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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ich weiß recht gut, was Vorschrift ist, lieber Freund! Ich gehe zur Polizei. Denkst du, ich gehe nicht hin? Mit Gewalt über andere Menschen herzufallen, das ist heutzutage niemandem erlaubt!« rief der Schankwirt und hob seine Mütze auf.

»Wollen hingehen, gut! Wollen hingehen, gut!« riefen einander der lange Bursche und der Schankwirt abwechselnd zu, und beide gingen zusammen die Straße entlang.

Der mit Blut befleckte Schmied ging neben ihnen her. Die Fabrikarbeiter und allerlei unbeteiligtes Volk folgte ihnen redend und schreiend.

An der Ecke der Maroseika-Straße, bei einem großen Haus, dessen Fensterläden geschlossen waren und an dem das Aushängeschild eines Schuhmachermeisters angebracht war, standen etwa zwanzig Schuhmacher, magere, kraftlose Gestalten, mit niedergeschlagenem Gesichtsausdruck, in langen Kitteln oder zerrissenen Röcken.

»Er soll dem Volk Löhnung zahlen, wie es sich gehört!« sagte ein magerer Geselle mit dünnem Bart und finster zusammengezogenen Brauen. »Aber er hat uns das Blut ausgesogen, und damit soll nun die Sache abgetan sein. An der Nase hat er uns herumgeführt, uns zum besten gehalten, eine ganze Woche lang. Und jetzt, nachdem er uns in die größte Not gebracht hat, hat er selbst sich davongemacht.«

Als der redende Geselle den Volkshaufen und den blutbefleckten Mann sah, brach er ab, und alle Schuhmacher schlossen sich eilig und neugierig dem dahinziehenden Schwarm an.

»Wohin gehen denn die Leute?«

»Das ist doch klar; zur Obrigkeit gehen sie.«

»Haben denn die Unsrigen wirklich nicht gesiegt?«

»Was denkst du dir bloß! Hör nur, was die Leute sagen.«

Es folgten Fragen und Antworten. Der Schankwirt benutzte das Anwachsen des Menschenhaufens, löste sich von der Menge und kehrte nach seiner Schenke zurück.

Der lange Bursche bemerkte das Verschwinden seines Feindes, des Schankwirts, gar nicht; mit dem nackten Arm gestikulierend, hörte er nicht auf zu reden und lenkte dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Er war es, um den sich die Menge ganz besonders herumdrängte, in der Hoffnung, von ihm eine Aufklärung der sie beunruhigenden Zweifel zu erhalten.

»Der wird uns zeigen, was Vorschrift ist und was Gesetz ist! Dazu ist die Obrigkeit eingesetzt. Habe ich nicht recht, rechtgläubige Brüder?« sagte der lange Bursche mit leisem Lächeln. »Er denkt wohl, es ist keine Obrigkeit mehr da? Ohne Obrigkeit geht es nicht. Da würden viele zu rauben anfangen.«

In der Menge redeten die Leute bunt durcheinander: »Wozu spricht der von solcher Lappalie …! Wie ist es? Also wird Moskau wirklich aufgegeben werden …! Ach, das haben sie dir aus Spaß gesagt, und du hast es geglaubt. Unsere Truppen, die herkommen, sind eine gewaltige Menge. Darum haben sie den Feind bis hierher gelassen … Dazu ist die Obrigkeit da … Hört nur, was das Volk sagt!« Bei diesen letzten Worten wies man auf den langen Burschen hin.

An der Mauer von Kitaigorod, der Innenstadt, umgab ein anderer, kleinerer Trupp Menschen einen Mann, der einen Friesmantel trug und ein Blatt Papier in der Hand hielt.

»Ein Erlaß! Ein Erlaß wird vorgelesen! Ein Erlaß wird vorgelesen!« wurde bei dem großen Schwarm gerufen, und das Volk strömte zum Vorleser hin.

Der Mann im Friesmantel las ein Flugblatt vom 31. August vor. Als die Menge ihn umringte, schien er verlegen zu werden; aber auf die Forderung des langen Burschen hin, der sich bis zu ihm durchgedrängt hatte, begann er, mit einem leichten Zittern in der Stimme, das Flugblatt noch einmal von Anfang an vorzulesen.

»Ich werde morgen früh zu dem durchlauchtigen Fürsten fahren«, las er (»zu dem Durchlauchtigen!« wiederholte der lange Bursche feierlich, wobei sein Mund lächelte, während die Brauen sich zusammenzogen), »um mich mit ihm zu besprechen, mit ihm gemeinsam zu handeln und unsere Truppen bei der Vernichtung der schändlichen Feinde zu unterstützen; auch wir werden uns dabei beteiligen, ihnen die Jacke …«, fuhr der Vorleser fort und hielt einen Augenblick inne (»Habt ihr es gehört?« rief der Bursche triumphierend. »Der wird ihnen schon ihren Lohn geben …«), »die Jacke vollzuhauen und diese ungebetenen Gäste zum Teufel zu schicken. Ich werde um Mittag zurückkommen, und dann wollen wir ans Werk gehen; wir werden uns dranmachen, es den Bösewichtern gehörig besorgen und die Sache ein für allemal erledigen.«

Diese letzten Worte wurden von dem Vorleser unter vollständigem Stillschweigen gelesen. Der lange Bursche ließ traurig den Kopf hängen. Es war klar, daß diese letzten Worte bei niemand Anklang fanden. Namentlich die Worte: »Ich werde um Mittag zurückkommen«, erregten offenbar sogar ein starkes Mißvergnügen bei dem Vorleser und bei den Zuhörern. Das Denken des Volkes war auf einen hohen Ton gestimmt; dies aber war doch gar zu einfach und mit einer unangebrachten Verständlichkeit gesagt; das war von der Art, wie es ein jeder von ihnen auch hätte sagen können; so durfte mithin nicht ein Erlaß reden, der von der höchsten Obrigkeit ausging.

