Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Abd el Hamid beugte sich über ihn und meinte:
»Nein, nein, sei still, mein Kleiner, mein Süßer, mein Bester, heute abend wirst du dich tummeln können wie ein Fisch im Wasser.« Er richtete sich wieder auf und befahl Micheclass="underline" »Komm nun, damit er ruhen kann. Unsere Gegenwart regt ihn nur auf.«
Michel warf noch einen Blick auf den Jungen und gehorchte widerstrebend. Er mußte die Wünsche seines Gastgebers respektieren; denn immerhin waren er und seine Freunde auf dessen Freundlichkeit angewiesen.
So folgte er dem Kaufmann.
Als sie den Hof erreicht hatten, sagte er:
»Ich danke dir für deine Gastlichkeit. Wir haben eine lange Reise hinter uns und brauchen Erholung, aber wir haben kein Geld, um Essen und Trinken zu bezahlen.«
Abd el Hamid kniff die listigen Augen zusammen und antwortete:
»Gut, das Schlafquartier im Stall will ich euch für eine weitere Nacht, wie ich bereits sagte, ohne Bezahlung überlassen. Wenn ihr jedoch Essen haben wollt und Futter für eure Pferde, so müßt ihr beides verdienen.«
Michel nickte. Ihm war jede Arbeit recht. Und es ließ ihn auch gleichgültig, daß er wie ein Bettler behandelt wurde. Im Augenblick galt es, das nackte Leben zu bewahren und eine Gelegenheit zu finden, sich mit neuen Kleidern und anderen notwendigen Dingen zu versorgen, um Oran so bald wie möglich wieder zu verlassen.
»Hör zu«, begann Hamid, »ich erwarte heute im Lauf des Nachmittags eine Gruppe von Reitern, die einige Säcke für mich bringen. Leider betreten diese Leute niemals die Stadt bei ihren Lieferungen. Etwas südlich von Oran liegt der kleine Duar Sihdi-Bachr. Dorthin wirst du mit deinen Freunden reiten, um die Ware für mich in Empfang zu nehmen. Das ist alles, was ich von euch verlange.«
Michel krauste die Stirn. Das war immerhin ein sonderbares Ansinnen. Warum brachten die Lieferanten die Säcke mit der Ware nicht in die Stadt? Dabei mußte man stutzig werden. »Was sind das für Waren, Abd el Hamid?« »Oh, nichts als ein paar Ballen Hanf. Keine schwere Arbeit. Nur kann ich gerade heute keine Leute finden, die für mich arbeiten.« Er verschwieg wohlweislich, daß er zwar nicht den spanischen Statthalter, dafür aber einen Angriff der Konkurrenz fürchtete. Es gab in Oran eine ganze Menge Kaufleute, die dem einträglichen Gewerbe der Haschischgewinnung nachgingen. Abd el Hamid war aber einer der wenigen, dessen Rohstoffquellen nie versiegten. Zudem war er einem anderen Kaufmann der Stadt noch eine Abgabe von der letzten Verarbeitung schuldig, die dieser zwar nicht offen zu fordern wagte, weil Hamid die besseren Beziehungen zum Statthalter hatte, die er sich aber doch einmal nehmen würde, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Und Gelegenheit war dann, wenn Hamids Ware in Sihdi-Bachr ankam.
Hamid rechnete mit einem Überfall und mit dem Raub der ganzen Lieferung. Und Hamid war Menschenkenner genug, um Michel für einen ehrlichen Mann zu halten, der sich unter Umständen mit seinem Leben für das Gut des Gastgebers einsetzen würde. »Sind es viele Ballen, die du erwartest?«
»Ich rechne mit sechs. Ihr vier seid genug, sie herbeizuschaffen.«
»Wir sind nur zwei«, entgegnete Michel. »Wir haben eine Frau bei uns. Deren Bruder aber wird zu ihrem Schutz zurückbleiben.«
Abd el Hamid lächelte verständnisvoll. Dann meinte er:
»Wie ist es möglich, daß ihr eine Frau mit euch herumschleppt, wenn ihr kein Geld habt? Verkauft sie mir. Idi werde euch eine gute Summe dafür zahlen.« Michel verlor für einen Augenblick die Fassung. »Verkaufen?« fragte er entgeistert.
