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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Was ist los?« fragte Michel mit heimlicher Unruhe, »weshalb reitet Ihr Euer Tier fast zuschanden?«

Steve fand nicht gleich Worte. Als er sich einen Augenblick verschnauft hatte, berichtete er: »Das Schiff ist weg, Mr. Baum. Im Hohlweg liegen zwei Leichen. Der eine Tote ist Guillermo. Den anderen kenne ich nicht dem Namen nach; aber ich habe ihn auf dem Schiff gesehen. Ich habe sogar einmal fast mit ihm gekämpft — damals, als ich von der »Trueno«übernommen wurde. Soweit ich unterrichtet bin, gehörten beide Tote zu den zuverlässigsten, der Kapitänin treu ergebenen Leuten.«

Jetzt wußte Michel, warum sein Herz in böser Vorahnung heftiger geklopft hatte. Nach zehn Minuten erreichten sie die Stelle, an der Guillermo und Hernan lagen. Michel suchte die ganze Gegend Stück für Stück ab, um irgendwelche Spuren zu finden, die ihm hätten verraten können, was sich hier abgespielt hatte.

Nach verhältnismäßig kurzer Zeit erreichten sie den Lagerplatz, auf dem gestern noch die Zelte gestanden hatten. Die Löcher, die von den Pflöcken herrührten, waren deutlich zu erkennen. Abfälle und verlorene Kleinigkeiten verrieten, daß hier vor kurzem noch viele Menschen gelagert hatten.

»Kein Zweifel«, sagte Michel finster, »hier lag die Mannschaft der »Trueno«. Ich bin der festen Meinung, daß das Schiff ohne uns in See gegangen ist.«

Betretenes Schweigen lastete über den vier Menschen. Michel sah sinnend hinaus auf die schäumenden Wogen des Mittelmeeres, als wollte er dort seine Gedanken sammeln. »Guillermo tot«, sagte er langsam. »Hernan ebenfalls tot«, fügte Ojo bedächtig hinzu.

»Ja, aber besonders beschäftigten sich meine Gedanken mit Guillermo. Er war der treueste Gefährte der Gräfin. Ich habe nie einen ergebeneren Menschen gesehen. Und ich traue es Marina nicht zu, daß sie dabei die Hände im Spiel hatte. Ich bin vielmehr davon überzeugt, daß es bei der Ankunft unserer Freunde hier böse Überraschungen gegeben haben muß. Dinge mögen sich ereignet haben, mit denen vorher niemand gerechnet hat. Was meinst du, Ojo, könnte es nicht sein, daß sich Porquez seines Schiffes wieder bemächtigt hat, daß man Marina einfach als Gefangene behandelte, daß man praktisch vor uns geflohen ist, um uns keine Rechenschaft geben zu müssen?«

Ojo schwieg lange. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich glaube nicht, daß es so einfach war, wieder die Führung des Schiffes an sich zu reißen. Und dann bedenkt, Senor Baum, traut Ihr dem kleinen Alfonso Jardin zu, daß er an uns zum Verräter werden konnte? Er weiß doch, in welch einer Situation wir uns befinden, wenn wir nicht auf das Schiff entkommen können. Wir müssen jetzt gewärtig sein, daß uns die Janitscharen jagen, solange wir noch auf ihrem Gebiet sind. Baba Ali wird sich nicht so leichten Kaufes mit dem Verlust Eures Gewehrs abfinden.«

»Ja — Jardin — ich hätte es ihm eigentlich nicht zugetraut. Ich weiß nicht recht. Ich möchte bei ihm nicht an seine Treulosigkeit glauben, aber es muß doch so gewesen sein.«

Isolde hatte ihrem Bruder das Gespräch übersetzt. »Well«, meinte Steve mit verkniffenem Mund, »wie soll es weitergehen? Wir können ja nicht ewig hier bleiben und dem Schiff nachtrauern.

Wir müssen irgend etwas zu unserer Rettung unternehmen. Meint Ihr nicht?«

Michel sah ihn lange an. Dann blieben seine Blicke auf Isolde haften.

