gesagt war, Kutusow befand.
Graf Rastoptschin legte sich in Gedanken die zornigen, spitzen Vorwürfe zurecht, die er Kutusow wegen der von diesem begangenen Täuschung zu machen beabsichtigte. Er wollte es diesem alten, höfisch schlauen Fuchs schon zu verstehen geben, daß die Verantwortung für all das Unglück, das aus der Preisgabe der Hauptstadt und dem Zusammenbruch Rußlands (wie Rastoptschin dachte) hervorgehen werde, einzig und allein auf seinen vor Altersschwäche allen Verstandes baren Kopf falle. Während Rastoptschin so im voraus überlegte, was er zu Kutusow sagen wollte, rückte er zornig in seinem Wagen hin und her und blickte ärgerlich nach rechts und links.
Das Feld von Sokolniki war menschenleer. Nur am Rand desselben, bei dem Armenhaus und dem Irrenhaus, waren kleine Gruppen von Menschen in weißen Anzügen zu sehen sowie einige einzelne Leute derselben Art, die über das Feld gingen und irgend etwas schrien und lebhaft mit den Armen gestikulierten.
Einer von ihnen kam von der Seite herangelaufen, um dem Wagen des Grafen Rastoptschin den Weg abzuschneiden. Graf Rastoptschin selbst und sein Kutscher und die Dragoner, alle sahen sie mit einem unklaren Gefühl von Schrecken und Neugier nach diesen freigelassenen Irren und besonders nach dem, der zu ihnen herangelaufen kam.
Auf seinen langen, mageren Beinen hin und her schwankend, lief dieser Irrsinnige in seinem flatternden Kittel aus Leibeskräften vorwärts, ohne die Augen von Rastoptschin wegzuwenden; dabei schrie er ihm mit heiserer Stimme etwas zu und machte ihm Zeichen, daß er anhalten möchte. Das mit ungleichmäßigen Bartflocken bewachsene, finstere, feierlich ernste Gesicht des Irren war mager und gelblich. Die schwarzen, achatartigen Pupillen in den safrangelben Augäpfeln liefen unruhig umher.
»Warte mal! Halt an, sage ich!« schrie er mit durchdringender Stimme und fügte dann ganz außer Atem noch etwas mit großem Nachdruck und heftigen Armbewegungen hinzu.
Nun hatte er den Wagen erreicht und lief neben ihm her.
»Dreimal haben sie mich totgeschlagen, und dreimal bin ich von den Toten auferstanden. Sie haben mich gesteinigt und gekreuzigt … Ich werde auferstehen … auferstehen … auferstehen. Sie haben meinen Leib zerstückelt. Das Reich Gottes wird zerstört werden … Dreimal werde ich es zerstören, und dreimal werde ich es wieder aufrichten!« schrie er immer lauter und lauter.
Graf Rastoptschin wurde plötzlich ebenso blaß wie vorhin, als die Menge sich auf Wereschtschagin gestürzt hatte. Er wandte sich weg. Der Wagen jagte dahin, so schnell die Pferde nur laufen konnten; aber noch lange hörte Graf Rastoptschin hinter sich das sinnlose, verzweifelte Schreien und sah vor seinen Augen das erstaunte, erschrockene, blutbefleckte Gesicht des Verräters im kurzen Pelzrock.