»Nun ja«, Hamid zuckte die Schultern, »ich will euch nicht drängen; aber ich kann euch sagen, daß ihr in Marokko oder in Algier auch nicht viel mehr für sie bekommt als hier. Im Gegenteil, wenn ihr das Kostgeld für den langen Weg noch hinzurechnet, dann habt ihr eher einen Verlust zu erwarten.«
»Maschallah, hältst du uns für Mädchenhändler?« Abd el Hamid lachte.
»Bei Allah, vor mir brauchst du dich nicht zu verstecken. Ich erstatte in solchen Fällen keine Anzeige. Mir ist egal, wer sie erhält. Ich hätte euch eine anständige Summe gezahlt, und ihr hättet euch die Arbeit heute nachmittag ersparen können. — Nun, das ist eure Sache.
Bleiben wir also bei der ersten Abrede. Ich glaube fast, daß zwei Männer genügen werden. Du bist kräftig, und dein Gefährte wird auch etwas tragen können, nicht wahr?«
»Ja, ja«, sagte Michel. Er mußte sich erst einmal klarmachen, daß also hierzulande ein Mädchenhändler eine ganz alltägliche Sache zu sein schien. In den Augen eines Arabers tat es ihm also keinen Abbruch, wenn er zu dieser Kategorie Menschen gerechnet wurde.
Etwas Gutes jedoch hatte die Verwechslung für Michel. Man hielt ihn trotz seiner mangelhaften Sprache für einen Araber.
»Ich nehme deine Bedingungen an. Wir werden die Ware hereinbringen, obwohl ich verwundert bin, daß der Lieferant sie nicht vor deinem Hause absetzt.«
»Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Das ist hier in Oran so üblich. Außerdem habe ich euch ja auch nicht gefragt, wer ihr seid, wohin ihr wollt und was ihr vorhabt. Eine Hand wäscht die andere. Kifkif.«[6]
»Schon gut, Abd el Hamid, wir werden dein Verlangen erfüllen. Nun unterrichte mich über die Einzelheiten.«
23
Michel hatte mit Ojo gesprochen. Steve Hawbury bekam Anweisungen, wie er sich zu verhalten habe, wenn unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten sollten. Isolde schlief noch immer völlig erschöpft.
»Nehmt Ihr Euer Gewehr mit, Senor Doktor?« fragte Ojo.
»Ja, gib es her. Ich verberge es unter meinem Burnus. Mir scheint an der Sache etwas faul zu seih. Nun, wenn es darauf ankommt, werden wir uns verteidigen.« Ojo nickte und lud seine alte Steinschloßflinte.
Die Sonne neigte sich bereits nach Westen, als sie Sihdi-Bachr erreichten. Die Einwohner saßen auf der Straße herum und unterhielten sich wild gestikulierend und mit lautem Geschrei. Einige Männer hatten sich eine Art Backofen aus einem alten spanischen Brustpanzer gebaut. Ein Feuer brannte darunter, und in der Wölbung brodelte Öl. Darin schwammen Mehlkuchen. Jedesmal, wenn ein Kuchen fertig war, wurde er aus der »Pfanne« herausgenommen. Diese Dinger glichen unseren Mehlpfannkuchen. Sie wurden mit Tomatenstücken, Fleischresten und Grünzeug gefüllt, mit rotem Pfeffer und Unmengen Paprika scharf gewürzt, zusammengerollt, wobei das Ende mit einem Holzstäbchen an die Rolle geheftet wurde, und dann verkauft. Solche »Pasteten« heißen Cous-Cous[7] und gehören noch heute zu den nordafrikanischen Spezialitäten, die selbst auf den Hauptstraßen der großen Städte täglich feilgehalten werden.
6
Unübersetzbarer Ausdruck, etwa wie das international gewordene »Comme ci, comme sa« der Franzosen.
7
Cous—Cous ist die Bezeichnung fьr zwei verschiedene Speisen. Die eine setzt sich wie oben beschrieben zusammen, die andere besteht aus Reisballen, die in Hammelfleischtunke getaucht werden.