Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Alle die Russen, die mit Pierre zusammen gefangengehalten wurden, waren Leute niedrigsten Standes. Sie witterten in Pierre den Herrn und zogen sich um so mehr von ihm zurück, weil er französisch sprach. Zu seinem Bedauern mußte er sehen, wie sie sich über ihn lustig machten.
Am folgenden Tag gegen Abend erfuhr Pierre, daß alle seine Mitgefangenen, und so wahrscheinlich auch er, wegen Brandstiftung vor Gericht gestellt werden sollten. Am dritten Tag führte man ihn mit anderen zusammen in ein Haus, wo ein französischer General mit weißem Schnurrbart, zwei Obersten und noch andere französische Offiziere mit Schärpen am Arm saßen. Mit der vermeintlich über allen menschlichen Schwächen schwebenden Bestimmtheit und Genauigkeit, mit der man Angeklagte zu behandeln pflegt, legte man Pierre ebenso wie den anderen die Fragen vor, was er sei, wo er gewesen sei, zu welchem Zweck und so weiter.
Diese Fragen, die das Wesentliche der Sache beiseite ließen und jede Möglichkeit ausschlossen, dieses Wesentliche zu enthüllen, hatten, wie alle Fragen, die vor Gericht gestellt werden, nur das eine Ziel, die Rinne zu bilden, durch die nach dem Wunsch der Richter die Antworten der Angeklagten zu fließen haben, um sie nach dem ersehnten Ziel, das heißt zur Verurteilung, zu führen. Sobald er nur etwas sagen wollte, was dem Ziel der Verurteilung nicht entsprach, wurde die Rinne weggenommen, und dann mochte das Wasser fließen, wohin es wollte. So empfand Pierre, wie jeder Angeklagte bei einer Gerichtsverhandlung, Verwunderung darüber, warum man ihm alle diese Fragen vorlegte. Er hatte die Empfindung, als bediene man sich dieses Kunstgriffs mit der vorgehaltenen Rinne nur aus Nachsicht oder aus Höflichkeit. Er wußte, daß er sich in der Gewalt dieser Menschen befand, daß nur Gewalt ihn hierher gebracht, nur Gewalt ihnen das Recht gab, von ihm Antworten auf ihre Fragen zu fordern, und daß das einzige Ziel dieses Gerichtshofes darin bestand, ihn zu verurteilen. Und da sie nun einmal die Macht und den Wunsch hatten, ihn schuldig zu sprechen, so war der ganze Apparat an Fragen und die ganze Verhandlung doch überflüssig. Es lag ja klar auf der Hand, daß alle diese Antworten zu einer Verurteilung führen mußten.
Auf die Frage, was er getan habe, als er gefangengenommen worden sei, erwiderte Pierre mit tragischer Feierlichkeit, er habe ein Kind seinen Eltern zurückgebracht, qu’il avait sauvé des flammes. Warum er auf die Plünderer losgeschlagen habe? Pierre gab zur Antwort, er habe eine Frau verteidigt, und ein schwaches Weib zu beschützen, sei die Pflicht jedes Mannes und … Man unterbrach ihn: das gehöre nicht zur Sache. Was er auf dem Hof des brennenden Hauses, wo ihn Zeugen gesehen hätten, zu suchen gehabt habe? Er antwortete, er sei nur hingegangen, um sich anzusehen, was in Moskau vorgehe. Wieder unterbrach man ihn: er sei nicht gefragt worden, warum er hingegangen sei, sondern warum er sich in der Nähe der Feuerstätte aufgehalten habe. Wer er sei? wiederholte man noch einmal die erste Frage, auf die er erwidert hatte, er könne darauf keine Antwort geben. Wieder antwortete er, das könne er nicht sagen.
»Schreiben Sie das hin. Schlimm für Sie, sehr schlimm«, sagte der General mit dem weißen Schnurrbart und dem frischen roten Gesicht in strengem Ton zu ihm.
Am vierten Tag fing es auch am Subowskijwall an zu brennen.
Mit dreizehn anderen Gefangenen wurde Pierre im Wagenschuppen eines Kaufmannshauses in der Krimfurt untergebracht. Während er durch die Straßen ging, erstickte er fast an dem Rauch, der über der ganzen Stadt zu lagern schien. Nach allen Seiten hin sah man Feuersbrünste. Pierre begriff damals noch nicht die Bedeutung der Einäscherung Moskaus und blickte mit Entsetzen auf diese Brände.
