Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
In dem Augenblick, als Pierre den furchtbaren Mord mit angesehen hatte, der von Leuten begangen worden war, die dies gar nicht gewollt hatten, war gleichsam aus seiner Seele plötzlich die Feder herausgerissen, die das Ganze stützte und in Gang hielt, und alles zu einem Haufen sinnloser Trümmer zusammengestürzt. Ohne daß er sich darüber Rechenschaft abzulegen vermochte, war in ihm der Glaube an die Weltordnung, an die Menschheit, an seine eigne Seele und an Gott zunichte geworden. Diesen Zustand hatte Pierre schon früher erlebt, aber nie in solcher Stärke wie jetzt. Wenn ihn früher solche Zweifel befallen hatten, so waren sie aus eigner Schuld entsprungen. Und in tiefster Seele hatte er dann gefühlt, daß die Rettung aus Verzagtheit und allen Zweifeln einzig und allein aus ihm selbst kommen konnte. Jetzt aber war er sich bewußt, daß nicht eignes Verschulden die Ursache gewesen war, daß die Welt vor ihm zusammengestürzt und zu einem einzigen Trümmerhaufen geworden war. Und darum fühlte er auch, daß es nicht in seiner Macht stand, zum Glauben an das Leben zurückzukehren.
Um ihn herum in der Dunkelheit standen viele Menschen, die sich offenbar für irgend etwas an ihm sehr interessierten. Sie erzählten ihm etwas, fragten ihn etwas, führten ihn dann irgendwohin, und schließlich sah er sich in der Ecke der Baracke neben einer Gruppe Menschen, die herüber und hinüber redeten und lachten.
»Und nun paßt auf, Kameraden … derselbe Prinz, welcher …« erzählte eine Stimme in der anderen Ecke der Baracke und betonte dabei besonders das Wort »welcher«.
Stumm und unbeweglich saß Pierre auf dem Stroh an der Wand und schloß bald die Augen, bald schlug er sie wieder auf. Aber sobald er die Augen schloß, sah er immer wieder das furchtbare, eben durch seinen harmlosen Ausdruck besonders furchtbare Gesicht des Fabrikarbeiters vor sich und die in ihrer Unruhe noch furchtbareren Gesichter seiner unfreiwilligen Mörder. Und so schlug er wieder die Augen auf und starrte verständnislos in die Dunkelheit.
Neben ihm saß zusammengekauert ein kleiner Mensch, dessen Anwesenheit Pierre zuerst durch den starken Schweißgeruch wahrgenommen hatte, den jener bei jeder Bewegung ausströmte. Dieser Mann machte sich in der Dunkelheit an seinen Beinen zu scharfen, und obgleich Pierre sein Gesicht nicht sehen konnte, fühlte er doch, daß dieser ihn unverwandt anstarrte. Pierre spähte durch die Dunkelheit und erkannte, daß sich dieser Mann die Schuhe auszog, und die Art, in der er dies tat, fesselte Pierres Aufmerksamkeit.
Nachdem er die Schnur gelöst hatte, die um das eine Bein gewickelt war, legte er diese Schnur sorgfältig zusammen und machte sich dann sogleich an das andere Bein, wobei er Pierre fortwährend ansah. Während er mit der einen Hand die Schnur aufhängte, fing er mit der anderen schon an, die zweite Schnur abzuwickeln. Und so zog er sorgsam mit runden, zweckdienlichen Bewegungen, die ohne Verzögerung aufeinander folgten, seine Schuhe aus und hängte sie an Pflöcke, die hinter ihm eingeschlagen waren. Dann zog er ein kleines Taschenmesser heraus, schnitt etwas ab, klappte es wieder zusammen, legte es unter sein Kissen, umfaßte, um besser zu sitzen, seine hochgezogenen Knie mit beiden Händen und starrte nun Pierre ganz offen an. Diese zweckdienlichen Bewegungen, mit denen sich dieser Mensch in seiner Ecke so ordentlich und häuslich einrichtete, ja sogar seinen Geruch, empfand Pierre als etwas Abgerundetes, Angenehmes und Beruhigendes. Ohne ein Auge von ihm zu verwenden, beobachtete er ihn.
»Sie haben wohl viel Schlimmes mit ansehen müssen, Herr? Was?« fragte plötzlich der kleine Mann.
