Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nach seinem Wiedersehen mit Prinzessin Marja war zwar seine Lebensweise äußerlich dieselbe geblieben, aber alle seine früheren Vergnügungen hatten für ihn ihren Reiz verloren. Er beschäftigte sich in Gedanken oft mit Prinzessin Marja, aber er dachte an sie niemals so, wie er ausnahmslos an alle die jungen Damen, denen er in der großen Welt begegnet war, gedacht und wie er sich lange und zu einer gewissen Zeit mit Entzücken in Gedanken mit Sonja beschäftigt hatte. Jedes dieser jungen Mädchen hatte er sich, wie fast jeder ehrenhafte junge Mann, als seine künftige Frau vorgestellt, ihm in Gedanken alle Einzelheiten des Ehelebens anprobiert: den weißen Morgenrock, die Hausfrau beim Samowar, den Wagen der gnädigen Frau, Mama und Papa, die Kinderchen, deren Verhältnis zur Mutter und so weiter, und so weiter, und diese Vorstellungen hatten ihm immer Freude bereitet. Doch wenn er an Prinzessin Marja dachte, die man mit ihm verheiraten wollte, konnte er sich aus dem künftigen Eheleben mit ihr nicht ein einziges Bild ausmalen. Sooft er es versuchte, immer kam etwas Ungereimtes und Unechtes dabei heraus, und er empfand bei diesen Gedanken nur ein beängstigendes Gefühl.
7
Die furchtbare Nachricht von der Schlacht bei Borodino, unseren Verlusten an Gefallenen und Verwundeten, und, was noch schrecklicher war, die Kunde von der Preisgabe Moskaus, trafen Mitte September in Woronesch ein. Prinzessin Marja hatte von der Verwundung ihres Bruders nur durch die Zeitungen gehört und keine bestimmten Nachrichten über ihn erhalten können, und schickte sich deshalb an, wie Nikolaj gehört hatte – er selber sah sie ja nicht –, ihren Bruder zu suchen.
Bei der Kunde von der Schlacht bei Borodino empfand Rostow nicht gerade Verzweiflung, Grimm, Rachedurst oder ähnliche Gefühle, aber es wurde ihm auf einmal in Woronesch langweilig und unbehaglich, als fühlte er sich beschämt und bedrückt. Alle Gespräche, die er hörte, kamen ihm gemacht vor, er wußte nicht, was für ein Urteil er sich über das Ganze bilden sollte, und fühlte, daß er sich nur bei seinem Regiment allein über dies alles klarwerden könne. Er beeilte sich, mit dem Einkaufen der Pferde fertig zu werden, und fuhr seinen Burschen und den Wachtmeister oft ungerecht hitzig an.
Einige Tage vor Rostows Abreise sollte im Dom ein Dankgebet für den Sieg, den die russischen Truppen errungen hatten, verlesen werden, und Nikolaj begab sich zur Messe dorthin. Er stand etwas hinter dem Gouverneur und wohnte mit dienstlicher Gemessenheit dem Gottesdienst bis zu Ende bei, beschäftigte sich aber während des in Gedanken mit den verschiedensten Dingen. Als die kirchliche Feier zu Ende war, rief ihn die Frau des Gouverneurs zu sich heran.
»Hast du die Prinzessin gesehen?« fragte sie und wies mit einer Kopfbewegung auf eine Dame in Schwarz, die an den Chorstufen stand.
Nikolaj erkannte sogleich Prinzessin Marja, weniger an ihrem Profil, das unter dem Hut hervorschaute, als an einem Gefühl der Rücksicht, der Bangigkeit und des Mitleids, das sich bei ihrem Anblick seiner bemächtigte. Prinzessin Marja war offenbar ganz in ihre Gedanken versunken und nahm, ehe sie die Kirche verließ, die letzten Bekreuzigungen vor.
Nikolaj betrachtete sie mit Verwunderung. Es war dasselbe Gesicht, das er schon früher gesehen hatte, derselbe Gesamtausdruck feiner, innerer, geistiger Arbeit lag auf ihm, aber die Beleuchtung war jetzt anders. Ein rührender Ausdruck von Leid, Andacht und Hoffnung prägte sich in ihren Zügen aus. Wie es Nikolaj schon früher immer in ihrer Gegenwart gegangen war, so wartete er auch jetzt den Rat der Gouverneursfrau, ob er zu ihr hingehen solle, nicht ab, fragte sich nicht erst lange, ob es gut und passend sei oder nicht, wenn er sie hier in der Kirche anrede, sondern trat auf sie zu und sagte, er habe von ihrem Kummer gehört und fühle von ganzer Seele mit ihr. Kaum hatte sie seine Stimme gehört, als sich plötzlich eine helle Röte über ihr Gesicht ergoß, die gleichzeitig ihren Kummer wie ihre Freude bestrahlte.
