Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ich habe mir auch schon darüber den Kopf zerbrochen. Aber was geht es uns an! Wir haben unseren Auftrag erfüllt und sogar noch etwas mehr. Vielleicht sind ihm die Quittungen einige alte Kleider wert.« —
Sie sollten gar nicht dazu kommen, mit dem Kaufmann über Kleider zu verhandeln. Halef, der Diener, rief ihnen aufgeregt entgegen:
»Werft die Säcke in den Stall! Und dann verdrückt euch! Das ganze Haus ist in Aufruhr. Der Hekim gibt dir die Schuld, daß Ibn Hamid wahrscheinlich wird sterben müssen!«
»Mir gibt er die Schuld? Du träumst wohl! Weshalb sollte ich Schuld haben an der Verschlimmerung seines Zustandes, da ich ihn doch gar nicht behandeln durfte?«
»Ich weiß nicht«, sagte Halef hastig, »mir ist es auch gleichgültig. Jedenfalls stirbt er, und das genügt, um den Herrn für Wochen hinaus in schlechte Laune zu versetzen.«
Michel dachte eine Sekunde nach. Dann meinte er zu Ojo:
»Nimm die Pferde, halte dich bereit und sage den Geschwistern, sie sollen ebenfalls satteln. Wir müssen imstande sein, jede Minute zu fliehen. Was ich dazu tun kann, daß wir heil aus dieser Situation herauskommen,das werde ich tun. Hier, nimm mein Pferd mit, füttere es und gib ihm zu saufen.«
Er sprang aus dem Sattel, steckte seine Büchse wieder unter den Burnus und eilte dem Diener ins Haus nach.
Hier herrschte wirklich große Aufregung. Alles rannte wild durcheinander. Der alte Ahn mit der krächzenden Stimme keifte ein paar Leute an. Halef stand vor der Tür des Krankenzimmers und wartete auf das Erscheinen seines Herrn, der jeden Augenblick herauskommen mußte. Sogar eine tiefverschleierte Frau, wahrscheinlich die Mutter des Jungen, tauchte auf, wurde aber schimpfend von dem Alten wieder in den Harem geschickt. Hier war der Sohn des Hauses krank und nicht etwa ein Mädchen. Also hatten die Bewohner des Harems nichts dabei zu suchen. Michel fragte den zitternden Diener: »Ist Abd el Hamid drinnen?«
»Ja«, stöhnte dieser erschrocken, als er sah, daß der Pfeifer Anstalten machte, die Tür zu öffnen.
»Du darfst nicht hinein. Man hat mir streng verboten, jemanden einzulassen.«
Michel schüttelte die Hand des Dieners von seinem Arm und trat ein.
Die beiden Männer, die dort über das Lager des Jungen gebeugt standen, fuhren herum und starrten den unerwarteten Gast wütend an.
»Schejtan«, schrie der Hekim. »Das ist ja der Wicht, der deinen Sohn verhext hat, Hamid. Jage ihn hinaus.«
Der Kaufmann, dem das Weinen näher als der Zorn war, schrie schluchzend:
»Was willst du hier, du Hundesohn, der du meine Gastfreundschaft so mißbraucht hast? Kannst du mir meinen Sohn wieder lebendig machen? Allahs Zorn über dich und deine Verwerflichkeit!«
Michel sagte nichts. Dem Kaufmann zürnte er nicht. Er war trotz aller Gerissenheit in geschäftlichen Dingen doch nur ein unaufgeklärter Orientale, der vor jedem, der in Istanbul studiert hatte, einen gewaltigen Respekt besaß.
Michel ging langsam, aber mit festen Schritten auf den Hekim zu, der ihm mißtrauisch entgegenblickte.
Als er dicht vor ihm stand, fragte er:
»Willst du deine Behauptung, daß ich dieses Kind verhext habe, noch länger aufrecht erhalten?«
»Allah kerim!« kreischte der Arzt. »Bringt diesen Kerl weg! Er will mich ermorden!«
»Den Teufel werde ich tun, Mensch. Glaubst du wirklich, daß ich meine Hände mit deinem schmutzigen Blut beflecken würde? Nun, sag schon, habe ich ihn verhext, oder hast du vielleicht heute vormittag vergessen, den Patienten zu behandeln?«
»Aber er hat ihn doch auseinandergesägt«, mischte sich Abd el Hamid ein.
»Laß dich nicht auslachen«, gab Michel ihm zur Antwort. »Dieser Kurpfuscher hat deinen Sohn ebensowenig auseinandergesägt wie mich. Du tust mir leid, wenn du sein dummes Geschwätz für bare Münze nimmst.«
»Was verstehst du schon von der Heilkunde!« fragte der Hekim frech.
»So viel jedenfalls, daß ich dir sagen kann, was der junge Hamid hat. Aber ich möchte es gern von dir wissen. Also antworte! Sonst...« — er trat plötzlich noch einen Schritt dichter an den Kurpfuscher heran und riß ihm die Säge vom Hals — »werde ich dich hier vor den Augen dieses ehrenwerten Sayd auseinandersägen, daß dir Hören und Sehen vergeht.« Er packte den Arzt beim Burnus und hob die Säge hoch.
»Waj!« schrie der, »wie kann ich wissen, was der Junge hat? Er hat Schmerzen. Das genügt.« Michel ließ den Mann fahren und fragte:
»Willst du mir tatsächlich weismachen, daß du jemals auch nur eine Universität von innen gesehen hast, du Schwindler?«
Der Scharlatan wurde ganz klein und häßlich.
Michel wandte sich an den bleichen Abd el Hamid.
»Vertraue mir deinen Sohn an. Wenn Allah will, werde ich ihn wieder gesund machen, sofern die Krankheit noch nicht allzu weit fortgeschritten ist.«
Der Hekim, der sein Ansehen in Oran und damit seine einzige legale Geldquelle versiegen sah, protestierte heftig:
»Wie kann ein Laie sich anmaßen, etwas von der Medizin zu verstehen. Ich werde —« »Du wirst gar nichts. Aber ich werde dir jetzt zeigen, wie man Kranke kuriert, die die Ruhr haben.«
»Die Ruhr? Was ist das?« fragte der Kaufmann.
»Man nennt sie hierzulande wohl auch den blutigen Durchfall. Als erstes brauche ich jetzt eine Schale mit Olivenöl.«
Der Kaufmann, der durch Michels Sicherheit neue Hoffnungen schöpfte, rannte aus dem Zimmer und schrie den Diener an:
»Hast du nicht gehört? Der Effendi braucht Olivenöl. Was stehst du noch hier herum?« Der Hekim drückte sich still in eine Ecke und sah aufmerksam zu, was Michel nun machen würde.
Der Junge bekam heiße Umschläge auf den Leib gelegt. Das Öl sollte als Abführmittel wirken. Dann wurde Milch heiß gemacht, die er gegen den brennenden Durst alle paar Stunden zu trinken bekam.