Alle standen in gedrücktem Schweigen da. Der lange Bursche arbeitete mit den Lippen und wiegte sich hin und her.

»Sollen wir den fragen …? Ist er das selbst …? Ja, der wird auch gerade auf unsere Bitte hören …! Was ist dabei …? Er wird es uns schon sagen …«, hörte man auf einmal in den hintersten Reihen der Volksmenge reden, und die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich dem Wagen des Polizeimeisters zu, der, von zwei Dragonern zu Pferd eskortiert, auf den Platz gefahren kam.

Der Polizeimeister war an diesem Morgen auf Befehl des Grafen ausgefahren, um die Barken auf der Moskwa in Brand zu stecken, und hatte anläßlich dieses Auftrages von den Eigentümern eine große Summe Geldes eingeheimst, die sich augenblicklich in seiner Tasche befand; als er den Volkshaufen sah, der sich auf ihn zu bewegte, ließ er den Kutscher anhalten.

»Was ist das für eine Zusammenrottung?« schrie er die vordersten an, die sich einzeln und schüchtern seinem Wagen näherten.

»Was ist das für eine Zusammenrottung? frage ich euch«, wiederholte der Polizeimeister, da er keine Antwort erhalten hatte.

»Diese Leute, Euer Wohlgeboren«, sagte der Kanzlist im Friesmantel, »diese Leute, Euer Wohlgeboren, wünschten gemäß der Aufforderung Seiner Erlaucht des Grafen dem Vaterland zu dienen, ohne ihr Leben zu schonen; es ist keineswegs ein Aufruhr, wie ihn Seine Erlaucht der Graf verboten hat …«

»Der Graf ist nicht weggefahren, er ist hier; und was euch betrifft, so werden die nötigen Anordnungen getroffen werden«, sagte der Polizeimeister. »Fahr zu!« sagte er zum Kutscher.

Die Menge blieb stehen, drängte sich um diejenigen, die die Worte des Polizeimeisters gehört hatten, und blickte dem davonfahrenden Wagen nach.

Der Polizeimeister sah sich in diesem Augenblick ängstlich um, sagte seinem Kutscher etwas, und die Pferde griffen noch schneller aus.

»Wir sind betrogen, Kinder! Er soll uns zum Grafen selbst hinführen!« rief der lange Bursche.

»Laßt ihn nicht weg, Kinder! Der Graf soll uns Rechenschaft geben! Haltet ihn auf!« riefen viele Stimmen, und das Volk rannte dem Wagen nach.

Die Menge gelangte hinter dem Polizeimeister her mit lärmendem Gerede nach der Lubjanka-Straße.

»Na ja, die vornehmen Herren und die Kaufleute sind weggefahren, und wir müssen dafür zugrunde gehen. Sind wir denn Hunde? Wie?« Dergleichen wurde immer häufiger in der Menge gerufen.

XXIV

Am Abend des 1. September kehrte Graf Rastoptschin nach seinem Zusammensein mit Kutusow nicht in der besten Stimmung nach Moskau zurück. Er fühlte sich gekränkt und beleidigt, weil er keine Einladung zum Kriegsrat erhalten hatte und weil Kutusow sein Anerbieten, sich an der Verteidigung der Hauptstadt zu beteiligen, gar keiner Beachtung gewürdigt hatte; auch war er erstaunt über die neue Anschauung, die ihm im Lager entgegengetreten war, wonach die Frage nach der Ruhe in der Hauptstadt und der patriotischen Gesinnung ihrer Einwohner nicht etwa nur als eine sekundäre, sondern als eine völlig gleichgültige und unerhebliche betrachtet wurde. In dieser Stimmung also kehrte Graf Rastoptschin nach Moskau zurück. Nachdem er zu Abend gegessen hatte, legte er sich unausgekleidet auf das Sofa und wurde nach Mitternacht durch einen Kurier geweckt, der ihm einen Brief von Kutusow überbrachte. Kutusow schrieb darin, da die Truppen sich hinter Moskau auf die Rjasansche Straße zurückzögen, so möchte der Graf einige Polizeibeamte abschicken, um die Truppen durch die Stadt hindurchzuführen. Diese Nachricht war für Rastoptschin keine Neuigkeit. Nicht erst seit der Begegnung mit Kutusow am vorhergehenden Tag auf dem Poklonnaja-Berg, sondern schon seit der Zeit unmittelbar nach der Schlacht bei Borodino, als alle Generale, die nach Moskau kamen, einstimmig sagten, es sei unmöglich, eine Schlacht zu liefern, und als auf seine, des Grafen Anordnung schon allnächtlich fiskalisches Eigentum weggeschafft wurde und die Hälfte der Einwohner wegzog, schon seitdem hatte Graf Rastoptschin gewußt, daß Moskau preisgegeben werden würde; aber nichtsdestoweniger überraschte und kränkte es den Grafen, daß ihm diese Nachricht in Form eines einfachen Billetts, in Verbindung mit einem Befehl Kutusows mitgeteilt und ihm noch dazu bei Nacht, in der Zeit des ersten Schlafes, zugestellt wurde.

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