Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ah!« machte Rastoptschin. Er wandte seinen Blick von dem jungen Mann im Fuchspelz schnell ab und sagte, indem er auf die unterste Stufe der Freitreppe wies: »Stellt ihn hierher!«
Der junge Mann trat, mit den Fußfesseln klirrend, schwerfällig auf die ihm angewiesene Stufe, drehte, indem er mit einem Finger den ihn kneifenden Kragen des Pelzes festhielt, den langen Hals zweimal hin und her und legte seufzend mit einer demütigen Gebärde seine schmalen, an körperliche Arbeit offenbar nicht gewöhnten Hände vor dem Leib zusammen.
Einige Sekunden, während deren der junge Mensch sich auf der Stufe zurechtstellte, vergingen unter Stillschweigen. Nur in den hinteren Reihen der nach einem Punkt hindrängenden Menge hörte man Räuspern, Stöhnen, Stoßen und das Geräusch hin und her tretender Füße.
Rastoptschin, der gewartet hatte, bis der junge Mensch auf dem angewiesenen Platz stand, zog finster die Brauen zusammen und rieb sich mit der Hand das Gesicht.
»Kinder!« sagte Rastoptschin mit metallisch klingender, volltönender Stimme, »dieser Mensch, Wereschtschagin, das ist der Schurke, durch den Moskau zugrunde geht.«
Der junge Mensch in dem kurzen Fuchspelz stand in demütiger Haltung da, die Hände vor dem Leib zusammengelegt, die ganze Gestalt ein wenig zusammengekrümmt. Sein abgemagertes, durch den rasierten Kopf entstelltes jugendliches Gesicht mit dem hoffnungslosen Ausdruck war zu Boden gesenkt. Bei den ersten Worten des Grafen hatte er langsam den Kopf erhoben und von unten nach dem Grafen hingeblickt, als wollte er ihm etwas sagen oder wenigstens seinen Blick auffangen. Aber Rastoptschin sah ihn nicht an. An dem langen, dünnen Hals des jungen Mannes schwoll die Ader hinter dem Ohr wie ein Strick an und färbte sich bläulich, und plötzlich wurde sein Gesicht rot.
Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Er blickte nach der Volksmenge hin, und wie wenn der Ausdruck, den er auf den Gesichtern der Leute wahrnahm, seine Hoffnung ein wenig belebt hätte, lächelte er traurig und schüchtern; dann ließ er den Kopf wieder sinken und stellte sich mit den Füßen auf der Stufe zurecht.
»Er hat seinen Zaren und sein Vaterland verraten, er hat sich diesem Bonaparte hingegeben, er allein unter allen Russen hat dem Namen eines Russen Schande gemacht, und durch seine Schuld geht Moskau zugrunde«, sagte Rastoptschin mit gleichmäßiger, scharfer Stimme; plötzlich aber sah er schnell auf Wereschtschagin hinunter, der immer noch in derselben demütigen Haltung dastand. Wie wenn dieser Anblick ihn in Empörung versetzt hätte, hob er den Arm in die Höhe und rief, zum Volk gewendet, fast schreiend:
»Vollstreckt selbst an ihm das Urteil! Ich übergebe ihn euch!«
Das Volk schwieg und drängte sich nur noch enger aneinander. So dicht einander zu berühren, diese verdorbene, stickige Luft zu atmen, sich nicht bewegen zu können und auf etwas Unbekanntes, Unbegreifliches, Furchtbares zu warten, das wurde unerträglich. Diejenigen, die sich in den vorderen Reihen befanden und alles, was vor ihnen vorging, gesehen und gehört hatten, standen alle mit angstvoll aufgerissenen Augen und offenem Mund da und hielten unter Anspannung aller ihrer Kräfte mit ihrem Rücken den Andrang ihrer Hintermänner auf.
»Schlagt ihn nieder …! Möge der Verräter umkommen und nicht länger den Namen eines Russen verunehren!« schrie Rastoptschin. »Schlagt ihn nieder! Ich befehle es!«
Durch die Menge, die nicht sowohl die Worte als den zornigen Klang der Stimme Rastoptschins gehört hatte, ging ein Ton wie ein Stöhnen; sie bewegte sich vorwärts, blieb dann aber wieder stehen.
»Graf!« sagte inmitten des wieder eingetretenen momentanen Schweigens Wereschtschagin mit schüchterner und zugleich etwas theatralisch klingender Stimme. »Graf, nur Gott, der über uns ist …« Er hatte den Kopf aufgerichtet, und von neuem füllte sich die dicke Ader an seinem dünnen Hals mit Blut, und eine schnelle Röte trat auf sein Gesicht und verschwand wieder.
Er kam nicht dazu, das, was er sagen wollte, zu Ende zu sprechen.
»Schlagt ihn nieder! Ich befehle es!« schrie Rastoptschin, der auf einmal ebenso blaß wurde wie Wereschtschagin.
