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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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Michel fragte einen der »Pastetenbäcker«, ob heute eine Reiterschar im Dorf angekommen wäre, die Säcke bei sich gehabt habe. Einige Knaben, die umherstanden und faul in die Sonne blinzelten, gaben schreiend Auskunft, und so fand er bald die Hanfhändler in der Hütte des Dorfältesten, wo sie es sich bei Reis und Hammelfleisch wohl sein ließen. Nachdem die beiden Ankömmlinge aufgefordert worden waren, sich zu einer Tasse Mokka und einer Wasserpfeife niederzulassen, verlangte der Anführer, die Papiere zu sehen, die zum Abschluß des Verkaufs nötig waren.

Michel, unkundig der arabischen Schrift und der arabischen Gepflogenheiten, gab sie ahnungslos aus der Hand. Der Mann nahm sie, betrachtete sie eingehend, schmunzelte dann zufrieden und ließ sie in den Weiten seines Hajk verschwinden.

Michel trank den heißen Kaffee, und Ojo rauchte eine Pfeife nach der anderen; denn beides, der Tabak und der Kaffee, waren ausgezeichnet. So wurde es später und später. Als noch ungefähr eine Stunde Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit war, forderte Michel den Anführer der Reiterkolonne auf, ihm die Säcke mit dem Hanf auszuhändigen. Der sah ihn erstaunt an. »Ich gab sie dir doch bereits, als du hier ankamst.« Michel war verblüfft.

»Das ist ein Irrtum«, meinte er in ehrlicher Entrüstung, »ich warte schon seit Stunden darauf. Hätte ich die Waren erhalten, so wäre ich längst über alle Berge.«

Der Araber schüttelte den Kopf.

»Hier in der Tasche meines Burnus habe ich die Papiere, auf denen dein Herr den Empfang der Ware quittiert hat. Also mußt du sie haben. Wenn nicht, so ist das nicht meine, sondern deine Schuld.«

Michel sprang auf. Auch Ojo erhob sich. Obwohl er kein Wort verstanden hatte, mochte er doch fühlen, daß sich im nächsten Augenblick etwas ereignen würde.

»Ich habe keine Ware von dir erhalten. Du bist ein erbärmlicher Lügner. Gib mir die Säcke, oder ich werde dich für deine Unverschämtheit züchtigen.«Der Araber erhob sich ebenfalls. Auch seine Begleiter, vier an der Zahl standen auf. Plötzlich hielten sie Messet in den Händen. »Mach, daß du wegkommst!« schrie der Anführer, »dein Herr ist ein räudiger Hund, der seine Schulden nicht bezahlt. Wir haben uns das unsere genommen. Wenn du mit uns einen Kampf beginnen willst, so wirst du von vornherein der Unterlegene sein. Maschallah, was bist du für ein Esel, die Quittung aus der Hand zu geben!«

Michel sah ein, daß er nicht richtig gehandelt hatte. Auch in Europa gibt kein Mensch eine Quittung aus der Hand, bevor er die darauf quittierte Ware empfangen hat. Diese einfache Weisheit hatte Abd el Hamid auch bei ihm vorausgesetzt. Besondere Anweisungen waren nicht ergangen. Aber was hatte es zu bedeuten, daß dieser Mann behauptete, Hamid sei ein räudiger Hund, der seine Schulden nicht bezahle?

Plötzlich ging dem Pfeifer ein Licht auf. Die Männer, die ihm hier gegenübersaßen, waren gar nicht die Händler, sondern wahrscheinlich die Helfer des Konkurrenten, die sich bereits der Säcke bemächtigt hatten, noch bevor er, Michel, mit den eigentlichen Lieferanten verhandelt hatte. Wie das vonstatten gegangen sein konnte, war ihm im Augenblick unerfindlich. Es spielte auch keine Rolle. Er hatte die Waren nicht. Aber er durfte nicht ohne den Hanf nach Hause kommen, wenn er in den Augen seines Gastgebers ehrlich bleiben wollte. Er warf Ojo einen schnellen Blick zu. Plötzlich stieß er einen Pfiff aus, der die Männer, die ihn mit den Messern bedrohten, zusammenfahren ließ.

