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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Den ersten Ruhetag auf ihrer Reise verbrachten die Rostows im Troizakloster. In der Herberge des Klosters waren ihnen drei große Zimmer eingeräumt worden, von denen man das eine dem Fürsten Andrej gegeben hatte. Dem Verwundeten ging es an diesem Tag bedeutend besser. Natascha war bei ihm. Im Nebenzimmer saßen Graf und Gräfin und unterhielten sich ehrerbietig mit dem Prior, der sie als alte Bekannte und Gönner aufgesucht hatte. Sonja saß auch da und empfand quälende Neugier, worüber sich wohl Fürst Andrej und Natascha unterhalten mochten. Durch die Wand hörte sie ihre Stimmen. Da ging die Tür zum Zimmer des Fürsten Andrej auf. Natascha trat mit erregtem Gesicht heraus, und ohne den Mönch zu bemerken, der zu ihrer Begrüßung aufstand und den weiten Ärmel am rechten Arm zurückschlug, lief sie auf Sonja zu und ergriff deren Hand.

»Was hast du, Natascha? Komm her«, sagte die Gräfin.

Natascha trat auf den Prior zu und empfing seinen Segen; er riet ihr, sich um Hilfe an Gott und seine Heiligen zu wenden.

Sobald der Prior hinausgegangen war, ergriff Natascha wieder Sonjas Hand und zog sie mit sich fort in das leere Zimmer.

»Sonja, ja? Wird er am Leben bleiben?« fragte sie. »Sonja, wie glücklich bin ich und wie unglücklich! Sonja, mein Täubchen, es ist wieder alles wie einst. Wenn er nur am Leben bliebe! Er kann doch nicht … weil … weil …« Natascha brach in Tränen aus.

»Siehst du! Ich habe es doch gewußt! Gott sei Dank!« stammelte Sonja. »Er wird am Leben bleiben.«

Sonja war nicht weniger erregt als ihre Freundin, sowohl durch deren Angst und Kummer als auch infolge eigner Gedanken, die sie keinem verriet. Schluchzend küßte und tröstete sie Natascha. Wenn er nur am Leben bliebe! dachte sie. Nachdem sie sich ausgeweint und ausgesprochen und die Tränen abgewischt hatten, gingen beide zu der Tür, die in das Zimmer des Fürsten Andrej führte. Natascha machte sie vorsichtig auf und schaute ins Zimmer. Sonja stand neben ihr an der halbgeöffneten Tür.

Fürst Andrej lag hochgestützt auf drei Kissen. Sein bleiches Gesicht war ruhig, die Augen geschlossen, man konnte sehen, wie gleichmäßig er atmete.

»Ach, Natascha!« schrie Sonja plötzlich auf, faßte ihre Cousine am Arm und trat von der Tür zurück.

»Was ist denn? Was?« fragte Natascha.

»Das ist ganz so, ganz so, sieh nur …« sagte Sonja mit blassem Gesicht und zitternden Lippen.

Natascha schloß leise die Tür und ging mit Sonja ans Fenster, ohne noch zu begreifen, was diese sagen wollte.

»Weißt du noch«, fing Sonja mit erschrockener, feierlicher Miene an, »weißt du noch, wie ich für dich in den Spiegel sah … in Otradnoje, zu Weihnachten … Weißt du noch, was ich da sah?«

»Ja, ja«, erwiderte Natascha mit weit offenen Augen und erinnerte sich dunkel, daß Sonja ihr damals etwas vom Fürsten Andrej gesagt hatte, den sie in liegender Stellung gesehen haben wollte.

»Weißt du noch?« rief Sonja aus. »Ich sah ihn doch damals und sagte es euch allen, dir und auch Dunjascha. Ich sah, wie er im Bett lag«, fuhr sie fort und machte bei jeder einzelnen Beschreibung eine Handbewegung mit erhobenem Finger, »wie er die Augen geschlossen hatte, mit eben einer solchen rosa Decke zugedeckt war und die Hände gefaltet hatte«, fuhr Sonja fort und war, je genauer sie die Einzelheiten beschrieb, die sie soeben wahrgenommen hatte, um so mehr davon überzeugt, daß sie schon damals dies alles gesehen hatte.

Damals hatte sie zwar nichts gesehen, sondern es nur erzählt, und zwar eben das erzählt, was ihr gerade in den Sinn gekommen war. Und nun erschien ihr das, was sie sich damals ausgedacht hatte, plötzlich ebenso wahrhaftig wie jede andere Erinnerung. Und sie erinnerte sich nicht, daß sie damals nur gesagt hatte, er sehe sich lächelnd nach ihr um und sei mit etwas Rotem bedeckt, sondern war fest davon überzeugt, daß sie schon damals gesagt und gesehen habe, er sei mit einer rosa, mit eben einer solchen rosa Decke zugedeckt und halte die Augen geschlossen.

