Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Der Anführer stieg trotz der unheimlichen Fettberge, die er mit sich herumschleppte, mit großer Wendigkeit vom Pferd und trat auf die verstört am Boden kauernde Marina zu, von der die Hunde jetzt abgelassen hatten und die überhaupt nicht wußte, worum es eigentlich ging; denn sie verstand nur wenige Worte der arabischen Sprache. Mustapha fuhr der Erschrockenen mit der rechten Hand in den Mund, öffnete ihn brutal und begutachtete ihre Zähne. .Dann wandte er sich befriedigt zu seinen Begleitern und sagte:
»Allah hat es wirklich gut mit uns gemeint. Dieses Weib bringt nicht zehntausend, sondern mindestens zwanzigtausend Piaster. Ich werde sie auch nicht dem Sultan anbieten, sondern ein paar Spezialkunden, die schon immer eine weiße Sklavin haben wollten.« Die Männer betrachteten Marina nur als Ware. Der fette Kerl nahm sie auf und setzte sie vor sich in den Sattel. Sie dachte nicht daran, sich zu wehren, denn die Hunde behielten sie die ganze Zeit über mißtrauisch im Auge. Es waren große, gelbe nordafrikanische Sklavenhunde, die auf den Menschen dressiert waren und den zehnfachen Preis eines Menschen kosteten. Nach ein oder zwei Stunden kamen sie an eine Lichtung, auf der ein paar sehr luxuriöse Zelte standen. Eins war aus blauer Seide. Dort hinein brachte man die Gefangene. Zwei bildschöne arabische Frauen waren schon dort. Sie ruhten auf kostbaren Diwans. Ihre weiten Hosen bestanden aus in Damaskus gewebten Stoffen. Marina hatte den Eindruck, daß sie sich hier recht wohl fühlten.
Die ältere von ihnen richtete ein paar Worte an die Gräfin, die diese aber nicht verstand. Dann wandte sie ihren Blick vollends zu der Neuen und musterte sie von oben bis unten. »Weiße Frau«, sagte sie auf einmal in gebrochenem Spanisch. »Ja«, antwortete Marina, nur, um wenigstens ein Wort zu sprechen.
»Sie werden machen gutt Geld mit dir«, nahm die andere wieder das Wort, »weiße Frau vill wert bei Muslim.«
»Wie meinst du das?« fragte Marina erschrocken.
»Ich meinen, du Sklavin wie wir. Wir verkauft nach Türkei oder Indien. Ich nicht wissen, wohin.«
Marina starrte die Frau, die diese schwerwiegenden Worte so gleichgültig gesagt hatte, mit entsetztem Blick an. War sie Mädchenhändlern in die Hände gefallen? Wollte man sie etwa nach dem Orient verschleppen? Sie hatte manches von den fürchterlichen Schicksalen europäischer Frauen gehört. Sie preßte die Hände an die Schläfen. Ihr Herz hämmerte wild. Und ganz plötzlich sank sie bewußtlos zusammen. Die Nervenanspannung, die nun schon seit dem Verrat Joses auf ihr lastete, war zu groß gewesen.
Die Araberinnen stießen einen Schrei des Schreckensaus und zogen an einer Seidenschnur. Draußen erklang eine Glocke. Die Frauen verhüllten gewohnheitsmäßig die Gesichter, als Mustapha, der Anführer der Sklavenkarawane, erschien. Der fette Kerl blieb beim Anblick der Bewußtlosen erstaunt stehen.
»Allah ist groß und unerforschlich in seinen Ratschlüssen. Aber er hätte nicht weise gehandelt, wenn er sie uns genommen hätte, bevor wir sie verkauft hätten. O Allah, denke doch an das Unglück, das deine gläubigen Diener befallen würde, wenn wir sie verlieren müßten!« Ein anderer der Männer war hinter ihm ins Zelt getreten. Er preßte sein Ohr auf Marinas Brust. »Sie ist ohnmächtig«, sagte er zu Mustapha. »Vielleicht hat sie Hunger.« Mustapha wandte sich an die beiden Araberinnen.
