Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Ein französischer Beamter mit einer Schärpe trat an die rechte Spitze der Verbrecherreihe und verlas das Urteil in russischer und französischer Sprache.
Darauf traten zwei Paar Franzosen auf die Verbrecher zu und ergriffen auf Befehl des Offiziers die beiden Zuchthäusler, die als die ersten in der Reihe standen. Die Zuchthäusler schritten auf den Pfahl zu, blieben dann stehen und schauten sich, während man die Säcke herbeibrachte, nach den Soldaten um, wie ein angeschossenes Wild den herannahenden Jäger anblickt. Der eine bekreuzigte sich ununterbrochen, der andere kratzte sich den Rücken und bewegte die Lippen, was wie ein Lächeln aussah. Die Soldaten fingen mit eiligen Händen an, ihnen die Augen zu verbinden, die Säcke über den Kopf zu ziehen und sie an den Pfahl zu fesseln.
Zwölf Schützen, das Gewehr in der Hand, traten mit gemessenen festen Schritten aus den Reihen vor und machten acht Schritt vom Pfahl entfernt halt. Pierre wandte sich ab, um das nicht zu sehen, was nun kam. Plötzlich ertönte ein Krachen und Dröhnen, das Pierre lauter schien als der furchtbarste Donner. Er sah sich um. Alles war in Rauch gehüllt, und die Franzosen machten sich mit bleichen Gesichtern und zitternden Händen an der Grube zu schaffen. Die zwei nächsten wurden vorgeführt. Mit denselben Blicken sahen sich auch diese beiden um, flehten schweigend und nur mit den Augen vergeblich um Schutz und begriffen und glaubten offenbar noch nicht, was kommen sollte. Sie konnten es nicht glauben, weil nur sie wußten, was ihnen das Leben war, und konnten deshalb auch weder begreifen noch für möglich halten, daß man es ihnen nehmen könne.
Pierre wollte nicht hinsehen und wandte sich wieder ab. Abermals schlug ein furchtbares Krachen an sein Ohr, und gleichzeitig erblickte er wieder Rauchwolken und Blut und die bleichen, entsetzten Gesichter der Franzosen, die wieder am Pfahl etwas taten und einander mit zitternden Händen stießen. Pierre blickte schweratmend ringsum, als wolle er fragen: Was soll dies alles? Und dieselbe Frage lag auch in den Augen all derer, denen Pierre mit seinen Blicken begegnete.
Auf allen diesen Gesichtern der Russen, der französischen Söldlinge und Offiziere las er ohne Ausnahme denselben Schrecken, dasselbe Grauen, denselben Kampf, kurz alles, was auch sein Herz erfüllte. Aber wer tut das nun eigentlich? Sie alle leiden ebenso wie ich. Wer tut es? Wer tut es? blitzte es für einen Augenblick in Pierres Seele auf.
»Tirailleurs du 86ième en avant!« schrie jemand. Der fünfte, der neben Pierre gestanden hatte, wurde allein vorgeführt. Pierre verstand nicht, daß er gerettet war, daß er und die übrigen nur hierhergeführt worden waren, um der Todesstrafe beizuwohnen. Mit immer größer werdendem Entsetzen blickte er, ohne Freude oder Beruhigung zu empfinden, auf das, was geschah. Der fünfte war der Fabrikarbeiter im Arbeitskittel. Als man ihn anfaßte, sprang er vor Entsetzen zurück und klammerte sich an Pierre. Pierre erbebte und machte sich von ihm los. Der Arbeiter war nicht imstande zu gehen. Sie packten ihn unter den Armen und schleppten ihn hin, wobei er irgend etwas schrie. Als man ihn bis zum Pfahl geschafft hatte, wurde er auf einmal still. Er schien plötzlich etwas zu begreifen. Ob er nun einsah, daß sein Schreien umsonst war, oder es für unmöglich hielt, daß diese Menschen ihn töteten, genug, er stand ruhig am Pfahl, wartete, daß man ihm, wie den anderen, die Augen verbinde, und schaute sich wie ein angeschossenes Wild mit glänzenden Augen um.
Pierre konnte es nicht mehr über sich gewinnen, sich abzuwenden und die Augen zu schließen. Seine Neugier und Erregung hatten, ebenso wie die der Menge, bei diesem fünften Mord den Höhepunkt erreicht. Ganz wie die anderen schien auch dieser fünfte ruhig zu sein: er zog seinen Kittel zu und rieb das eine nackte Bein am andern.
Als ihm die Augen verbunden wurden, brachte er selbst den Knoten am Hinterkopf in Ordnung, weil er ihn drückte, ließ sich dann, als man ihn gegen den blutigen Pfahl lehnen wollte, an diesen zurückfallen, da ihm aber diese Lage unbequem war, verbesserte er sie, stellte die Beine gleichmäßig nebeneinander und lehnte sich dann ruhig an. Pierre verwandte kein Auge von ihm, so daß ihm nicht die geringste seiner Bewegungen entging.
