Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Halef wollte eine Antwort geben. Ein schlaues Grinsen lag auf seinen Zügen. Aber Michel kam ihm zuvor. Er durchbohrte ihn plötzlich mit seinen Blicken und begann wieder zu pfeifen, schrill und durchdringend.
Halef zuckte zusammen und wollte fortrennen.
»Bring uns zu essen und zu trinken; aber laß uns ja nicht zu lange warten. Sonst soll dich auf der Stelle der Schejtan holen, und ich werde dafür sorgen, daß deine Seele in eine Wildsau verwandelt wird und auf ewig in die Dschehenna fährt. —
Los«, fauchte er ihn plötzlich an, »geh jetzt und mach uns was zu essen!«
Halef stürmte davon. Der Fremde flößte ihm eine unbestimmte Furcht ein. —
22
Sie bekamen wieder Reis mit Hammelfleisch. Etwas anderes schien es hier nicht zu geben. Nach dem Essen rief Michel nach Halef und sagte:
»Melde mich jetzt deinem Herrn. Ich wünsche ihn zu sprechen. Aber laß nicht wieder stundenlang auf dich warten.«
Es dauerte nur kurze Zeit. Dann erschien der Diener wieder und meinte:
»Mein Herr ist nicht zu sprechen; denn er möchte noch ein wenig schlafen. Er hatte in der letzten Nacht anstrengende Verhandlungen mit dem Gouverneur und läßt euch sagen, daß ihr weiterreiten sollt.«
Michel fragte kalt: »In welchem Raum pflegt dein Herr zu nächtigen? Führe mich zu ihm.«
»Du willst doch nicht etwa trotz — — —«
»Doch ich will! Führe mich!« unterbrach ihn Michel ungeduldig.
»Ich kann dich nicht zu ihm führen, Sayd, es geht nicht. Abd el Hamid ist ein gestrenger Herr. Er würde mich peitschen lassen, wenn ich seinen Befehlen zuwider handelte.« »So mag er dich peitschen. Wenn du mich jetzt nicht gleich hinführst, so wirst du in der nächsten Sekunde in die Hölle fahren, das verspreche ich dir.«
Michel packte ihn beim Burnus und gab Steve Hawbury einen Wink. Dieser zog aus der neben ihm liegenden Satteltasche eine Wildschweinhaut hervor und breitete sie auf dem Boden aus. Sie hatten auf ihrer langen Reise des öfteren Gebirgsschweine erlegt; denn viel anderes Wild war ihnen nicht vor die Flinte gekommen. Und da sie die Gewohnheiten und Sitten der Eingeborenen kannten, hatte Steve den Vorschlag gemacht, eine solche Haut mitzunehmen, um durch Drohung Hilfe zu erzwingen, die ihnen freiwillig nicht gewährt wurde. Sie befanden sich in einer Notlage und mußten auch zu absonderlichen Mitteln greifen, wenn sie nicht wie gemeine Diebe stehlen wollten.
Halefs Augen weiteten sich vor Entsetzen. Mit einem Aufschrei riß er sich los und rannte davon.
Michel sauste hinter ihm her; denn er war überzeugt davon, daß Halef zu seinem Herrn laufen würde, um ihm von dem teuflischen Beginnen der Fremden Bericht zu erstatten.
»Sayd! — Sayd!« schrie der Flüchtende schon auf dem Wege; »sie wollen mich der Genüsse des siebenten Himmels berauben! Sie wollen mich verunreinigen! Oh, Sayd, hilf mir!«
Er riß die Tür auf und stand mitten im Schlafzimmer des müden Kaufmanns, den das Geschrei vollends wach gemacht hatte. Abd el Hamid lag gähnend auf dem Bett. Dann richtete er sich auf, griff neben sich und stülpte sich den Turban über den schlaftrunkenen Kopf. Denn ein guter Muslim zeigt sich auch seinen engsten Freunden nicht entblößten Hauptes.
Seine Blicke wandten sich erstaunt und mißtrauischdem Fremden zu, der hinter seinem Diener durch die Tür trat. »Was willst du?« herrschte er Michel barsch an.
»Dich sprechen. Hat dir das dein fauler Diener nicht gesagt?«
»Nimm deine Zunge in acht, verdammter Bettler!« rief der Kaufmann ungehalten. »Mach, daß du hinauskommst! Deine Anwesenheit belästigt mich und stört meine morgendliche Beschaulichkeit.«
Michel sah sich im Zimmer um. Dem Bett gegenüber stand ein Diwan. Er ging hin und ließ sich nach arabischer Sitte mit gekreuzten Beinen darauf nieder.
Abd el Hamid starrte ihn entgeistert an. Er war gewohnt, daß man seine Befehle und Wünsche unwidersprochen befolgte.
»Bist du verrückt, Mensch? Soll ich dir die Kurbatsch auf die Sohlen zu schmecken geben? Wer hat dir erlaubt, dich hier niederzulassen?«
Michel lehnte sich lässig an die Wand und betrachtete den Kaufmann seelenruhig. »Höre, Abd el Hamid, wenn du weiter so schimpfen willst, können wir nicht verständig miteinander sprechen. Ich-«
»Ich will nicht verständig mit dir sprechen. Ich will, daß du gehst, bevor ich dich vertreiben lasse. Ich hasse den Unfrieden in meinem Hause.« Michel rührte sich nicht.
»Ich brauche deine Hilfe, Hamid«, sagte er. »Du kannst Menschen, die sich in Not befinden, deine Hilfe nicht verwehren. Der Prophet würde es dir übel vermerken, wenn du — —«
Er wurde plötzlich von einer kreischenden Stimme unterbrochen. Der Alte, der aussah wie eine ausgequetschte Zitrone, kam in den Raum. Er schrie Zeter und Mordio.
»Ibn Hamid, das Licht meiner alten Augen, dein Sohn und mein Enkel, der Glanz unseres Hauses ist krank. Er liegt im Bett und stöhnt, und niemand kann ihm helfen.«
Da schien der Kaufmann mit einemmal die Gegenwart Michels zu. vergessen. Er sprang auf und starrte den Ahn erschrocken an.
»Hat er einen heißen Kopf?«
»Ja, ja, er hat einen heißen Kopf! Ach, die Lampe meiner Seele, die Freude meiner alten Tage wird sterben. Was hast du verbrochen, Hamid, daß Allah dich so schwer bestraft?«
Halef, der Diener, blickte seinen Herrn erschrocken an. War das schon ein Zeichen Allahs, daß er den Ungehorsamen, der in den Häusern der Christen verkehrte, strafte?
Hamid fuhr ihn an:
»Was stehst du hier noch herum, Elender! Hole den Hekim — — hörst du nicht, du sollst den Hekim holen! Sage ihm, ich bezahle jede Summe, wenn er meinen Sohn wieder gesund macht.« Als Halef den Raum verlassen hatte, setzte sich Abd el Hamid auf den Rand des Bettes und brütete vor sich hin.
Es währte immerhin eine gute halbe Stunde, bis der Hekim kam. Michel schauderte, als er ihn sah: ein dicker, listig dreinblickender Kerl, dem es wahrscheinlich mehr auf das Honorar als auf die Gesundheit des Patienten ankam. Zur Unterstreichung seiner Würde hatte er eine uralte, schmutzige Knochensäge an einem Band auf seinem vor Dreck starrenden Burnus hängen. »Salam alejkum«, grüßte er. »Wa alejkum 's salam«, erwiderte Abd el Hamid.