Es lag ein so freundlicher, schlichter Ausdruck in seiner singenden Stimme, daß Pierre ihm antworten wollte, aber sein Unterkiefer zitterte, und er fühlte, daß ihm die Tränen kamen. Doch der kleine Mann fuhr sogleich, ohne Pierre Zeit zu lassen, seiner Bewegung Ausdruck zu verleihen, mit derselben angenehmen Stimme fort.
»Ei, mein Falke, laß doch den Kopf nicht hängen«, sagte er mit derselben zärtlich singenden Freundlichkeit, mit der alte Weiber in Rußland zu reden pflegen. »Nur nicht den Kopf hängen lassen, Freundchen: das Leid ist kurz, das Leben lang! So ist es doch, mein Lieber. Und hier, Gott sei Dank, tut uns keiner was. Auch unter ihnen gibt es gute und schlechte Menschen«, sagte er, bog sich, noch während er sprach, mit einer gewandten Bewegung auf die Knie, stand auf und ging hüstelnd weg.
»Sieh mal an, Schelm, da bist du ja!« hörte Pierre am andern Ende der Baracke seine freundliche Stimme. »Na, Schelm, fällt es dir wieder mal ein zu kommen? Na, na, schon gut.«
Und der Soldat stieß ein kleines Hündchen zurück, das an ihm in die Höhe sprang, kehrte auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder hin. In der Hand hielt er etwas, das in einen Lappen eingewickelt war.
»Hier, essen Sie, Herr«, sagte er, indem er wieder zu seinem früheren, ehrerbietigen Ton zurückkehrte. Dann wickelte er den Lappen auf und reichte Pierre einige gebratene Kartoffeln. »Heute mittag gab es Suppe. Aber die Kartoffeln sind ausgezeichnet!«
Pierre hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und der Duft der Kartoffeln schien ihm höchst angenehm. Er bedankte sich bei dem Soldaten und fing an zu essen.
»Wie machst du denn das?« sagte der Soldat lächelnd und nahm eine der Kartoffeln. »Siehst du, so mußt du sie essen.«
Er zog wieder sein Taschenmesser hervor, schnitt auf der Handfläche die Kartoffel in zwei gleiche Hälften, schüttete aus dem Lappen Salz darauf und reichte sie Pierre hin.
»Die Kartoffeln sind ausgezeichnet«, sagte er noch einmal. »Aber so mußt du sie essen.«
Pierre schien es, als habe er niemals ein köstlicheres Gericht gegessen.
»Nein, mir haben sie nichts angetan«, erzählte Pierre. »Aber warum haben sie nur diese Unglücklichen erschossen? Der letzte war noch nicht zwanzig Jahre alt …«
»Pst … Pst …« machte der kleine Mann. »Das ist verboten, das ist verboten«, fügte er hastig hinzu. Es schien, als habe er seine Worte immer im Mund bereit, bis sie ihm dann unversehens entflatterten. Dann fuhr er fort: »Aber warum sind Sie denn in Moskau geblieben, Herr?«
»Ich dachte nicht, daß sie schon so bald kommen würden. Ich bin ganz zufällig dageblieben«, sagte Pierre.
»Aber wie haben sie dich denn festgenommen, mein Falke? In deinem Haus?«
»Nein, ich ging nur nach der Feuerstätte hin, und dort haben sie mich aufgegriffen und wegen Brandstiftung vor Gericht gestellt.«
»Richter und Gericht – kennen die Wahrheit nicht«, schaltete der kleine Mann ein.
»Bist du schon lange hier?« fragte Pierre, während er die letzte Kartoffel aufaß.
»Ich? Vorigen Sonntag haben sie mich aus dem Lazarett in Moskau rausgeschleppt.«
»Was bist du denn? Soldat?«
»Ja, vom Apscheroner Regiment. Bin bald umgekommen vor Fieber. Und nichts hatten sie uns gesagt. Wir lagen dort an die zwanzig Mann. Keine Ahnung hatten wir, keinen blassen Schimmer.«
»Sag mal, grämst du dich sehr, daß du hier bist?« fragte Pierre.
»Wie sollte mich das nicht grämen, Kamerad? Ich heiße Platon Karatajew«, fügte er, offenbar in der Absicht, Pierre die Anrede zu erleichtern, fort. »Beim Militär nannten sie mich den ›Falken‹. Wie sollte mich das nicht grämen, Kamerad? Moskau ist doch die Mutter unserer Städte. Wie sollte ich das ohne Gram mit ansehen? Aber der Wurm zernagt den Kohl und stirbt doch früher als der, so pflegten schon unsere Väter zu sagen«, fügte er schnell hinzu.