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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Mit den anderen Gefangenen zusammen wurde er auf die rechte Seite des Jungfernfeldes bis zu einem großen weißen Haus mit ausgedehntem Garten in der Nähe des Klosters geführt. Es war das Haus des Fürsten Schtscherbatow, wo Pierre früher oft verkehrt hatte und wo sich jetzt, wie er aus den Gesprächen der Soldaten entnahm, der Marschall Fürst von Eckmühl einquartiert hatte.

Man führte die Gefangenen bis an die Freitreppe und von hier aus einzeln ins Haus. Pierre kam als sechster an die Reihe. Durch die Glasgalerie, den Hausflur, das Vorzimmer, die Pierre alle gut kannte, führte man ihn in ein langes, niederes Arbeitszimmer, an dessen Tür ein Adjutant stand.

Davoust, mit der Brille auf der Nase, saß am anderen Ende des Zimmers an einem Tisch, Pierre trat nahe an ihn heran. Davoust blickte nicht auf, er war sichtlich damit beschäftigt, sich über ein Schriftstück, das vor ihm lag, klar zu werden. Ohne die Augen aufzuheben, fragte er leise: »Wer sind Sie?«

Pierre gab keine Antwort, weil er nicht imstande war, ein Wort herauszubringen. Davoust war für Pierre nicht einfach ein französischer General, sondern zugleich ein Mensch, der wegen seiner Grausamkeit berüchtigt war. Während er in Davousts kaltes Gesicht blickte, der wie ein strenger Lehrer bereit war, einen Augenblick Geduld zu haben und auf eine Antwort zu warten, fühlte Pierre, daß jede Sekunde des Zögerns ihn das Leben kosten könne. Doch er wußte nicht, was er sagen sollte. Das zu wiederholen, was er beim ersten Verhör angegeben hatte, konnte er sich nicht entschließen, doch seinen Namen und Stand zu nennen, war nicht nur beschämend, sondern auch gefährlich. Er schwieg. Aber noch ehe Pierre Zeit gehabt hatte, einen Entschluß zu fassen, hob Davoust den Kopf, schob die Brille auf die Stirn, kniff die Augen zusammen und sah Pierre aufmerksam an.

»Ich kenne diesen Menschen«, sagte er in kaltem, gemessenem Ton und rechnete offenbar damit, daß Pierre darüber erschrecken werde.

Der kalte Schauer, der Pierre erst über den Rücken gelaufen war, erfaßte jetzt seinen Kopf, so daß er das Gefühl hatte, als würde dieser fest zusammengepreßt.

»Mon général, Sie können mich gar nicht kennen, ich habe Sie nie gesehen …«

»Es ist ein russischer Spion«, sagte Davoust zu einem anderen General gewandt, der ebenfalls im Zimmer war, den aber Pierre noch nicht bemerkt hatte.

Davoust wandte sich ab. Da fing Pierre mit unerwartetem Ungestüm plötzlich an hastig zu reden.

»Non, monseigneur«, sagte er, da ihm plötzlich einfiel, daß Davoust ja Herzog war, »non, monseigneur, Sie können mich gar nicht kennen. Ich bin Landsturmoffizier und habe Moskau nicht verlassen.«

»Ihr Name?« fragte Davoust noch einmal.

»Besuchow.«

»Wer beweist mir, daß Sie die Wahrheit sagen?«

»Monseigneur!« rief Pierre nicht in beleidigtem, aber in flehendem Ton.

Davoust hob die Augen und blickte Pierre aufmerksam an. Einige Sekunden sahen sie einander an, und dieser Blick war Pierres Rettung. Dieser Blick knüpfte, trotz Krieg und Gericht, zwischen diesen beiden Männern menschliche Beziehungen. Beide durchlebten in diesem Augenblick unklar eine lange Reihe von Empfindungen, und wurden sich bewußt, daß sie beide Menschenkinder, Brüder waren.

Auf den ersten Blick, als Davoust kaum den Kopf von seiner Liste aufgehoben hatte, wo Leben und Taten eines Menschen nichts als Nummern waren, war ihm Pierre nur als Ding erschienen, und er hätte sich kein Gewissen daraus gemacht, ihn erschießen zu lassen. Jetzt aber erblickte er einen Menschen in ihm. Er dachte einen Augenblick nach.

»Wie können Sie mir beweisen, daß das, was sie sagen, wahr ist?« fragte er dann kalt.

Pierre dachte an Remballe und nannte dessen Namen, Regiment und die Straße, wo das Haus lag.

»Sie sind nicht der, für den Sie sich ausgeben«, sagte wieder Davoust.

Mit zitternder, stockender Stimme führte Pierre Beweise für die Richtigkeit seiner Aussage an.

Doch in diesem Augenblick trat der Adjutant ein und meldete Davoust irgend etwas.