»Ihr könnt nicht weiterreiten, nicht wahr, Miß Haw-bury? Ich möchte es Euch wenigstens nicht zumuten. Wir lagern also bis morgen früh hier in der Nähe. Kommt, suchen wir einen passenden Platz.« —

Als sie am nächsten Morgen erwachten, hatte sich bei allen quälender Hunger eingestellt. Michel verfügte noch über ein paar Handvoll getrockneter Datteln. In der Nähe ihres Lagerplatzes hüpfte mit fröhlichem Plätschern ein klarer Quell aus einem Felsen.

Die Sonne schien bald brennend hernieder. Ojo aber blickte besorgt in den Himmel und meinte: »Trügerisches Wetter. Wir haben jetzt November. Es sollte mich wundern, wenn wir nicht bald einen schönen Dauerregen bekämen.«

»Gestern abend goß es bereits in Strömen. Was soll werden, wenn wir kein Dach über dem Kopf haben? Ich bin so verzweifelt«, stöhnte Isolde. »Warum haben uns Eure Freunde im Stich gelassen, Senor Baum?«

»Ich bin kein Hellseher, Miss«, meinte dieser. »Ich habe die ganze Nacht hindurch darüber nachgedacht, wie wir unser Schicksal meistern können. Über Geld verfügt niemand von uns. Wir können also nicht einmal auf einem der arabischen Küstenboote Passage nehmen. Wenn wir nach Fes wollen, bleibt uns nur der Landweg. Wenn wir durch das Gebirge nach Süden reiten, um uns dann hinter Algier wieder nach Norden zu wenden, wird es hin und wieder eine Jagdbeute geben.«

»Wenn wir wenigstens direkt an der Küste entlangreiten könnten!« meinte Ojo.

»Ja — wenn. Aber du siehst doch wohl ein, daß das am unsichersten ist. Wie leicht könnten wir wieder in die Gefangenschaft des Daj geraten! Sicherheit gibt es für uns nur, wenn wir die Stadt südlich umgehen, umdann nach Oran zu kommen. Von dort aus können wir die Küstenstraße nehmen, bis wir das marokkanische Teil erreichen.«

Er blickte bei den letzten Worten zu Isolde hin.

Das Mädchen starrte ihn mit entsetzten Augen an.

»Durch Algier oder auch nur dicht an der Stadt vorbei dürfen wir auf keinen Fall reiten — auf keinen Fall. — Ich würde vor Angst dabei vergehen.«

»Aber nach Fes müssen wir; denn wir brauchen Euern Vater, daß er uns weiterhilft. Seid Ihr sicher, daß wir ihn noch beim Sultan treffen?« Isolde zuckte die Achseln.

»Ich hoffe es. Es ist meine einzige und letzte Hoffnung.« Sie blieb still und starrte vor sich hin.

20

Im Jahre 1775 war Oran noch ein kleiner Küstenflecken, nur bekannt durch den immerwährenden Streit, den die Spanier und die Janitscharen um ihn führten. Wie ein blutiger Faden läuft durch die Geschichte Orans der ständige Besitzwechsel der Stadt, die erst später, nachdem sie den Franzosen gehörte, zum wichtigsten Hafen Algeriens wurde. Die alte Stadt, wie sie noch vor dem großen Erdbeben vom 9. Oktober 1790 aussah, schmiegte sich an den östlichen Abhang des Dschebel Murdschadscho und gehörte zum großen spanischen Reich, bei dem sie bis zu diesem Erdbeben auch trotz des soeben verlorenen Krieges gegen den Piratenfürsten von Algier verblieb. Natürlich hatte sie bereits damals eine gewisse Bedeutung. Oran bildete letzten Endes den Schlüssel zu Algerien. Deshalb hielten auch die Spanier so hartnäckig an seinem Besitz fest. Handel und Wandel blühte, allerdings nur im mohammedanischen Sinne; denn die Gepflogenheiten christlicher Kaufleute waren den meist eingeborenen Bewohnern durchaus fremd. Die wenigen Spanier, die dort lebten, nahmen bald selbst die Methoden der Araber an, die man sehr leicht auf einen einfachen Nenner bringen konnte: Betrug, Übervorteilung des Handelspartners, Schwindel. —

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