Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
»Kameras sind überall. Es spielt keine Rolle, in welche Richtung wir uns bewegen. Aber alles können sie nicht aufnehmen, vermute ich.«
Sie verlassen den Innenhof und gehen langsam über den Platz. Katja hebt die Hand vor das Gesicht, als wolle sie sich die Nase kratzen, und sagt mit bedecktem Mund: »Ich sah Mangu am Abend vor seinem Tod. Wir sprachen über das Projekt Avatara. Ich sagte ihm, daß er zum Spender ausersehen sei.«
»Allmächtiger! Das hast du getan?«
Sie nickt grimmig. »Ich konnte es nicht länger für mich behalten. Es war ein Montagabend, der Abend vor der Leberverpflanzung, nicht wahr? Mangu hatte am selben Abend eine Rede gehalten. Danach gingen er und ich ins Kasino und tranken etwas. Er befürchtete, der Vorsitzende könne während der Operation sterben, und er müßte die ganze Regierungsverantwortung auf sich nehmen. Er äußerte immer wieder die Befürchtung, daß er der Aufgabe nicht gewachsen sein werde. Und dann fingen wir an, über die drei Projekte zu sprechen, und er erging sich in Spekulationen über Avatara. Wie sich eine erfolgreiche Übertragung vom Bewußtsein des Vorsitzenden in einen fremden Körper auf die Regierungsverantwortung im allgemeinen und auf seine, Mangus Stellung, im besonderen auswirken würde. Er war so anständig, daß er keinen Augenblick für möglich gehalten hätte, er selbst könne zum Körperspender ausersehen sein. Ich konnte es schließlich nicht mehr aushallen, und weil er mir leid tat und ich ihm helfen wollte — ich dachte, er könnte vielleicht einen Staatsstreich versuchen oder wenigstens Gegenmaßnahmen vorbereiten —, sagte ich ihm, er brauche sich deswegen keine Gedanken zu machen und verschwende nur seine Zeit, denn nach der Persönlichkeitsübertragung werde es ihn nicht mehr geben, weil der Vorsitzende ihn zum Körperspender machen wolle.«
Schadrach ist von dieser Beichte wie vor den Kopf geschlagen. »Das hast du getan?«
»Die Worte kamen mir wie von selbst. Da war dieser anständige und verdiente Mann, der über seine Zukunft nachdachte, und ich wußte, daß er keine hatte, daß er praktisch schon zum Tode verurteilt war. Wenn das Projekt Avatara zum Erfolg geführt würde. Wir alle wußten es, alle bis auf ihn. Ich fand es unmenschlich, ihn nichtsahnend in sein Verderben laufen zu lassen.«
»Wie reagierte er?«
»Er wurde aschfahl. Sein Gesicht schien einzufallen. Ein leerer, glanzloser Ausdruck kam in seine Augen. Lange saß er so da und sagte kein Wort. Dann fragte er mich, woher ich es wüßte. Ich sagte, viele wüßten es. Er fragte, ob du davon wüßtest, und ich sagte, daß es wahrscheinlich sei. Ich will mit Nicki Crowfoot sprechen, sagte er. Ich antwortete ihm, daß sie mit dir in Karakorum sei. Dann wollte er mein Urteil über das Projekt Avatara hören, und ich sagte, ich wüßte es nicht, ich hätte großes Vertrauen in mein eigenes Projekt, und mit einigem Glück könne Talos eher zum Erfolg gebracht werden als Avatara. Es sei alles eine Frage der Zeit, sagte ich. Avatara habe gegenwärtig einen Vorsprung, und wenn dem Vorsitzenden in den nächsten Monaten etwas Ernstes zustoße, dann werde man vermutlich Avatara aktivieren müssen, weil der Talos-Automat wenigstens ein weiteres Jahr Entwicklungsarbeit benötige und das Projekt Phönix keine Fortschritte mache. Er dachte darüber nach. Schließlich sagte er mit tonloser Stimme, es mache ihm nichts aus, ob er tatsächlich der Körperspender sein werde oder nicht, entscheidend sei für ihn der Vertrauensbruch. Der Vorsitzende habe ihn glauben machen, er sei sein erklärter Nachfolger, während er insgeheim ein Projekt vorantreibe, das auf seine, Mangus, Ermordung hinauslaufe. Das sei das Schmerzliche daran, sagte er, nicht der Gedanke an den Tod, nicht die Vorstellung, seinen Körper zugunsten des Vorsitzenden aufzugeben. Er werde dem alten Mann niemals vergeben, daß er ihn getäuscht und wie einen Tölpel behandelt habe. Und dann stand er auf, sagte gute Nacht und ging. Was danach war, weiß ich nicht. Ich nehme an, er grübelte die ganze Nacht darüber nach, dachte daran, wie er getäuscht worden war. Gut möglich, daß er keine Chance für einen Putschversuch sah, weil er erkennen mußte, daß viele wichtige Leute seit längerer Zeit von dem ihm zugedachten Schicksal wußten, ohne für ihn eingetreten zu sein. Und als es Tag wurde, stürzte er sich aus dem Fenster.«