Bei der Nachricht, die der Adjutant ihm überbrachte, fing Davoust plötzlich an zu strahlen und knöpfte sich den Uniformrock zu. Er hatte offenbar Pierre ganz vergessen.

Als der Adjutant ihn an den Gefangenen erinnerte, wurde er wieder finster, wies auf Pierre hin und befahl, ihn abzuführen. Wohin er aber geführt werden sollte, erfuhr Pierre nicht: ob in den Schuppen zurück oder auf die schon vorbereitete Richtstätte, die ihm seine Gefährten gezeigt hatten, als sie über das Jungfernfeld gingen.

Er wandte den Kopf zurück und sah, daß der Adjutant noch etwas fragte.

»Oui, sans doute«, antwortete Davoust, was er aber damit gemeint hatte, darüber war sich Pierre nicht klar.

Pierre wußte nicht, wie, wie lange und wohin er ging. In einem Zustand völliger Geistesabwesenheit und Abstumpfung bewegte er, ohne etwas um sich herum zu sehen, ebenso wie die anderen die Füße und blieb ebenso stehen, wenn alle anderen stehenblieben.

Während dieser Zeit hatte Pierre nur einen einzigen Gedanken im Kopf. Es war der Gedanke: Wer, wer hatte ihn denn eigentlich zum Tod verurteilt? Es waren nicht jene Leute gewesen, die ihn in der Sitzung vernommen hatten, von denen hatte es offenbar keiner tun wollen und auch nicht tun können. Auch Davoust war es nicht gewesen, der ihn so menschlich angesehen hatte. Noch einen Augenblick, und Davoust hätte eingesehen, daß sie ein Unrecht begingen, aber diesen Augenblick hatte der eintretende Adjutant verhindert. Auch dieser Adjutant wollte offenbar nichts Böses, er hätte ebenso auch nicht eintreten können. Wer war es also, der ihn bestrafte, tötete, seines Lebens beraubte, seines Lebens mit allen seinen Erinnerungen, seinem Streben, seinen Hoffnungen und Grübeleien? Wer tat das? Und Pierre fühlte, daß es niemand war.

Es war die Ordnung, das Zusammentreffen von Umständen.

Irgendeine Ordnung tötete ihn, Pierre, beraubte ihn seines Lebens, nahm ihm alles, vernichtete ihn.

11

Von dem Haus des Fürsten Schtscherbatow wurden die Gefangenen gerade hinunter auf das Jungfernfeld geführt, etwas links vom Jungfernkloster, bis zu einem Platz, wo ein Pfahl errichtet war. Hinter dem Pfahl war die Erde zu einer großen Grube frisch ausgegraben, und um die Grube und den Pfahl herum stand eine vielköpfige Menschenmenge. Diese Menge bestand aus nur wenigen Russen, aber einer großen Anzahl zusammengelaufener Napoleonischer Soldaten: Deutscher, Italiener und Franzosen in den verschiedensten Uniformen. Rechts und links vom Pfahl standen in Reih und Glied französische Soldaten in blauen Uniformen mit roten Achselstücken, Stiefeletten und Tschakos.

Man stellte die Verbrecher in der bestimmten Reihenfolge, wie sie in der Liste standen, auf – Pierre war der sechste – und führte sie bis an den Pfahl. Plötzlich ertönten auf beiden Seiten Trommelwirbel, und Pierre fühlte, wie dieser Klang seine Seele in Stücke riß. Er war nicht mehr imstande zu denken und zu überlegen, er konnte bloß noch hören und sehen. Er hatte nur noch den einen Wunsch, daß das Schreckliche, das geschehen mußte, recht bald geschehen möchte. Er sah sich nach seinen Leidensgenossen um und betrachtete sie.

Die beiden ersten in der Reihe waren Zuchthäusler mit geschorenen Köpfen, der eine groß und hager, der andere ein schwarzer, struppiger, muskulöser Mensch mit breitgedrückter Nase. Der dritte war ein Hausmeister von etwa fünfundvierzig Jahren mit grauem Haar und dickem wohlgenährtem Leib, der vierte ein Bauer, ein sehr schöner Mann mit breitem blondem Bart und schwarzen Augen. Der fünfte war ein Fabrikarbeiter, ein magerer, gelber Bursche von achtzehn Jahren im Arbeitskittel.

Pierre hörte, daß die Franzosen berieten, wie man sie erschießen solle: je einen oder je zwei auf einmal. »Je zwei«, bestimmte der rangälteste Offizier kalt und ruhig. Eine Bewegung lief durch die Reihen der Soldaten, und man merkte, daß sie es alle sehr eilig hatten. Aber sie beeilten sich nicht so, wie man es tut, um ein allen verständliches Werk zu vollbringen, sondern so, wie man hastet, um eine unangenehme, unbegreifliche, aber nicht zu umgehende Sache zu Ende zu führen.

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