Jetzt mußte das Kommando ertönen, und nach dem Kommando die Schüsse aus acht Gewehren knattern. Aber so sehr sich Pierre dann auch daran zu erinnern bemühte, er hatte nicht das leiseste Geräusch von Schüssen vernommen. Er sah nur, wie der Fabrikarbeiter plötzlich aus irgendeinem Grund über die Stricke hinsank, wie sich an zwei Stellen Blut zeigte, wie die Stricke unter der Last des herabhängenden Körpers locker wurden und der Fabrikarbeiter mit unnatürlich vorgeneigtem Kopf und zusammengeknickten Beinen kauernd zu Boden sank. Pierre lief auf den Pfahl zu. Niemand hielt ihn zurück. Erschrockene, bleiche Soldaten machten sich um den Erschossenen zu schaffen. Einem alten, bärtigen Franzosen zitterte der Unterkiefer, als er die Stricke abnahm. Der Körper sank nun ganz herab. Ungeschickt und hastig schleppten ihn die Soldaten hinter den Pfahl und stießen ihn in die Grube.
Alle schienen sich ohne Zweifel bewußt zu sein, daß sie Verbrecher waren, die so schnell wie möglich die Spuren ihres Verbrechens tilgen mußten.
Pierre blickte in die Grube und sah, wie der Fabrikarbeiter mit bis fast an den Kopf hinaufgebogenen Knien dalag, die eine Schulter höher als die andere. Und diese Schulter hob und senkte sich krampfhaft und gleichmäßig. Aber schon schippten sie Schaufeln voll Erde über den ganzen Körper. Einer der Soldaten schrie Pierre ärgerlich, grimmig und gereizt zu, er solle zurücktreten. Doch Pierre verstand ihn nicht, blieb am Pfahl stehen, und niemand jagte ihn weg.
Als die Grube ganz zugeschüttet war, ertönte ein Kommando. Pierre wurde auf seinen Platz zurückgeführt, und die französischen Soldaten, die zu beiden Seiten des Pfahles in Reih und Glied gestanden hatten, machten eine halbe Wendung und fingen an, in gemessenen Schritten an dem Pfahl vorbeizumarschieren. Die vierundzwanzig Schützen mit entladenen Gewehren, die in der Mitte des Kreises standen, kehrten im Laufschritt an ihre Plätze zurück, als ihre Kompanien an ihnen vorüberzogen.
Mit verständnislosen Blicken sah Pierre auf die Schützen hin, die je zwei und zwei aus dem Kreis herausliefen. Alle hatten sich wieder ihren Kompanien angeschlossen bis auf einen. Dieser, ein junger Soldat mit leichenblassem Gesicht, stand, den Tschako zurückgeschoben und die Flinte gesenkt, noch immer der Grube gegenüber an dem Platz, von wo aus er geschossen hatte. Er wankte wie ein Trunkener und machte bald ein paar Schritte nach vorn, bald ein paar nach hinten, um seinen taumelnden Körper aufrechtzuhalten. Ein alter Unteroffizier lief aus den Reihen, packte den jungen Soldaten an der Schulter und zog ihn zur Kompanie zurück. Die Menge der Russen und Franzosen fing an, sich zu zerstreuen. Alle gingen schweigend und mit gesenkten Köpfen auseinander.
»Das wird sie lehren, was Brandstiften heißt«, sagte einer der Franzosen.
Pierre sah sich nach dem Sprecher um und sah, daß dies ein Soldat war, der sich über das Geschehene irgendwie trösten wollte, es aber doch nicht fertigbrachte. Ohne zu Ende zu sprechen, machte er eine Bewegung mit der Hand und ging weiter.
12
Nach der Hinrichtung wurde Pierre von den übrigen Gefangenen getrennt und allein in einer zerstörten, schmutzigen Kirche untergebracht.
Gegen Abend kam der wachthabende Unteroffizier mit zwei Soldaten in die Kirche und erklärte Pierre, daß er begnadigt sei und jetzt in die Baracken zu den Kriegsgefangenen komme. Ohne zu begreifen, was man zu ihm sagte, stand Pierre auf und ging mit den Soldaten hinaus.
Sie brachten ihn zu den hölzernen Schuppen, die sie oberhalb des Feldes aus angekohlten Brettern, Balken und Pfosten errichtet hatten, und führten ihn in einen von ihnen hinein. Dort im Dunkeln fühlte sich Pierre sogleich von etwa zwanzig Menschen umringt. Er sah sie an, ohne zu begreifen, was das für Leute waren, warum sie sich hier befanden und was sie von ihm wollten. Er hörte wohl die Worte, die sie sprachen, konnte aber keinerlei Schlüsse und Folgerungen daraus ziehen, da er ihren Sinn nicht verstand. Er antwortete auf das, was man ihn fragte, achtete aber nicht darauf, ob jemand auf ihn hörte, oder wie man seine Antworten aufnahm. Er blickte auf ihre Gesichter und Gestalten, und alle erschienen ihm gleich unverständlich.