Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Während der beiden Tage, die zwischen dieser Mitteilung und Rostows Besuch lagen, zerbrach sich Prinzessin Marja ununterbrochen den Kopf, wie sie sich gegen Rostow verhalten solle. Bald nahm sie sich vor, nicht in den Salon zu gehen, wenn er zu ihrer Tante komme, unter dem Vorwand, daß es für sie in ihrer tiefen Trauer unpassend sei, Gäste zu empfangen; bald dachte sie wieder, daß dies doch nach alldem, was er für sie getan habe, unhöflich wäre. Dann wieder kam ihr der Gedanke in den Sinn, ihre Tante und die Gouverneursfrau könnten Absichten in bezug auf sie und Rostow haben, die Blicke und Worte der beiden schienen mitunter diese Annahme zu bestätigen, doch dann glaubte sie wieder, nur sie in ihrer Verderbtheit könne so etwas von diesen beiden denken: sie müßten ja doch einsehen, daß eine solche Werbung in ihrer Lage, wo sie die tiefe Trauer noch nicht abgelegt habe, sowohl für sie als auch für das Andenken ihres Vaters beleidigend wäre. Und wenn sie sich dann vornahm, zu ihm in den Salon hineinzugehen, überlegte sie sich alle Worte, die er zu ihr und sie zu ihm sagen werde, doch alle diese Worte erschienen ihr bald unverdient kalt, bald zu vielsagend. Doch was sie mehr als alles andere fürchtete, war die Verlegenheit, die, wie sie fühlte, sie übermannen und verraten müsse, sobald sie ihn nur sehen werde.
Aber als dann am Sonntag nach der Messe der Diener im Salon meldete, daß Graf Rostow gekommen sei, zeigte sich Prinzessin Marja durchaus nicht verlegen; nur eine leichte Röte trat auf ihre Wangen, und ihre Augen erstrahlten in einem neuen, leuchtenden Glanz.
»Sie haben ihn schon gesehen, Tantchen?« fragte Prinzessin Marja mit ruhiger Stimme; sie begriff selber nicht, wie sie äußerlich so ruhig und natürlich scheinen konnte.
Als Rostow ins Zimmer trat, senkte Prinzessin Marja für einen Augenblick den Kopf, wie um dem Gast Zeit zu lassen, die Tante zu begrüßen, dann aber, im selben Augenblick, als sich Nikolaj zu ihr wandte, hob sie den Kopf wieder und begegnete seinen Blicken mit leuchtenden Augen. Mit einer Bewegung voll Anmut und Würde erhob sie sich mit freudigem Lächeln, streckte ihm ihre feine, zarte Hand entgegen und fing mit einer Stimme zu reden an, aus der zum erstenmal neue, frauenhafte, innige Töne herausklangen. Mademoiselle Bourienne, die gerade im Salon war, blickte Prinzessin Marja mit staunender Bewunderung an. Sie selber, die geschickte Kokette, hätte sich bei der Begegnung mit einem Mann, dem sie gefallen wollte, keines besseren Kunstgriffs bedienen können.
Entweder steht ihr Schwarz so gut zu Gesicht oder sie ist wirklich hübscher geworden, und ich habe es nur nicht bemerkt. Aber vor allem: dieser Takt, diese Anmut! dachte Mademoiselle Bourienne.
Wäre Prinzessin Marja in diesem Augenblick imstande gewesen, zu denken, so hätte sie sich sicherlich noch viel mehr als Mademoiselle Bourienne über die Veränderung gewundert, die mit ihr vorgegangen war.
Von dem Augenblick an, wo sie dieses hübsche, geliebte Gesicht wiedergesehen hatte, war eine neue Lebenskraft über sie gekommen und hatte sie zum Reden und Handeln gezwungen, ob sie nun wollte oder nicht. Seit Rostow eingetreten war, schien ihr Gesicht plötzlich wie umgewandelt. Wie die kunstvolle, feine, mühsame Arbeit an den Seitenwänden einer gemalten oder geschnitzten Laterne, die bis dahin grob, dunkel und zwecklos schien, plötzlich in überraschender Schönheit hervortritt, sobald man innen das Licht anzündet, so wandelte sich auch das Gesicht der Prinzessin Marja. Zum erstenmal trat die ganze rein geistige, innere Arbeit, der sie bisher ihr Leben gewidmet hatte, äußerlich zutage. Alles, was sie, stets mit sich unzufrieden, sich innerlich erarbeitet hatte, ihre Leiden, ihr Streben nach dem Guten, ihre Demut, ihre Liebe, ihre Selbstaufopferung – dies alles strahlte jetzt aus ihren leuchtenden Augen, aus ihrem feinen Lächeln, aus jedem Zug ihres zarten Gesichtes.