»Blank ziehen!« schrie der Offizier den Dragonern zu und zog selbst den Säbel aus der Scheide.
Eine zweite, noch stärkere Welle ging durch die Volksmenge dahin, setzte, als sie zu den ersten Reihen gelangt war, die vorn Stehenden in Bewegung und trug sie schaukelnd bis dicht an die Stufen der Freitreppe. Der lange Bursche stand mit gleichsam versteinertem Gesichtsausdruck, den Arm regungslos erhoben, neben Wereschtschagin.
»Haut zu!« sagte, beinahe flüsternd, der Offizier zu den Dragonern.
Und einer von den Soldaten versetzte mit wutentstelltem Gesicht Wereschtschagin plötzlich mit der flachen Klinge einen Hieb über den Kopf.
»Ah!« schrie Wereschtschagin vor Überraschung kurz auf, indem er sich erschrocken umblickte und nicht zu begreifen schien, warum man ihm das tat. Ein ähnliches Stöhnen der Überraschung und des Schrecks lief durch die Menge. »O mein Gott!« rief jemand in klagendem Ton.
Aber unmittelbar nach diesem Ausruf der Überraschung, den Wereschtschagin unwillkürlich ausgestoßen hatte, schrie er kläglich vor Schmerz auf, und dieser Schrei war sein Verderben. Jene bereits dem Höchstdruck ausgesetzte Schranke menschlichen Gefühls, durch die bisher noch die Menge zurückgehalten war, wurde nun augenblicklich durchbrochen. Das Verbrechen war begonnen; jetzt mußte es auch durchgeführt werden. Das klagende Stöhnen des Vorwurfs wurde übertäubt von dem drohenden Zorngebrüll der Menge. Wie die letzte, siebente Meereswoge, die die Schiffe zerschmettert, so wälzte sich von den hinteren Reihen her diese letzte Woge unwiderstehlich heran, gelangte bis zu den vordersten Reihen, schlug auf sie nieder und verschlang alles. Der Dragoner, der dem Unglücklichen den ersten Schlag versetzt hatte, wollte noch einmal zuschlagen. Wereschtschagin stürzte mit einem Angstschrei, die Arme zum Schutz über den Kopf haltend, auf die Volksmenge zu. Der lange Bursche, gegen den er prallte, umklammerte Wereschtschagins dünnen Hals mit seinen Händen und fiel, einen wilden Schrei ausstoßend, mit ihm zusammen unter die Füße der brüllenden Menge, die sich über sie warf.
Die einen schlugen und zerrten Wereschtschagin, die andern den langen Burschen. Und das Geschrei der gequetschten Menschen und derjenigen, die den langen Burschen zu retten suchten, diente nur dazu, die Wut der Menge noch zu steigern. Lange konnten die Dragoner den blutüberströmten, halbtot geschlagenen Fabrikarbeiter nicht befreien. Und lange konnten, trotz der fieberhaften Eile, mit der die Menge das einmal begonnene Werk zu Ende zu führen suchte, diejenigen, die Wereschtschagin schlugen, würgten und zerrten, ihn nicht töten; denn die Menge preßte sie von allen Seiten zusammen, schwankte dabei, sie in ihrer Mitte fest umschlossen haltend, wie eine einzige Masse von einer Seite zur andern und ließ ihnen weder die Möglichkeit, ihn vollends zu töten, noch auch, ihn loszulassen.
»Schlagt ihn doch mit dem Beil! Zu, zu …! Habt ihr ihn erwürgt …? Der Verräter! Hat seinen Herrn Jesus Christus verraten …! Er lebt noch … Der hat ein zähes Leben …! Wie die Taten, so der Lohn. Mit dem Beil …! Ist er denn noch lebendig?«
Erst als das Opfer sich nicht mehr wehrte und sein Schreien in ein gleichmäßiges, langgezogenes Röcheln übergegangen war, begann die Menge eilig um den daliegenden, blutbefleckten Leichnam herum Platz zu machen. Ein jeder trat heran, betrachtete, was geschehen war, und drängte mit einer Miene des Schreckens, des Vorwurfs und des Staunens zurück.
»O mein Gott! Das Volk ist doch wie ein wildes Tier! Wer kann dagegen aufkommen?« wurde in der Menge geredet. »Und es ist ein so junger Mensch … gewiß aus dem Kaufmannsstand. Ja, dieses Volk, dieses Volk …! Sie sagen, es ist nicht der richtige … Gewiß wird es nicht der richtige sein … O Gott …! Sie haben noch einen andern zerhauen; es heißt, er ist kaum noch am Leben … Ach, dieses Volk …! Fürchtet sich vor keiner Sünde …« So redeten jetzt dieselben Menschen, die soeben noch mit gerast hatten, und betrachteten mit schmerzlich klagender Miene den toten Körper mit dem bläulich gewordenen, von Blut und Staub beschmutzten Gesicht und dem zerschlagenen langen, dünnen Hals.