In diesem Wagenschuppen des Kaufmannshauses in der Krimfurt verlebte Pierre noch vier weitere Tage und erfuhr während dieser Zeit aus den Gesprächen der französischen Soldaten, daß alle, die sich hier in Gewahrsam befanden, dieser Tage die Entscheidung des Marschalls zu erwarten hätten. Wer dieser Marschall war, konnte Pierre aus den Soldaten nicht herauskriegen. Für sie war dieser Marschall offenbar ein erhabenes und etwas geheimnisvolles Glied der höchsten Gewalt.
Diese ersten Tage bis zum 8. September, dem Tag, an dem die Gefangenen zum zweiten Verhör geführt wurden, waren für Pierre die allerschwersten.
10
Am 8. September kam ein Offizier in den Schuppen, der, nach der Ehrerbietung zu urteilen, die die Wache ihm entgegenbrachte, von sehr hohem Rang sein mußte. Dieser Offizier, der offenbar dem Stab angehörte, hatte eine Liste in der Hand, und rief alle Russen mit Namen auf. Pierre nannte er dabei: celui qui n’avoue pas son nom. Er sah die Gefangenen gleichgültig und lässig an und befahl dem wachthabenden Offizier, die Russen anständig anziehen und zurechtmachen zu lassen, ehe man sie vor den Marschall führe.
Nach einer Stunde erschien eine Kompanie Soldaten, und Pierre wurde mit den dreizehn anderen auf das Jungfernfeld geführt. Es hatte geregnet, doch nun war ein klarer, sonniger Tag angebrochen. Die Luft war ungewöhnlich rein. Der Rauch lag nicht am Boden wie an jenem Tag, an dem man Pierre aus der Hauptwache am Subowskijwall fortgeführt hatte, sondern stieg in Säulen in der klaren Luft empor. Lodernde Flammen waren nirgends zu sehen, aber auf allen Seiten erhoben sich Rauchsäulen, und ganz Moskau, soweit Pierre sehen konnte, war eine einzige Brandstätte. Überall sah man öde Schutthaufen mit Öfen und Schornsteinen und hie und da die leergebrannten Mauern eines Steinhauses. Pierre sah sich die Brandstätten an und erkannte die altbekannten Stadtviertel kaum wieder. Mitunter ragte eine Kirche unversehrt aus den Trümmern. Der Kreml war nicht zerstört, und weiß blinkten schon von weitem seine Türme mit dem Iwan Weliki[210]. Ganz nah glänzte heiter die Kuppel des Neuen Jungfernklosters, und ganz besonders klangvoll ertönte von dorther das Glockengeläut. Dieses Geläut erinnerte Pierre daran, daß Sonntag war und das Fest Maria Geburt. Aber niemand schien diesen Festtag feierlich begehen zu wollen, überall sah man nur die Schutthaufen der Brandstätten, und von den russischen Einwohnern traf man nur hier und da ein paar zerlumpte, verschüchterte Gestalten, die sich beim Anblick der Franzosen verkrochen.
Es war klar, der Horst Rußlands war zerstört und vernichtet, doch Pierre fühlte unbewußt, daß an Stelle der vernichteten russischen Lebensordnung sich in diesem zerstörten Horst eine neue, andersartige eingenistet hatte: die straffe französische Lebensordnung. Er fühlte das beim Anblick der munter und lustig in strammen Reihen marschierenden Soldaten, die ihn und die anderen Verbrecher geleiteten, fühlte das beim Anblick eines hohen französischen Beamten, der ihnen in einem von Soldaten kutschierten Einspänner entgegengefahren kam, fühlte das aus den lustigen Klängen der Militärmusik, die von der linken Seite des Feldes herüberdrangen, und vor allem fühlte und begriff er es durch jene Liste, aus welcher der französische Offizier heute morgen die Namen der Gefangenen verlesen hatte. Pierre war nur von Soldaten allein gefangengenommen, mit Dutzenden anderer bald hierhin, bald dorthin gebracht worden, wie leicht hätte er da vergessen oder mit anderen verwechselt werden können. Aber nein: sogar die Antworten, die er beim Verhör gegeben hatte, kehrten ordnungsgemäß in Form der Bezeichnung: celui qui n’avoue pas son nom zu ihm zurück. Und unter dieser Bezeichnung, die für Pierre furchtbar war, führten ihn jetzt die Soldaten irgendwohin in der felsenfesten Überzeugung, wie auf ihren Gesichtern zu lesen stand, daß er und die übrigen Gefangenen eben die waren, die sie sein mußten, und nun dorthin geführt wurden, wohin sie geführt werden mußten. Pierre kam sich vor wie ein winziges Spänchen, das in das Räderwerk einer ihm unbekannten, aber zuverlässig arbeitenden Maschine geraten war.
210
Iwan Weliki: Glockenturm im Moskauer Kreml.