»Ja. Ja«, sagt Schadrach. »Das leuchtet ein. Es gibt Wahrheiten, die man nicht ertragen kann.«
»Also gibt es keine Verschwörer. Die Verschwörung existiert nur im paranoiden Geist des alten Mannes. Diese dreihundert Verhafteten sind unschuldig. Gewiß, sie sind Gegner des Systems und insofern vielleicht mit Recht als Staatsfeinde zu bezeichnen, aber am Tode Mangus sind sie alle unschuldig. Wie viele von ihnen sind bisher zu den Organfarmen geschickt worden? Siebenundneunzig? Lauter Unschuldige. Ich sehe, was geschieht, aber ich kann nichts tun. Ich kann nicht den Mund aufmachen und die Wahrheit sagen. Es heißt, der Vorsitzende sei nicht bereit, die Selbstmordhypothese auch nur in Erwägung zu ziehen.«
»Er will, daß es eine Verschwörung war, ja«, sagt Schadrach. »So kann er aus dem Tod Mangus noch politisches Kapital schlagen. Die Verfolgung und Bestrafung dieser Leute macht ihm Spaß.«
»Und wenn ich öffentlich erzählte, was ich gerade dir gesagt habe, würde der alte Mann mich töten lassen.«
Schadrach nickt. »Ja, du würdest morgen in der Organfarm sein. Oder vielleicht würde er dich als den neuen Körperspender für das Projekt Avatara auswählen.«
»Das ist kaum wahrscheinlich«, sagt Katja.
»Ich würde es seinem skurrilen Humor zutrauen. Dein loses Mundwerk hat ihn um Mangus Körper gebracht, also wirst du Mangus Ersatz. Sehr passend.«
»Sei nicht albern, Schadrach. Das ist unvorstellbar. Er ist ein Mann, und er ist Mongole. Er sieht sich als die Reinkarnation des Dschingis Khan. Nie würde er seine Persönlichkeit in den Körper einer Frau verpflanzen lassen.«
»Warum nicht? Die alten Mongolenkhans waren keine sturen Verfechter des Patriarchats, Katja. Soviel ich weiß, ließen die Mongolen sich dann und wann von Regentinnen beherrschen, wenn die männliche Linie ausstarb. Natürlich würde er Anpassungsschwierigkeiten haben. Die Veränderung des Geschlechts mit allen körperlichen Reflexen, den ungezählten kleinen männlichen Gewohnheiten, die er sich würde abgewöhnen müssen…«
»Hör auf, Schadrach. Daß der alte Mann meinen Körper nehmen würde, ist keine ernstzunehmende Möglichkeit.«
»Aber es ist eine amüsante Vorstellung.«
»Ich finde sie nicht amüsant.« Sie bleibt stehen und sieht ihn an. Ihr Gesicht ist blaß und gespannt. »Was können wir tun? Wie können wir diesen Verhaftungen ein Ende machen?«
»Es gibt keine Möglichkeit. Man muß den Dingen ihren Lauf lassen.«
»Angenommen, dem Vorsitzenden wird ein anonymes Papier zugeschickt, in dem ihm lediglich gesagt wird, Mangu habe erfahren, was für ein Schicksal ihm zugedacht gewesen sei, eine ungenannte Person habe ihm enthüllt, daß er als Körperspender für den Vorsitzenden dienen solle…«
»Nein. Entweder würde der alte Mann dieses Papier ignorieren oder eine großangelegte Vernehmungsaktion starten, in deren Verlauf jeder durch die Mangel gedreht würde, der Kenntnis vom Avatara-Projekt gehabt haben könnte.«
»Gut, das ist wahrscheinlich richtig. Aber was soll geschehen, wenn die Verhaftungen nicht aufhören?«
Schadrach zuckt die Achseln. »Avogadro findet bald keine Verdächtigen mehr. Was es in der Mongolei an aktiven politischen Gegnern gibt, hat er allmählich beisammen. Die Aktion nähert sich ihrem Ende.«
»Und die Gefangenen, die noch nicht verurteilt sind?«
Schadrach Mordechai seufzt. »Denen können wir nicht helfen. Sie sind verloren. Da ist nichts zu machen, Katja. Auf diese oder jene Weise erwarten wir alle unser Urteil.«
Den ganzen Nachmittag verfolgt ihn die Vision des armen, getäuschten Mangu, wie er die letzten Stunden seines Lebens verbringt, aller Selbsttäuschungen ledig, konfrontiert mit einer kalten, unbarmherzigen Wirklichkeit. Warum hatte Katja Lindman ihn aufgeklärt? Glaubte sie wirklich, ihm helfen zu können? Hatte sie gehofft, durch ihn den alten Tyrannen stürzen zu können? Nein. Sie muß gewußt haben, daß ein Mann wie Mangu, dem Verläßlichkeit und Loyalität immer höchstes Gebot gewesen waren, an einer solchen schnöden Täuschung persönlich zerbrechen mußte.