Rostow sah dies alles so klar, als läge ihr ganzes Leben offen vor ihm. Er fühlte, daß dieses Wesen, das da vor ihm stand, so ganz anders und besser war als alle, die er bisher getroffen hatte, und vor allem auch besser als er selber.
Ihre Unterhaltung war höchst einfach und unbedeutend. Sie sprachen vom Krieg, wobei sie unwillkürlich, wie alle, ihre Leiden bei diesem Ereignis übertrieben, sprachen von ihrem letzten Zusammentreffen – hier bemühte sich Nikolaj, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben –, sprachen von der guten Gouverneursfrau und von Nikolajs und Prinzessin Marjas Verwandten.
Prinzessin Marja sprach nicht von ihrem Bruder und lenkte das Gespräch stets auf etwas anderes, sooft die Tante von Andrej zu reden anfing. Über das Elend Rußlands konnte sie offenbar in den üblichen, gemachten Phrasen reden, doch ihr Bruder stand ihrem Herzen zu nahe, als daß sie über ihn so leichthin hätte reden wollen und können. Nikolaj bemerkte dies, wie er überhaupt bei Prinzessin Marja mit einer ihm sonst nicht eignen, scharfen Beobachtungsgabe all die feinen Charakterzüge wahrnahm, die alle in ihm nur noch mehr die Überzeugung bestätigten, daß sie ein eigenartiger, außergewöhnlicher Mensch war. Ebenso wie Prinzessin Marja wurde auch Nikolaj rot und verlegen, wenn man mit ihm von der Prinzessin sprach oder wenn er auch nur an sie dachte, war er aber mit ihr zusammen, so fühlte er sich vollkommen frei und sagte durchaus nicht, was er sich zurechtgelegt hatte, sondern stets nur, was ihm im Augenblick und immer an rechter Statt in den Sinn kam.
Als während der kurzen Zeit seines Besuches einmal für einen Augenblick eine Pause eintrat, nahm Nikolaj, wie das ja dort, wo Kinder sind, immer zu geschehen pflegt, seine Zuflucht zu dem kleinen Sohn des Fürsten Andrej, liebkoste und fragte ihn, ob er auch einmal Husar werden wolle. Er nahm den Kleinen auf den Arm, schwenkte ihn lustig hin und her und sah dabei Prinzessin Marja an. Ihr gerührter, glücklicher und schüchterner Blick folgte dem geliebten Knaben auf den Armen des geliebten Mannes. Nikolaj bemerkte auch diesen Blick, wurde, als verstünde er dessen Bedeutung, vor Freude rot und küßte den Kleinen gutmütig heiter.
Prinzessin Marja ging wegen der Trauer nicht aus, und Nikolaj hielt es nicht für passend, öfter zu ihnen zu kommen, aber die Gouverneursfrau setzte trotzdem ihre Werbetätigkeit fort, erzählte Nikolaj alles Schmeichelhafte wieder, was Prinzessin Marja über ihn gesagt hatte, und umgekehrt, und bestand endlich darauf, daß Rostow sich der Prinzessin erklären solle. Zu diesem Zweck vermittelte sie eine Begegnung der beiden jungen Leute beim Bischof vor der Messe.
Rostow sagte der Gouverneursfrau zwar, er werde sich Prinzessin Marja gegenüber nicht erklären, versprach aber dennoch zu kommen.
Ebenso wie sich Nikolaj schon in Tilsit nicht erlaubt hatte, zu zweifeln, ob das, was von allen als gut befunden wurde, wirklich auch gut war, so hielt er es auch jetzt: nach einem kurzen, aber ehrlichen Kampf zwischen dem Versuch, sein Leben nach eignem Ermessen einzurichten, und einer ergebenen Unterordnung unter die Verhältnisse wählte er die Unterordnung und überließ sich jener Gewalt, die ihn – das fühlte er – unwiderstehlich mit sich fortriß, ohne daß er wußte wohin. Er war sich bewußt, daß, wenn er jetzt, wo er mit Sonja verlobt war, der Prinzessin Marja seine Gefühle ausspräche, dies eine Handlung wäre, die er als Gemeinheit zu bezeichnen pflegte, und fühlte, daß er eine Gemeinheit niemals begehen könne. Er wußte aber ebenfalls, und wenn es ihm auch nicht klar zum Bewußtsein kam, so fühlte er es wenigstens in tiefster Seele, daß, wenn er sich jetzt der Macht der Umstände und der Menschen, die ihn leiteten, überließ, er nicht nur nichts Schlechtes begehe, sondern etwas sehr, sehr Bedeutungsvolles, etwas so Bedeutungsvolles, wie er es in seinem Leben noch nie vollbracht hatte.