»Ich wollte Ihnen nur das eine sagen, Prinzessin«, fuhr Rostow fort, »wenn Fürst Andrej Nikolajewitsch wirklich nicht mehr am Leben wäre, müßte das, da er ja Regimentskommandeur ist, sogleich durch die Zeitungen bekanntgegeben worden sein.«
Prinzessin Marja sah ihn an, ohne seine Worte zu verstehen, aber der Ausdruck der Teilnahme an ihrem Leid, der auf seinem Gesicht geschrieben stand, tat ihr wohl.
»Und ich kenne so viele Fälle, daß Wunden von Granatsplittern« – so hatte es in der Zeitung gestanden – »entweder gleich tödlich oder im Gegenteil sehr leicht gewesen sind«, fuhr Nikolaj fort. »Wir müssen das Beste hoffen, und ich bin überzeugt …«
Prinzessin Marja unterbrach ihn.
»Oh, das wäre auch zu entsetz …« fing sie an, konnte aber vor Aufregung nicht zu Ende sprechen, senkte mit einer anmutigen Bewegung – wie alles, was sie in seiner Gegenwart tat, anmutig war – den Kopf, sah ihn dankbar an und ging hinter ihrer Tante her.
Am Abend dieses Tages ging Nikolaj nicht in Gesellschaft, sondern blieb zu Hause, um mit den Abrechnungen für die Pferdehändler fertig zu werden. Als er diese Arbeiten beendet hatte, war es bereits zu spät, um noch irgendwohin zu gehen, aber auch noch zu früh, um sich schlafen zu legen, und so schritt Nikolaj lange allein in seinem Zimmer auf und ab und dachte, was bei ihm selten vorkam, über sein Leben nach.
Prinzessin Marja hatte schon in Smolensk einen angenehmen Eindruck auf ihn gemacht. Daß er damals unter so eigenartigen Umständen mit ihr bekannt geworden war, wo doch schon seine Mutter ihm seinerzeit nahegelegt hatte, daß sie eine gute Partie für ihn sei, hatte zur Folge gehabt, daß er ihr besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. In Woronesch war nun während der Zeit seines Besuches dieser Eindruck nicht nur angenehm, sondern sogar sehr stark gewesen. Nikolaj war überrascht von der eigenartigen, inneren Schönheit, die er dieses Mal an ihr wahrgenommen hatte. Dennoch schickte er sich an abzureisen, und es kam ihm gar nicht in den Sinn, zu bedauern, daß ihm seine Abreise aus Woronesch jede Gelegenheit nahm, die Prinzessin zu sehen. Doch seine heutige Begegnung mit ihr in der Kirche, Nikolaj fühlte das, hatte sich tiefer in sein Herz gegraben, als er vorausgesehen hatte, tiefer, als er es um seiner Ruhe willen gewünscht hätte. Dieses blasse, feine, bekümmerte Gesicht, dieser leuchtende Blick, diese ruhigen, anmutigen Bewegungen und vor allem dieses tiefe, innige Leid, das aus jedem ihrer Gesichtszüge gesprochen hatte, hatten ihn tief ergriffen und seine Teilnahme erregt. Bei Männern konnte Rostow diesen Ausdruck eines höheren, geistigen Lebens nicht ausstehen, deshalb mochte er auch den Fürsten Andrej nicht leiden. Er nannte das geringschätzig: philosophische Schwärmerei. Doch bei Prinzessin Marja empfand er diese ihm fremde geistige Welt, die sich ihm in ihrem Herzeleid in ihrer ganzen Tiefe offenbarte, als unwiderstehlichen Reiz.
Sie muß ein wunderbares Mädchen sein. Wirklich ein Engel, sagte er sich. Warum bin ich nicht frei, warum habe ich mich mit Sonja so übereilt? Und unwillkürlich kam ihm ein Vergleich zwischen den beiden in den Sinn: bei der einen dieser Mangel, bei der anderen dieser Reichtum an geistigen Gaben, die er selber nicht besaß und deshalb so hoch schätzte. Er versuchte sich vorzustellen, was werden würde, wenn er frei wäre. Wie sollte er ihr einen Antrag machen, und wie würde sie diesen Antrag aufnehmen? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Ihm wurde bang ums Herz, und er konnte sich kein klares Bild machen. Mit Sonja hatte er sich schon längst sein Zukunftsbild ausgemalt, hier war alles so einfach, so klar, hauptsächlich deshalb, weil er es selbst ausgedacht hatte und Sonja ganz und gar kannte. Mit Prinzessin Marja aber war es ihm unmöglich, sich ein künftiges Zusammenleben auszumalen, weil er sie nicht verstand, sondern nur liebte.