Gleich darauf ließ er noch eine ganze Reihe seiner gräßlichen, schrillen Triller hören. Und dann hatte er auch schon sein Gewehr in der Hand und brachte es in Anschlag. »Schejtan«, brüllte der Anführer. »Die Kerle sind bewaffnet! Aber du bist ein Verrückter, wenn du glaubst, daß du uns mit deiner Flinte Angst einjagen könntest. Einmal kannst du schießen. Bevor du wieder geladen hast, werden wir über dir sein und dir die letzten Funken deines überflüssigen Lebens ausblasen.«

»Gib die Ware heraus, Schurke«, entgegnete ihm Michel ruhig, »oder ich werde euch in Sekundenschnelle allen eine Kugel in den Kopf jagen.«

»Aufschneider«, sagte der Araber grimmig, wagte aber doch nichts zu unternehmen, da er damit

rechnen mußte, daß der eine Schuß womöglich ihn treffen würde.

»Diaz, geh hinaus und sieh nach, ob die Säcke irgendwo liegen. Ich werde die Burschen mittlerweile in Schach halten. Wenn du etwas hörst, so komm herbei und hilf mir.

»Si, Senor Doktor«, nickte der Brave und wandte sich dem Ausgang der Hütte zu, aber dem hinteren, der auf den Hof führte.

»Was habt ihr da in einer Sprache zu reden, die wir nicht verstehen?« fragte der Anführer heftig.

»Das geht dich nichts an. Wir reden, wie es uns paßt, verstanden?«

Als Ojo die Hütte verlassen hatte, wollte einer der Männer hinter ihm her.

»Halt«, donnerte Michel. »Rühr dich nicht vom Fleck!«

Der Mann gehorchte nicht.

Michel riß seine Muskete an die Wange und feuerte. Der Getroffene wälzte sich stöhnend am Boden und umklammerte mit beiden Händen seine rechte Wade, in die ihm die Kugel aus nächster Nähe gedrungen war.Ein zweiter wollte sich nun auf den Pfeifer stürzen. Doch dieser hatte im Bruchteil einer Sekunde die Läufe seines Gewehrs weitergedreht und feuerte nochmals. Auch der zweite fiel zu Boden. Michel gab einen weiteren Schuß ab, um den Burschen zu zeigen, daß er schießen konnte, auch ohne zwischendurch zu laden. Der Erfolg blieb nicht aus. Die Kerle gaben keinen Ton von sich, sondern starrten ihn mit aufgerissenen Augen an.

»Maschallah«, schrie einer entsetzt, »dieses Gewehr hat der Schejtan gebaut. Es schießt immerfort. Oder habt ihr ihn laden sehen?«

»Ich kann hundert damit erschießen«, sagte Michel gelassen. »Ihr scheint mich für sehr dumm zu halten.«

»Sayd«, meinte der Anführer jetzt versöhnlich, »stehst du für dauernd in den Diensten des Kaufmanns Abd el Hamid?«

»Das geht dich nichts an. Jetzt gib die Papiere heraus, los — ich zähle bis fünf —« Der Anführer warf ihm einen haßerfüllten Blick zu, und die Papiere flatterten auf die Erde. Eine Weile ließ Michel verstreichen. Dann stieß er einen Pfiff aus, der für Diaz Ojo bestimmt war. Nach wenigen Sekunden hörte er einen gleichen Pfiff von draußen. Das hieß soviel wie: Es ist alles in Ordnung. Wir können reiten.

Schritt für Schritt wich Michel rückwärts aus der Hütte, ohne seine Widersacher aus den Augen zu lassen. Ojo war bereits aufgesessen.

Michel sprang in den Sattel. Dann jagten sie mit der Last der sechs Ballen davon. Immer wieder spähten sie nach rückwärts. Aber ihre Gegner schienen keine Lust zu einer Verfolgung zu haben. Unbehelligt erreichten sie die Stadt und das Haus, in dem sie Gastfreundschaft genossen. »Vielleicht gibt uns Abd el Hamid auch ein paar anständige Kleidungsstücke, wenn wir ihm seine Quittungen mitsamt dem Hanf bringen. Möchte überhaupt wissen, was sie hier mit dem Hanf machen, Stricke vielleicht oder Hanföl? Aber dazu erscheint er mir zu trocken«, sagte Ojo. Michel nickte.

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