Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
Die Stimmen entfernen sich allmählich. Die Musik wird leiser, der Klang der Instrumente ist jetzt hohl, ein bloßer Geräuschumriß, der nichts einschließt, me hr die Idee des Klangs als der Klang selbst, und der weit entfernte Chor singt die furchtbaren Worte des alten Gebets in einem schwach und raschelnd herüberwehenden Ton, der gleichwohl klar und durchdringend bleibt:
Und dann ist alles still. Er hat den Frieden gefunden. Er hat die Kernsubstanz des Traumtodes erreicht, alles Suchen und Bemühen hat ein Ende. Die Jagd ist vorbei. Wenn er wollte, könnte er jeden beliebigen Ort der Erde aufsuchen, und die Mühe des Reisens wäre nicht größer als die eines Augenzwinkers, aber es gibt keinen Grund, irgendwohin zu gehen, denn alle Orte sind eins geworden, und es ist besser, hier zu bleiben, bewegungslos im weichen, süßen, wolligen Vlies des Grabes zu bleiben, hier am Ruhepunkt. Er befindet sich in einem vollkommenen Gleichgewicht. Er ist endlich wahrhaft tot. Er weiß, daß er für immer schlafen wird.
Plötzlich erwacht er. Sein Verstand ist klar, der plötzliche Übergang zum Wachen erzeugt ein schmerzhaftes Prickeln. Katja liegt neben ihm, auf einen Ellbogen gestützt, und blickt mit einem sphinxartigen Lächeln in den Raum. Er sieht ihren breiten, fleischigen Rücken, die massigen Hinterbacken, und augenblicklich ist es um die Gemütsruhe des Traumtodes geschehen; Lust beherrscht ihn. »Laß uns gehen«, sagt er heiser.
»Einverstanden.«
»Es ist nicht weit zum Hotel.«
»Nein. Nicht dort.« Sie hat bereits begonnen, sich anzukleiden. Die Wärterin mit der Löwenmaske ist auf der anderen Seite des Mittelgangs und begrüßt Neuankömmlinge. Das grelle Licht macht Schadrach benommen. Er ist überzeugt, daß Anubis und Thoth noch immer irgendwo in der Nähe lauern. Er müht sich, das verschwundene Gleichgewicht wiederzufinden, den Weg zum Ruhepunkt zurückzugehen, doch er weiß, daß es noch vieler Erfahrungen im Traumtod bedarf, ehe er diesen Ruheort aus eigener Kraft erreichen kann.
»Wo dann?« fragt er.
»Zu Hause. Ich verabscheue Stundenhotels, wußtest du das nicht?«
Also muß er sein Verlangen noch ein paar Stunden unterdrücken. Vielleicht ist das die Lektion des Traumtodes: Reinigung des Geistes durch Aufschub der Befriedigung. Oder vielleicht nicht. Der Schritt von der strahlenden Lichterfülle des Traumtod-Zeltes in die Dunkelheit draußen ist wie ein Schlag, die Nacht ist obendrein kalt, kalt sogar für den mongolischen Mai. Der Geruch von Schnee liegt in der Luft, und der durchdringende Wind fegt vereinzelte kleine Flocken durch die Straßen. Während der Rückfahrt sprechen sie kaum miteinander, doch als der Zug vor dem Eintreffen in Ulan Bator verlangsamt, sagt Schadrach: »Warst du wirklich da?«
»In deinem Traum?«
»Ja. Als wir Sancho Pansa trafen. Und den ersten Kaiser von China. Und als wir nach Mexiko gingen.«
»Das war dein Traum«, sagte sie. »Ich hatte andere.«
»Ach. Ich fragte mich schon, wie das möglich sei. Ich sprach mit dir, hatte dich neben mir, und alles schien sehr lebensecht.«
»So ist es in den Träumen immer.«
»Aber ich bin überrascht, wie spielerisch alles war. Sogar frivol.«
»So war es für dich?«
»Bis zum Ende«, sagte er. »Da wurde es feierlich. Als alles ruhig wurde. Aber vorher…«
»Frivol?«
»Sehr frivol, Katja.«
»Für mich war es die ganze Zeit feierlich. Eine große Stille.«
»Ist es für jeden anders?«
»Natürlich«, sagt sie. »Was dachtest du?«
»Oh.«
»Dachtest du, als du in deinem Traum mir begegnetest, ich sei tatsächlich da, spräche mit dir, teilte deine Erlebnisse mit dir?«
»Ich muß gestehen, daß ich es dachte.«
»Nein. Ich war nicht dort.«
»Nein. Natürlich nicht.« Er lachte. »Na gut, es war naiv von mir. Für dich war es, also ernst und feierlich. Für mich war es wie ein Spiel. Für mich war alles wie ein Spiel. Was sagt das über dich und über mich aus?«
»Nichts.«
»Wirklich nichts?«
»Überhaupt nichts.«
»In den Träumen, die wir für uns wählen, drücken wir nichts über unser inneres Wesen aus?«
»Nein«, sagt sie.
