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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Euer Erlaucht, es ist jemand aus dem Majoratsdepartement da; der Direktor läßt um Verhaltungsmaßregeln bitten … Aus dem Konsistorium, vom Senat, von der Universität, aus dem Findelhaus; der Vikar hat hergeschickt und läßt fragen … Wie befehlen Sie, daß es mit der Feuerwehr gehalten wird …? Der Gefängnisinspektor … Der Inspektor aus dem Irrenhaus …« Die ganze Nacht über wurde dem Grafen einer nach dem andern gemeldet.

Auf alle diese Anfragen gab der Graf kurze, ärgerliche Antworten, aus denen seine Auffassung der Lage ersichtlich war: daß es keinen Zweck mehr habe, jetzt noch Befehle zu erteilen, daß das ganze so sorgsam von ihm vorbereitete Werk nun von jemand zerstört sei, und daß dieser Jemand die ganze Verantwortung für alles werde zu tragen haben, was jetzt vorgehen werde.

»Na, sage diesem Tölpel«, antwortete er auf die Anfrage aus dem Majoratsdepartement, »er soll hierbleiben und seine Akten bewachen.«

»Na, was fragst du für Unsinn über die Feuerwehr? Wenn sie Pferde haben, mögen sie nach Wladimir fahren. Nichts den Franzosen dalassen.«

»Euer Erlaucht, der Inspektor aus dem Irrenhaus ist da; was befehlen Sie?«

»Was ich befehle? Das Personal mag sämtlich davongehen, weiter nichts … Und die Verrückten sollen sie in die Stadt freilassen. Wenn bei uns Verrückte Armeen kommandieren, so ist es Gottes Wille, daß auch diese frei seien.«

Auf die Frage wegen der Sträflinge, die im Gefängnis saßen, schrie der Graf den Inspektor zornig an:

»Was? Ich soll dir wohl zwei Bataillone zur Eskorte geben? Habe ich nicht! Laß sie raus, abgemacht!«

»Euer Erlaucht, es sind auch politische darunter: Mjeschkow, Wereschtschagin.«

»Wereschtschagin! Ist der noch nicht aufgehängt?« rief Rastoptschin. »Bring ihn zu mir her.«

XXV

Um neun Uhr vormittags, als die russischen Truppen schon durch Moskau hindurchzogen, kam niemand mehr, um Anordnungen des Grafen einzuholen. Wer wegziehen konnte, zog von selbst weg, und die Zurückbleibenden trafen selbst Entscheidung darüber, was sie tun sollten.

Der Graf hatte befohlen, seinen Wagen anzuspannen, um nach Sokolniki zu fahren, und saß nun finster und schweigsam, mit gelblichem Gesicht und mit zusammengelegten Händen in seinem Arbeitszimmer.

Jeder hohe Verwaltungsbeamte hat in ruhigen, nicht stürmischen Zeiten die Vorstellung, daß nur infolge seiner Anstrengungen sich die ganze ihm unterstellte Bevölkerung bewegt, und in diesem Gefühl seiner Unentbehrlichkeit findet jeder hohe Verwaltungsbeamte den hauptsächlichsten Lohn seiner Mühe und Arbeit. Es ist ja auch begreiflich, daß, solange das Meer der Weltgeschichte ruhig ist, der Verwaltungsbeamte, der von seinem schwachen Kahn aus sich mit einer Stange gegen das Schiff des Volkes stemmt und selbst sich mit Händen und Füßen bewegt, glauben muß, das Schiff, gegen das er sich stemmt, bewege sich infolge seiner Anstrengungen. Aber es braucht sich nur ein Sturm zu erheben, das Meer unruhig zu werden und das Schiff sich von selbst zu bewegen, so wird ein Verharren in diesem Irrtum unmöglich. Das Schiff geht unabhängig in mächtiger Fahrt vorwärts, die Stange reicht nicht mehr an das sich bewegende Schiff heran, und der hohe Beamte geht auf einmal aus seiner Stellung als Machthaber und als Quelle der Kraft in die eines nichtigen, unnützen, schwachen Menschen über.

Rastoptschin empfand dies, und das war es, was ihn so reizbar machte.

Der Polizeimeister, den die Volksmenge angehalten hatte, trat zu dem Grafen ins Zimmer, und mit ihm zugleich der Adjutant, welcher meldete, daß der Wagen bereitstehe. Beide sahen bleich aus. Nachdem der Polizeimeister über die Ausführung seines Auftrags Bericht erstattet hatte, teilte er dem Grafen mit, daß eine große Volksmenge, draußen auf dem Hof stehe und ihn zu sehen wünsche.

Rastoptschin stand, ohne ein Wort zu erwidern, auf, begab sich mit schnellen Schritten in seinen luxuriös ausgestatteten, hellen Salon, trat an die Balkontür und griff nach der Klinke; aber er ließ sie wieder los und ging an ein Fenster, von dem aus er die ganze Volksmenge besser sehen konnte. Der lange Bursche stand unter den vordersten und redete etwas mit ernster Miene und beständigen Gestikulationen. Der Schmied mit dem blutigen Gesicht stand in finsterer Haltung neben ihm. Durch die geschlossenen Fenster war das dumpfe Stimmengewirr zu hören.