»Ja, ja, mit eben einer solchen rosa Decke«, sagte Natascha, die sich nun ebenfalls zu erinnern glaubte, daß Sonja schon damals »rosa« gesagt hatte, und erblickte gerade darin das Seltsame und Geheimnisvolle der Prophezeiung.

»Aber was hat das zu bedeuten?« fragte Natascha nachdenklich.

»Ach, das weiß ich nicht. Wie merkwürdig das alles ist!« meinte Sonja und faßte sich an den Kopf.

Gleich darauf klingelte Fürst Andrej, und Natascha ging zu ihm hinein. Sonja aber blieb in einer Aufregung und Ergriffenheit, wie sie sie nur selten empfunden hatte, am Fenster stehen und dachte darüber nach, wie außergewöhnlich doch alles war, was sich ereignete.

An diesem Tag bot sich eine Gelegenheit, Briefe an die Armee mitzusenden, und so schrieb die Gräfin an ihren Sohn.

»Sonja«, sagte sie, als ihre Nichte an ihr vorüberging, und hob den Kopf von ihrem Brief. »Sonja, wirst du an Nikolenka schreiben?« fragte die Gräfin mit leiser, bebender Stimme.

Und aus dem Blick der müden Augen, die sie durch die Brille ansahen, las Sonja alles, was die Gräfin unter diesen Worten verstand. In diesem Blick lag sowohl Flehen als Furcht vor Sonjas ablehnender Antwort wie auch Scham darüber, daß sie bitten mußte, und Bereitschaft zu unversöhnlichem Haß, falls Sonja sich weigern sollte.

Sonja ging auf die Gräfin zu, ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und küßte ihr die Hand. »Ja, ich werde schreiben, maman«, sagte sie.

Sonja war durch alles, was sich an diesem Tag ereignet hatte, weich gestimmt, aufgeregt und gerührt, vor allem auch durch die geheimnisvolle Verwirklichung des Orakels, die sie soeben erlebt hatte. Jetzt, wo sie wußte, daß nach dem Neuaufleben der Beziehungen zwischen dem Fürsten Andrej und Natascha Nikolaj die Prinzessin Marja ja doch nicht heiraten konnte, fühlte sie mit Freuden jene Neigung zur Selbstaufopferung in sich zurückkehren, die sie so liebte und sich zur Lebensgewohnheit gemacht hatte. Und mit Tränen in den Augen und in dem frohen Bewußtsein, eine hochherzige Handlung zu vollbringen, schrieb sie, mehrmals von Tränen unterbrochen, die ihre schwarzen Samtaugen verschleierten, jenen rührenden Brief, dessen Empfang Nikolaj wie ein Wunder empfunden hatte.

9

Auf der Hauptwache, wohin man Pierre abgeführt hatte, wurde er von dem Offizier und den Soldaten, die ihn gefangengenommen hatten, feindlich, aber dabei doch mit Achtung behandelt. Aus ihrem Benehmen fühlte man sowohl ihre Unsicherheit heraus, was er wohl sein möge – vielleicht war er eine sehr einflußreiche Persönlichkeit –, als auch ihre noch frische Feindseligkeit, die Folge ihres persönlichen Kampfes mit ihm.

Doch als am Morgen des nächsten Tages die Ablösung kam, fühlte Pierre, daß er für die neue Wache, für diese Offiziere und Soldaten, schon nicht mehr jene Bedeutung hatte wie für die, die ihn gefangengenommen hatten. Und tatsächlich erblickte die Wache des anderen Tages in diesem großen, dicken Mann im bäuerlichen Kaftan schon nicht mehr jenen lebensmutigen Menschen, der sich so verzweifelt mit den Plünderern und dem Trupp Soldaten herumgeschlagen und so feierliche Worte über die Rettung eines Kindes gesagt hatte, sondern ganz einfach Nummer siebzehn der gefangenen Russen, die auf höheren Befehl aus irgendeinem Grund festgehalten wurden. Wenn sie etwas Besonderes an Pierre fanden, so war es nur sein fester, nachdenklich gesammelter Gesichtsausdruck und seine Kenntnis der französischen Sprache, in der er sich zur Verwunderung der Franzosen ausgezeichnet auszudrücken verstand. Trotzdem steckte man ihn noch am selben Tag mit anderen verdächtigen Gefangenen zusammen, weil man das Einzelzimmer, das er innegehabt hatte, für einen Offizier benötigte.

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