»Pflegt sie gut, ihr Weiber, und gebt ihr zu essen und zu trinken. Wenn sie nicht wieder gesund wird, verkaufen wir euch an einen Harem, der schon hundert Frauen beherbergt.« Ein erschreckter Aufschrei der beiden Frauen ließ ahnen, wie gräßlich eine solche Sklaverei sein mußte. So bemühten sie sich eifrig um Marina.
19
»Wenn wir nicht in der nächsten halben Stunde den Hohlweg erreichen, von dem Marina gesprochen hat, als sie uns den Weg zum Ankerplatz der Galeone schilderte, so sind wir falsch geritten und haben ihn verfehlt«, sagte Michel Baum und verhielt sein Pferd. Isolde Hawbury wankte im Sattel. »O Gott, wenn es noch lange dauert, so kann ich nicht mehr weiter«, stöhnte sie verzweifelt. »Ich wollte, wir wären schon auf dem Schiff.« »Ihr müßt noch ein wenig durchhalten, Miss Hawbury«, tröstete Michel freundlich. »Auf dem Schiff gibt es alle Bequemlichkeit, und ich bin sicher, daß Marina nicht zögern wird, Euch einen Platz in ihrer eigenen Kabine anzuweisen.«
Sie setzten die Pferde wieder in Bewegung und ritten im Schritt weiter. Ojos Augen suchten mit unstetem Mißtrauen die links und rechts sich breitenden Hügelketten ab. Er war — wie ein guter Wachhund — immer auf dem Sprung. Er traute niemandem außer sich selbst und seinem verehrten »Senor Doktor«.
Je weiter die Minuten, die zu der halben Stunde gehörten, von der Michel gesprochen hatte, abbröckelten, desto unruhiger wurde Steve Hawbury. Sein Denken war von eindeutiger Klarheit: nachdem er seine Schwester in Sicherheit wußte, galten seine Gedanken uneingeschränkt jener unerhörten Frau, die ihm zum Schicksal geworden war: der andalusischen Gräfin, der Piratin! Dem jungen Hawbury war es nicht verborgen geblieben, daß sich Marina während des ganzen Fluchtwegs von El Mengub bis nach Algier unablässig um Michel Baum bemüht hatte. Und diese sichtbare Teilnahme für einen anderen Mann hatte einen Stachel in seine dürstende Seele gesenkt. Aber mit der Aufmerksamkeit eines Eifersüchtigen war es ihm auch nicht entgangen, daß die tollkühne Frau bei Michel nur einer kühlen, höflichen Freundlichkeit begegnete, die sich wie ein undurchdringlicher Panzer um ihn gelegt hatte.
Da schöpfte der junge Mann neuen Mut und begannnun seinerseits, Marina den Hof zu machen. Seine Beständigkeit amüsierte die Gräfin zunächst. Dann aber begann sie sie ernst zu nehmen. »Der Hohlweg!« rief Ojo auf Spanisch.
»Ah — endlich!« meinte Michel befriedigt. »Dort ist der Hohlweg«, wiederholte er auf Englisch; denn Steve verstand noch immer nicht die Sprache der Hidalgos.
»Well — well«, sagte er ungeduldig und blickte auf seine Schwester, »habt Ihr etwas dagegen, wenn ich die Spitze nehme und vorausreite? Ich denke, Isolde ist noch zu schwach zum Galoppieren.«
»All right«, nickte Michel und verbarg ein Lächeln.
Hawbury stürmte ungestüm von dannen. Sekundenlang noch hörte man das schnelle und harte Schlagen der Hufe seines Pferdes.
»Ich muß mich wundern« — Ojo schüttelte den Kopf — »daß die Gräfin nicht wenigstens eine Wache an den Ausgang des Hohlwegs stellen ließ. Wie leicht hätten wir ihn verfehlen können.« Michel nickte. Er hatte den gleichen Gedanken. Jedoch er schwieg. Plötzlich, ganz plötzlich, vielleicht vollkommen grundlos, hatte sich seiner das Gefühl einer Unsicherheit bemächtigt. Immer tiefer in den Hohlweg hinein führte ihr Weg. Sie mochten eine halbe Stunde geritten sein, als ihnen jagender Huf schlag entgegenkam. Michel nahm das Gewehr vom Sattelknauf und wartete. Man war in Feindesland und mußte stets irgendeiner Feindseligkeit gewärtig sein. Der Ankömmling war aber Steve Hawbury.