»Wie kannst du dessen so sicher sein?«
»Träume werden für uns ausgewählt. Von Fremden. Mehr weiß ich nicht, aber es ist eine Tatsache, daß die Frau in der Maske uns sagte, was wir träumen sollten. In groben Umrissen. Sie gab sozusagen die Tonart an.«
»Und wir haben keine Wahl, was den Inhalt betrifft?«
»In gewissem Sinne, ja. Ihre Instruktionen werden von unserem Empfindungsvermögen gefiltert, aber trotzdem…«
»Ist dein Traum immer der gleiche?«
»Im Inhalt oder in der Stimmung?«
»In der Stimmung.«
»Der Traum ist jedes Mal anders«, sagt sie. »Und doch ist die Stimmung immer die gleiche, denn auch der Tod ist immer gleich. Es geschieht jedes Mal etwas anderes, aber der Traum bringt einen am Ende immer in der gleichen Weise zum gleichen Ort.«
»Zum Ruhepunkt?«
»Man könnte es so nennen. Ja.«
»Und die Bedeutung dessen, was ich träumte…«
»Nein«, sagt sie. »Sprich nicht von Bedeutung. Der Traumtod hat nichts von der Bedeutung eines Orakels. Der Traum ist ohne Bedeutung.« Der Zug hat die Station erreicht und hält.
»Komm«, sagt Katja.
Sie gehen in ihre Wohnung, die im selben Gebäudeteil wie Nicki Crowfoots Wohnung ist, kleine, kärglich möblierte Räume, mit steifen, schweren Vorhängen. Wieder stehen sie nackt voreinander, und wieder fühlt er die überwältigende Anziehungskraft ihres dicken, stämmigen Körpers; er tritt steif auf sie zu, umarmt sie, bohrt die Fingerspitzen in das tiefe, weiche Fleisch ihrer Schultern und ihres Rückens. Aber er bringt es nicht über sich, diesen schreckenerregenden Mund zu küssen. Er denkt an die fröhlichen Paarungen, die er im Traumtod mit ihr hatte, im Reisfeld, und er zieht sie mit sich aufs Bett, doch obgleich er an ihren Brüsten herumknautscht und sich wieder und wieder an sie drängt, ist er von ihrer körperlichen Nähe völlig entmannt, hilflos und schlaff. Und nicht zum ersten Maclass="underline" ihre sporadischen Liebesabenteuer sind immer von solchen Schwierigkeiten gekennzeichnet, die er bei anderen Frauen selten erlebt. Katja läßt sich dadurch nicht entmutigen. Ruhig drückt sie ihn aufs Kissen zurück, beugt sich über ihn und macht sich mit dem Mund an die Arbeit, ihrem unheimlichen, grausamen scharfzahnigen Mund, und er fühlt die Feuchtigkeit und Wärme von Lippen und Zunge, und unter ihrer kundigen Zuwendung entspannt er sich, vergißt die Angst vor ihr und wird endlich steif. Geschickt schiebt sie sich über ihn — es ist ein Manöver, das sie offensichtlich häufig geübt hat — und rammt sich mit einem jähen Stoß abwärts, spießt sich an ihm auf. Sie kauert rittlings auf ihm, bauernstark, und schaukelt. Er sieht ihr Gesicht von den ersten Wellen der Ekstase verzerrt, mit geblähten Nasenflügeln, fest geschlossenen Augen, in wilder Grimasse gebleckten Zähnen; dann schließt er selbst die Augen und überläßt sich der Vereinigung. Eine erschreckende Energie durchströmt ihn. Sie reitet ihn, erhebt sich, daß kaum noch Kontakt zwischen ihnen ist und preßt sich wieder gegen seinen Körper, aber immer bleibt sie auf ihm, behält die Initiative. Er hat nichts dagegen. Sie windet sich, stößt und mahlt, und plötzlich richtet sie sich auf und bricht in heiseres Lachen aus; es ist ihr Signal, das weiß er, und er ergreift ihre Brüste und erreicht mit ihr den endgültigen Höhepunkt.