»Ist der Wagen bereit?« fragte Rastoptschin, vom Fenster zurücktretend.

»Jawohl, Euer Erlaucht«, antwortete der Adjutant.

Rastoptschin trat wieder an die Balkontür.

»Aber was wollen sie denn eigentlich?« fragte er den Polizeimeister.

»Euer Erlaucht, sie sagen, sie hätten sich auf Ihren Befehl versammelt, um gegen die Franzosen zu ziehen, und dann schrien sie etwas von Verrat. Aber die Volksmenge ist gewalttätig, Euer Erlaucht. Ich bin nur mit Mühe von ihr losgekommen. Ich erlaube mir den Vorschlag, Euer Erlaucht …«

»Sie können gehen; ich weiß ohne Sie, was ich zu tun habe«, schrie Rastoptschin ärgerlich.

Er stand an der Balkontür und blickte auf die Menge hinunter. »Das haben sie nun aus Rußland gemacht! Das haben sie aus mir gemacht!« dachte er und fühlte, wie in seinem Herzen ein unbändiger Ingrimm gegen jemand aufstieg, dem die Schuld an allem Geschehenen beigemessen werden könnte. Wie das bei hitzigen Menschen oft vorkommt, hatte sich der Zorn seiner schon bemächtigt, während er immer noch nach einem Gegenstand für denselben suchte. »Da ist sie nun, diese Bande, die Hefe des Volkes«, dachte er, indem er auf die Volksmenge hinblickte, »der Pöbel, den sie durch ihre Dummheit aufgewiegelt haben. Dieser Pöbel braucht ein Opfer«, ging es ihm durch den Kopf, als er den gestikulierenden langen Burschen ansah. Und dieser Gedanke kam ihm deshalb in den Kopf, weil er selbst ein solches Opfer, einen Gegenstand für seinen Zorn, brauchte.

»Ist der Wagen bereit?« fragte er noch einmal.

»Jawohl, Euer Erlaucht. Was befehlen Sie in betreff Wereschtschagins? Er wartet an der Freitreppe«, antwortete der Adjutant.

»Ah!« rief Rastoptschin, wie von einem plötzlichen Einfall überrascht.

Schnell riß er die Tür auf und trat mit entschlossenen Schritten auf den Balkon hinaus. Die Gespräche verstummten sofort; die Mützen wurden abgenommen, und alle Augen richteten sich nach oben zu dem draußen stehenden Grafen.

»Guten Tag, Kinder!« sagte der Graf schnell und laut. »Ich danke euch, daß ihr gekommen seid. Ich werde sofort zu euch nach unten kommen; aber vor allen Dingen müssen wir mit einem Bösewicht fertigwerden. Wir müssen einen Bösewicht bestrafen, der schuld daran ist, daß Moskau zugrunde geht. Wartet einen Augenblick auf mich!«

Der Graf kehrte ebenso schnell wieder in sein Zimmer zurück und schlug die Tür kräftig hinter sich zu.

Durch die Menge lief ein beifälliges Gemurmel der Befriedigung. »Seht ihr wohl, er wird schon mit allen Bösewichtern fertigwerden! Und du sagtest, er wäre ein heimlicher Franzose … er wird ihnen schon ihren Lohn geben!« sagten die Leute, als wollten sie sich untereinander wegen ihres mangelnden Zutrauens Vorwürfe machen.

Einige Minuten darauf trat aus dem Hauptportal eilig ein Offizier heraus, gab den dort stehenden Dragonern einen Befehl, und diese nahmen zum Zeichen des Gehorsams eine stramme Haltung an. Die Menge strömte in Spannung vom Balkon zur Freitreppe hin. Rastoptschin trat mit schnellen Schritten und zorniger Miene aus dem Haus auf die Freitreppe hinaus und warf einen raschen Blick um sich, wie wenn er jemand suchte.

»Wo ist er?« fragte der Graf.

In demselben Augenblick, in dem er das sagte, sah er, wie um die Ecke des Hauses zwischen zwei Dragonern ein junger Mensch herumkam, mit langem, dünnem Hals und halb abrasiertem, halb von Haar bedecktem Kopf. Dieser junge Mann trug einen kurzen, mit blauem Tuch überzogenen Pelz von Fuchsfell, der ehemals elegant gewesen war, jetzt aber sehr abgenutzt aussah, und schmutzige Sträflingshosen von Hanfleinwand, die in ungeputzte, schiefgetretene, dünne Stiefel hineingesteckt waren. An den dünnen, schwachen Beinen hingen schwere Fußfesseln, die den unsicheren Gang des jungen Mannes noch mehr erschwerten.

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